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Besuch bei der „alten Dame“

„Das Rationale am Menschen sind seine Einsichten, das Irrationale, dass er nicht danach handelt.“ Das Diktum des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt scheint widersprüchlich zu sein. Wie kann man moralische Werte nicht als seine Handlungsmaxime sehen?
Um diesen und anderen Fragen auf den Grund zu gehen, besuchten die Klassen 9R, 10C und 10R des Julius-Echter-Gymnasiums am 12. Oktober die Theateraufführung von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ im Würzburger Mainfrankentheater. Gleich in der zweiten Aufführung waren wir Zeugen einer Inszenierung, welche die Aktualität des Stückes unterstreicht. Die Frage nach der Gültigkeit moralischer Werte ist oft nicht leicht zu beantworten, stellen diese doch ein Grundsystem des menschlichen Zusammenlebens dar. Doch was passiert, wenn die Moral in Versuchung geführt und ein besseres Leben als das eigene in Aussicht gestellt wird? In Dürrenmatts Stück wird diese Frage verhandelt und die Antwort, welche die Tragikomödie in Würzburg bietet, wirkt verstörend auf die Zuschauer.
Daran verzweifelt auch Ill, der Opfer seiner eigenen Vergangenheit und der Überzeugungskraft des Geldes wird. Die Würzburger Inszenierung veranschaulicht dies treffend. Das minimalistische Bühnenbild lässt den Fokus auf die Spielweise der Schauspieler richten. Diese, teilweise auch in Doppelrollen, vermögen auf ganzer Linie zu überzeugen. Akustisch wurde alles durch metallische Klänge untermalt. Die damit entstehende düstere Atmosphäre lässt das Lachen der Zuschauer recht rasch verstummen. Am Ende ist es nur noch Ill, der lacht. Aus Verzweiflung.
„Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird.“ Diese Dürrenmatt’sche Sentenz breitet sich immer weiter in Ill aus, obgleich ihm seine Freunde und Bekannten immer wieder ihre Loyalität versichern. Es ist für ihn nicht mehr möglich, in einer Welt zu überleben, die sich aller moralischen Grundwerte entledigt hat und die für Geld gegen die eigenen Überzeugungen handelt. Dass die Tat zum Wohle der Allgemeinheit verklärt wird, zeugt zweifellos von der Zeitlosigkeit des Dramas.
Ein Theaterbesuch, der zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Stück anregte. Ein Stück, das durch seine Fragestellung stets aktuell ist, und die Aussage Dürrenmatts, das Irrationale am Menschen sei sein Handeln gegen seine Überzeugungen, ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Fahrt, die für alle Beteiligten sehr lohnend war.
Kneisel

 
29.10.2018 10:31:38 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster