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„187 Jahre – viel zu jung, um schon zur Hölle zu fahren!“

JEG-Theatergruppe beamt Endes „satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ ins Bürgerzentrum

Schulleiter Ulrich Gronemann war schon vor der Aufführung begeistert und lobte die „schöne Akustik und die intensive Atmosphäre des Bürgerzentrums.“ Gut zwei Stunden später dürfte er dann euphorisch gewesen sein: Nun spendeten nämlich die gut 400 Zuschauer minutenlangen Beifall und belohnten damit die Akteure auf und hinter der Bühne für eine Leistung, die weit über das hinausreichte, was man von „normalen“ Schultheateraufführungen erwarten darf.

Christina Hessel hat es in intensiver Probenarbeit wieder mal geschafft, mit ihrer Fassung von Michael Endes „satanarchäolügenialkohöllischem Wunschpunsch“ die mitreißende Spielfreude der meist erst zwölfjährigen Jungen und Mädchen und ihren eigenen Anspruch auf Perfektion verblüffend harmonisch zur Deckung zu bringen. Mit der Tontechnik des Harald Chmiel, der phantasievollen und atmosphärisch stimmigen Beleuchtung des Philipp Heßler und dem Bühnenbild, das Rudy Schmid-Vellenzer mit Hilfe von zahlreichen Elfklässern in wochenlanger Arbeit gestaltet hat, hätte jedes Stadttheater seine Besucher begeistern können. Kein Wunder, dass im Bürgerzentrum schon in der Pause in den höchsten Tönen von diesem „Drumherum“ geschwärmt wurde, auch von den stimmungsvollen Musikeinblendungen, mit denen Hessel die Atmosphäre glänzend abrundete, von den gelungenen Kostümen und von den ausdrucksstarken Masken der Andrea Giegerich – alles wirklich professionell, aber mit dem frischen Schwung beseelten Amateurtheaters der Extraklasse zelebriert.

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Mehr Bilder gibt es in der „satanarchäolügenialkohöllischen“ Bildergalerie!

Natürlich machten aber erst die sechs Akteure auf der Bühne die Aufführung zu diesem eindrucksvollen Erlebnis. Die Mädchen und Jungen hatten in den letzten Monaten einen beeindruckenden „Textberg“ bewältigt und brauchten am Freitagabend kaum einmal die Hilfe der aufmerksamen Souffleusen – schon das eine Glanzleistung! Dass in intensiver Probenarbeit aber alle Auftritte so überzeugend gerieten, dass die Sprache differenziert und klar war, dass auch Gestik und Mimik rundum überzeugte, ist ein weiterer Beweis für den nie nachlassenden Elan und die Motivationskünste der Regisseurin Christina Hessel, die im JEG immer wieder neue Talente für die Bühne entdeckt. Theo Kocea – aus der Klasse 6c wie fünf der sechs Akteure - verkörperte einen Zauberrat Beelzebub Irrwitzer, dem man seine Bosheit genau so abnahm wie seine Angst vor der „Pfändung“. Und seine Tante, die „Geldhexe“ Tyrannja Vamperl, hätte kaum eine bessere Darstellerin finden können als Yazzia Schnee (Klasse 8a). Schon mit ihrem ersten Auftritt provozierte sie spontanen Szenenapplaus, und als sie zusammen mit ihren Neffen wunschpunschbetrunken auf der Bühne wankte und lallte, zeigten beide eine Leistung, die man ins Lehrbuch für das „Betrunkenenspiel“ aufnehmen könnte. Sophie Rothenbücher gab einen Raben Jakob Krakel, der mit viel Charme seine Underdog-Herkunft gegen die angeblich vornehme Herkunft des Kätzchens Maurizio ausspielte. Und diesen Maurizio, mal Minnesänger, mal „Minisänger“, diesen Spion des Hohen Rates der Tiere spielte Ben Staab mit einer glasklaren Artikulation und einer facettenreichen Mimik und Gestik, die niemanden im Bürgerzentrum unberührt ließ. Abgerundet wurde die tolle Ensembleleistung durch Alen Derlic, der den höllischen Gerichtsvollzieher Maledictus Made bürokratisch-cool die Hiobsbotschaft für Irrwitzer verkünden ließ, und durch Tim Spieler, eine ideale Besetzung für St. Silvester war – als starre Steinstatue, aber auch als mal salbungsvoll, mal zutiefst menschlich agierender Helfer kurz vor der entscheidenden Mitternachtsstunde.

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Gut dass die Leistung der sechs kleinen Schauspieler so gut war, sonst hätte man sich leicht am Bühnenbild in der faszinierender Beleuchtung sattsehen können: am phantasievollen Zauberlabor, in dem neben dem überdimensionalen Zauberkessel sogar ein Laptop zum Einsatz kam, am zauberhaften Märchenwald, vor allem aber am höchst eindrucksvollen Glockenturm – einem Glanzstück des ohnehin unglaublich intensiven Bühnenbilds. Am Ende ist – fast – die Frage des Raben gelöst: „Warum haben die Bösen auf der Welt so viel Macht?“ Der „höllische Zentralrechner“ ist jedenfalls überlistet. Ob Irrwitzers Klage geholfen hat: „Ich bin erst 187 Jahre, viel zu jung, um zur Hölle zu fahren“ muss allerdings offen bleiben, das letzte Wort haben die beiden „Spione“ des Guten: Jakobs Satz „Ich glaub, ich krieg die Mauser“ und die Arie des „Minisängers“ „O sole mio“ zu beeindruckender Gestik und Mimik. Der Theaterzauber hat im Bürgerzentrum gewirkt!

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Zum Kinderbuch: „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“

Michael Ende schrieb das Kinderbuch 1989. Inzwischen ist es längst als Theaterversion auf vielen Bühnen zu sehen, es gibt eine Fassung für Marionetten, ein Hörspiel, und bis heute laufen im Fernsehen immer wieder die 52 Folgen der Zeichentrickserie.
Der Inhalt: Der fiese Zauberer Beelzebub Irrwitzer tut Böses, wo er nur kann: er rottet Tierarten aus, vergiftet die Umwelt und sorgt für Klimakatastrophen. Doch im letzten Jahr hat er sein Soll nicht erfüllt und soll gepfändet werden, wenn er bis zum Jahreswechsel nicht noch großes Unheil anrichtet. Da erscheint seine Tante, die böse Geldhexe Tyrannja Vamperl, die ähnliche Probleme plagen. Beide kommen auf die gleiche höllische Idee: ein satanarchäolügenialkohöllischer Wunschpunsch muss gebraut werden.
Die beiden haben ihren Plan aber ohne die Tiere gemacht. Denn Tante Tyrannjas Rabe Jakob Krakel und Irrwitzers kleiner Kater Maurizio di Mauro wurden vom Hohen Rat der Tiere als Spione zu den Magiern geschickt, um weiteres Unheil zu verhindern. Zwar hatte es Irrwitzer geschafft, seinen Kater hinters Licht zu führen, doch nun kommt alles raus. Die zwei kleinen Tiere machen sich auf, die Welt zu retten...
 
Heinz Linduschka