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Tintenherz

„Ohne das Buch ist alles verloren!“

JEG begeistert weit über 1000 Zuschauer mit „Tintenherz“

Am Freitag, den 16. April 2010, kurz vor 22 Uhr, waren selbst Fantasy-Skeptiker begeistert und spendeten minutenlang stehenden Beifall im vollbesetzten Bürgerzentrum Elsenfeld. Der Grund für die riesige Begeisterung: 30 Schülerinnen und Schüler des Julius-Echter-Gymnasiums hatten gut zwei Stunden lang die zweite und letzte Aufführung von „Tintenherz“ beendet und konnten nun die verdienten Ovationen für zwei Sternstunden des Schultheaters entgegennehmen.
 

Capricorn hat gierig die Schatztruhe geöffnet, seine Männer schauen gespannt,
die Gefangenen eher besorgt – ganz rechts die skurril-witzige Tante Elinor.

Sanft einschmeichelnde Musik lockte die Besucher in die geheimnisvolle Welt von „Tintenherz“ hinein, in die Welt der Bücher, die eine echte Alternative zur realen Welt ist – manchmal eine Gefahr, schließlich gibt es den bösen Capricorn, öfter aber eine Verlockung. Dass Mortimer (souverän und mit klarer Artikulation von Felix Blitz gespielt) mit seiner „Zauberzunge“ Figuren aus dem Buch heraus- und andere hineinlesen kann, dass seine Tochter Meggie – Laura Barrett bot eine Glanzleistung aus Spielfreude und mitreißendem Temperament – diese Fähigkeit geerbt hat und dass beide mit Hilfe von Freunden wie Staubfinger, den Max Henkes sehr konsequent auf die Bühne stellte, am Ende alles wieder ins Lot bringen – das gehört zu einem „Renner“ wie „Tintenherz“, bei dem schließlich ein Happy End erwartet wird. Das Schöne in der Inszenierung der JEG’ler: Isabell Caps-Kuhn hat eine Dramenfassung erarbeitet, die nie nur ein Abklatsch des Romans ist, sondern mit großem Sprachgefühl perfekte Dialoge auf die Bühne zaubert und der skurrilen Tante Elinor so viel Platz lässt, dass selbst die oben genannten Fantasy-Skeptiker eine Figur auf der Bühne vorfinden, die sie in ihrer ironisch-distanzierten Haltung gegen zu viel Zauberspektakel immer wieder auf witzige Weise bestärkt. Ein Glücksfall war es, dass diese Rolle mit Xenia Vuzic besetzt war, die mal skurril, mal handfest und immer mit wunderschöner Selbstironie die Herzen aller Zuschauer im Sturm gewann.
 

Meggie und ihr Vater Mortimer setzen ihre ganze Hoffnung in den Autor des Buches „Tintenherz“, Fenoglio.

Ganz zentral für den großen Erfolg der Inszenierung: die Regieleistung der Christina Hessel, Lehrerin am JEG, die mit einer selten zu findenden Mischung aus durchaus strengem Streben nach Perfektionismus, einer bewundernswerten Begeisterungs-fähigkeit und Motivationskunst aus den 30 Jungen und Mädchen auf der Bühne, und vor allem auch aus den vielen Helfern rund um die Bühne, an zahllosen Probenwochenenden und in vielen Ferienwochen tatsächlich die bestmöglichen Leistungen herausgeholt und es dabei doch immer wieder geschafft hat, die überschäumende Spielfreude aller Akteure zu bewahren – sicher der Hauptgrund für die rundum begeisternde Leistung.
Es stimmte einfach alles: Die tolle Atmosphäre des Bürgerzentrums bot zusammen mit der perfekten Tontechnik Harald Chmiels, dem stimmungsvollen Licht des Philipp Heßler, den kongenialen Musikeinblendungen, die von der Regisseurin aus der Filmmusik ausgewählt worden waren, der detailverliebten, stimmigen Maske und dem kongenialen, phantasievollen und zugleich äußerst funktionalen Bühnenbild des Rudy Schmid-Vellenzer tatsächlich ein rundum überzeugendes Gesamtkunstwerk.
 

Staubfinger berät mit Resa und Farid, wie man aus den Fängen Capricorns entkommen könnte.

Gerechterweise müssten jetzt all die gewürdigt werden, die mit ihrem mal temperamentvollen, mal differenzierten, mal punktgenauen und mal mitreißenden Spiel den großen Erfolg erst möglich machten: alle 30 Akteure im Alter von 12 bis 20 Jahre auf der Bühne. Capricorns Männer standen wie eine Wand gegen Idealismus und Humanität, wobei Sebastian Klimmer als Basta eine besonders wichtige Rolle spielte, die Fee Tinkerbell der Magdalena Rachor setzte einen rührend-witzigen Farbtupfer, Raimund Trosbach gab mit einer schönen Mischung aus Überzeugungskraft, Ernst und verschmitztem Humor den „Tintenhexer und Papierzauberer“ Fenoglio und führte das spannende Vexierspiel vor, wie ein Autor in sein eigenes Werk hineingezogen wird und seinen eigenen Figuren begegnet. Die Liste könnte fast endlos fortgesetzt werden, einige Namen müssen aber unbedingt noch genannt werden: Simon Schmelz schaffte es, Capricorn so auf die Bühne zu stellen, dass man ihm die Bosheit gerne abnahm und sich dann wunderte, warum man ihm trotzdem Sympathien entgegenbringen musste, der Farid des Peter Salzer bot eine witzige Version der Exotik aus Tausendundeiner Nacht, Lukas Tönsing verkörperte den sympathischen Helfer Darius und Sina Hauck als verzauberte Mutter Meggies war ein perfekter Kontrast zur böse-verbitterten Mutter Capricorns, wobei Isabell Caps-Kuhn diese für eine Jugendliche schwierige Rolle überzeugend umsetzte.
 

Mit hämischer Freude verspottet Capricorn im Gefängnis Meggies Mutter Resa.

„Ohne das Buch ist alles verloren“ lautet einer der Kernsätze aus „Tintenherz“. Eine schönere Werbung für das Buch dürfte auf deutschen Bühnen in den letzten Jahren selten zu sehen gewesen sein – da waren sich insgesamt 1100 Zuschauer bei beiden Aufführungen im Bürgerzentrum ganz einig!
 

Kurz vor dem Happy End: Meggie rettet die Gefangenen durch Lesen aus ihrer Gefangenschaft beim bösen Capricorn.
 
Text und Bilder: Heinz Linduschka