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PĆ¼nktchen und Anton

Fackel der Humanität weiter getragen

JEG-Darsteller verleihen Kästners „Pünktchen und Anton“ zeitlose Aktualität

90 Minuten Schultheater der Extraklasse haben am Donnerstag im Bürgerzentrum gut 300 Besucher mit minutenlangem Applaus bedacht. Christina Hessel, Lehrerin am JEG, hatte mit ihrer Inszenierung des Kästner-Stücks „Pünktchen und Anton“ bewiesen, wie man ein 70 Jahre altes Theaterstück so auf die Bühne stellen kann, dass es aktuell wie eh und je wirkt.
 
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Die Regisseurin, ihre 18 Akteure auf der Bühne, Schüler im Alter zwischen 10 und 18 Jahren, dazu etliche Lehrer, Helfer vor und hinter der Bühne trugen mit ihrem Spiel das Feuer weiter, das Kästner am Ende der Weimarer Republik entzünden wollte: das Feuer der Mitmenschlichkeit, der Humanität und der Toleranz. Textgrundlage war die moderne Bühnenfassung von Volker Ludwig, die Christina Hessel kongenial weiterentwickelte und „ihrer“ Truppe auf den Leib schneiderte. Kästner hätte vermutlich beifällig genickt, wenn er gesehen hätte, dass Pünktchens Vater vom Regenschirmfabrikanten zu einem gestressten, wenn auch sympathischen Immobilienmakler mutiert ist. Dass man sogar mit einem Vertreter dieser Sparte – Raimund Trosbach spielte ihn differenziert und überzeugend – Mitleid haben kann, dafür sorgte seine Frau, eine hyperaktive Charity-Lady mit einer Stimme, die einen Waffenschein erforderte. Melissa Alu schaffte es, diese Rolle so anzulegen, dass sie nie zu einer bloßen Karikatur verkam.
Alle 18 Rollen waren exzellent besetzt. Ein paar Namen müssen dennoch genannt werden: Annika Bayer gab das rettungslos verliebte Au-Pair-Mädchen Florence mit französischem Touch, Nicole Rollmann spielte die resolute Hausdame Berta, die so mancher Zuhörer vermutlich gerne vom Fleck weg engagiert hätte, Julian Krueger und Patrick Schnabel sorgten als Robert und Klette nicht nur bei ihrem Rap „Ich hasse alle Reichen, das ganze fiese Pack“ für Szenenapplaus, und Schulleiter Ulrich Gronemann verkörperte auf der Bühne die Rolle des sympathischen, verständnisvollen Direktors glaubwürdig und humorvoll: „Ein Schulleiter muss nicht alles wissen.“
Die absoluten Stars aber waren die Hauptfiguren: Philipp Vorbeck lebte den gutherzigen, sympathischen Anton, den Sohn einer weißrussischen Mutter, die sich als Illegale in Deutschland in einem „Rattenloch“ vor der Polizei verstecken muss, authentisch vor und war der ideale Partner für das quirlige, temperamentvolle Pünktchen, die Tochter der permanent beschäftigten Charity-Lady und des Immobilienmaklers. Kim Völker gab ein Pünktchen, das nahtlos die 70 Jahre seit Entstehung des Romans überbrückte, war ein gut „gelungenes“ Mädchen des 21. Jahrhunderts mit Witz, einem guten Herzen und einer unterhaltsamen Mischung aus Warmherzigkeit und Widerborstigkeit, das so mancher im Publikum vermutlich sofort adoptiert hätte. Aber Vorsicht! Auch Anton erkannte bei aller Faszination schnell: „Du bist sehr anstrengend!“
Alles stimmte an diesem Abend: Flapsige Bemerkungen sorgten dafür, dass es nie pathetisch und nie penetrant moralisch wurde – eine Gefahr, die bei Kästners Werken manchmal besteht. Das Bühnenbild war genau so professionell wie die ganze Inszenierung: Rudy Schmid-Vellenzer hatte mit Drehelementen dafür gesorgt, dass der Umbau für die kurzen Szenen perfekt funktionierte und mit der Szenerie der Berliner Friedrichstraße ein kleines Kunstwerk auf die Bühne gezaubert. Ton und Licht funktionierten perfekt, die Musik sorgte immer für die passende Atmosphäre.
Etliche Besucher äußerten schon in der Pause einen Wunsch: „Das wäre ein tolles Kinderstück für die Clingenburg!“.
 
Text: Linduschka