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Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde

Ethik paradox: Menschraub für Weltfrieden

GK Dramatisches Gestalten führte João Bethencourts „Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ in der Obernburger Kochsmühle auf

„Schade, dass es vorbei ist!“ So fasste eine Jungschauspielerin aus dem Grundkurs Dramatisches Gestalten am späten Abend nach der letzten viel umjubelten Aufführung der Komödie „Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ zusammen. Einer ihrer Schauspielkollegen seufzte sogar: „Eine Ära geht zu Ende“. Schließlich hatte man in der gleichen Stammbesetzung die letzten drei Jahre fast wöchentlich miteinander Theater gespielt und vor João Bethencourts Komödie schon Publikum und Kritik mit den nachdenklichen Stücken „Die Befristeten“ von Elias Canetti und Erich Kästners „Schule der Diktatoren“ verblüfft. Die aktuelle Inszenierung hatte zwar auch ein politisches Thema, bestach aber vor allem durch skurrile Situationskomik:
 
Gelegenheit macht Diebe. Dieses Sprichwort nimmt der verschrobene jüdische Taxifahrer Samuel Leibowitz (Patrick Seidler) ernst und „klaut“ kurzerhand den New York besuchenden Papst (Peter Schneider), um ihn zu Hause in der Speisekammer einzusperren. Während Sarah Leibowitz (Valerie Muschik), die sich an die merkwürdigen Einfälle ihres Mannes gewöhnt hat, mit dem Papst Kartoffeln schält und fröhlich plaudert, fordert der engagierte Samuel mit Zustimmung des Entführten als „Lösegeld“ einen Friedenstag auf der ganzen Welt, an dem kein Blut fließen darf. Der katholische Papst findet sichtlich gefallen an dem jüdischen Ehepaar Leibowitz mit seinen unterschiedlichen Töchtern Bezalel (Sarah Pospischil) und Miriam (Juliana Berger), deren muslimischer Freund Abdulmelik (Sophia Jungmann) seinerseits immer mehr zum Papstfan wird. Um die ganze Situation noch brisanter zu machen, greifen Kardinal Joseph O'Hara (Felix Watzka) und der Rabbi Julius Meyerow (Marina Reus) in das Geschehen ein. Bald wird das Grundstück der Familie Leibowitz nach allen Regeln der Kriegskunst von Sheriff Warner (Anja Fischer) militärisch belagert. Angeführt wird diese Aktion von Kardinal O'Hara, der glaubt, das Oberhaupt der katholischen Kirche nur mit Gewalt befreien zu können. Aber da ist ja noch Sams Bedingung für eine friedliche Freilassung, die die Welt tatsächlich dazu zwingt, einen Tag lang Gewalt und Krieg von der Tagesordnung zu streichen. In Zwischeneinblendungen dokumentiert eine Nachrichtensprecherin (Verena Herr) immer wieder den Erfolg des New Yorker Taxifahrers.
 

Unter der Leitung von Harald Fischmann führte der Grundkurs Dramatisches Gestalten der K 12 des JEG Elsenfeld das frei bearbeitete Stück – u.a. war die Rolle des muslimischen Abdulmelik zur Unterstreichung der Idee der Verständigung der Weltreligionen subtil in den Originaltext eingefügt worden - am 10 und 11. Juni 2010 in der Obernburger Kochsmühle auf. Die Zusammenarbeit mit der Kleinkunstbühne erwies sich als Glücksgriff, da die JEG-Schauspieltruppe so die Gelegenheit erhielt, erstmals auf einer professionellen Bühne zu agieren, was zusammen mit der freundlichen Aufnahme seitens des AK Kultur alle Beteiligten sichtlich beflügelt hat. Die Atmosphäre des Spielortes nahm Jungschauspieler und Regisseur bereits während der Probezeit gefangen, wozu auch eine gut funktionierende Klimaanlage beitrug, kletterten die Temperaturen während der Aufführungswoche doch auf über 30 Grad Celsius. Ein kleiner Wermutstropfen bestand allerdings darin, dass nicht alle Interessenten an den zwei Aufführungstagen mit Eintrittskarten gesegnet werden konnten. Wegen der großen Nachfrage mussten Karten sogar verlost werden. Ich bitte all diejenigen, die nicht berücksichtigt werden konnten, um Verständnis.

Es bleibt mir nur noch mich zunächst bei allen Beteiligten hinter den Kulissen für ihre uneigennützige und zuverlässige Mitarbeit zu bedanken. Dazu gehören neben Vanessa Kunkel (Souffleuse), Rebecca Lapresa, Svenja Milautzki (beide Make-up), Sebastian Klimmer, Selcuk Vural (beide Technikassistenz) und Corinna Sommer (Film) v.a. Rudy Schmid-Vellenzer (Bühnenbild) und Jürgen Tillack vom AK Kultur Obernburg (Technikeinweisung). Allen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Obernburger Kochsmühle gilt mein besonderer Dank für ihre unkomplizierte und hilfsbereite Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass die Kooperation zwischen Kochsmühle und JEG-Schultheater noch lange Bestand haben wird.

Ganz zum Schluss müssen aber natürlich die Schauspieler gelobt werden, die laut Main-Echo-Kritik „voller Temperament und mit gutem Gespür für die Situationskomik“ agierten und „geschickt alle Schattierungen des alltäglichen Wahnsinns“ ausloteten, kurzum eine „starke Ensembleleistung“. Um in der Sprache des entführten Papstes zu bleiben: Vergelt’s Gott für drei aufregende Jahre als Antreiber und Angetriebener.
 
Text: Harald Fischmann, Bilder: Schmid-Vellenzer