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Herr der Diebe

„Wir gehören zusammen, wir sind eine Familie“

JEG-Theatergruppe begeistert 1000 Besucher mit Cornelia Funkes „Herr der Diebe“

HDD00Es gibt Schultheater, das pädagogisch gut gemeint, aber künstlerisch nicht gut gemacht ist, es gibt Schultheater, das Wert auf Perfektion legt, dabei aber an freudlose „Dressur“ erinnert, und es gibt das Schultheater der Christina Hessel, die seit sechs „Spielzeiten“ am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld immer wieder beweist, dass es tatsächlich auch Schultheater mit hohen künstlerischen Ansprüchen gibt, das allen Beteiligten auch noch ganz viel Spaß macht.
Das aktuelle Beispiel für diese seltene Spezies auf deutschen Schulbühnen gab es nun zwei Abende lang im Elsenfelder Bürgerzentrum zu bestaunen. Mehr als 1000 begeisterte Besuchern genossen in diesem idealen Ambiente die Bühnenfassung von Cornelia Funkes Erfolgsroman „Der Herr der Diebe“. Da stimmte wirklich alles und es kam zwei Stunden lang keine Sekunde Langeweile auf.

HDD01 Man müsste eigentlich alle 22 Akteure auf der Bühne namentlich loben, weil alle ihre Rollen mit Herzblut, großem Talent und einer schönen Mischung aus Spielfreude und Konzentration auf die berühmten Bretter zauberten. Auch die beiden Lehrkräfte, die sich unter die Schüler geschmuggelt hatten, überzeugten: Jan Hendrik Schmidt als schmieriger Hehler Barbarossa und zugleich als Regieassistent, der hinter den Kulissen dafür sorgte, dass die schwierigen Auftritte reibungslos funktionierten, und vor allem Raimund Trosbach, der den strengen, strohtrockenen Vater genau so schlüssig verkörperte wie die Zweitfassung seines erwachsen gezauberten Sohnes.

Im Zentrum aber standen natürlich die Schülerinnen und Schüler. Wie Andreas Bauer die durchaus ambivalente Figur des Scipio künstlerisch umsetzte, verdient genau so viel Lob wie Ramona Smrsch: So viel verknöcherte Bosheit als Tante Esther muss man als Elfklässlerin erst mal aufbringen! Ähnlich überzeugend: Susanne Reeg als herzensgute resolute Ida Spavento. Ein besonderes Vergnügen in all ihrer temperamentvollen und facettenreichen Darstellung: die fünf „wilden Kinder“ im farbenfrohen Karneval-Venedig: Julian Krueger als Prosper, der sich für seinen kleinen Bruder Bo verantwortlich fühlt. Noah Weisenberger spielte diesen Bo mit so viel Witz und Temperament, dass es für Prosper leichter gewesen wäre, einen Sack Flöhe zu hüten, als ihn im Zaum zu halten.
 
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Ein wunderbares Pendant zu den beiden gejagten Brüdern: die drei Straßenkinder Wespe, Ricarda und Mosca. Anna und Julia Schlosser hätte man sich zusammen mit Johann Urmetzer auch als passende Besetzung für besonders gelungene Pippi Langstrumpf Inszenierungen vorstellen können, so perfekt verkörperten sie die Straßenkinder, die aus Not auch mal in fremde Taschen greifen, dabei aber ihr gutes Herz nie verraten und immer wieder Bo und Prosper versichern: „Wir gehören zusammen, wir sind eine Familie.“ HDD03Felix Blitz hat zwar bereits das Abitur am JEG erfolgreich absolviert, ist aber noch längst nicht im Alter des Conte und musste eine Glanzleistung zeigen, um so glaubwürdig so alt zu wirken. Ganz besonders oft mit Szenenbeifall belohnt: Martin Gronemann in der Rolle des Detektivs Viktor Getz: mal boshafter Geldgeier, mal witziger Clown, und dann auch noch guter Mensch ohne falsches Pathos – eine wunderschöne schauspielerische Verwandlung!

Alle 22 Akteure bildeten eine Truppe, die bewundernswert Textsicherheit, schlüssige Choreografie, Spontaneität und Spielfreude auf einen Nenner brachte. Die perfekte Spielfläche für diese Leistung hatte die „Truppe“ hinter den Kulissen geschaffen: Rudy Schmid-Vellenzer, von zahlreichen Schülerinnen tatkräftig unterstützt, hatte Venedig ins Bürgerzentrum gezaubert: Die Kulissen allein waren schon die „halbe Miete“ – vom Venedigprospekt bis hin zum genialen magischen Karussell –, und Plakat und Programm ließen keine Wünsche offen. Harald Chmiel sorgte trotz schwieriger Bedingungen für den perfekten Ton, Philipp Heßler begeisterte mit seiner Beleuchtung alle Besucher und ergänzte das Bühnenbild mit seinen stimmungsvollen und schlüssigen Lichteinfällen zu einem geschlossenen Gesamtkunstwerk. Dass die Kostüme und die Masken jedem Profitheater alle Ehre gemacht hätten, dass die Venezianischen Tänzerinnen in Elsenfeld einen Eindruck davon vermittelten, wie elegant und zugleich exotisch Venezianischer Karneval wirken kann: eine ideale Abrundung der beiden Aufführungen, die vom Publikum mit häufigem Szenenbeifall und euphorischem Schlussapplaus gefeiert wurden.

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Zum Schluss noch ein Wort zur „Hauptschuldigen“ an diesem Glanzlicht rundum gelungenen Schultheaters: Christina Hessel, Lehrerin am JEG Elsenfeld, schafft es immer wieder, Mädchen und Jungen über viele Monate – auch an zahllosen Wochenenden und in vielen Ferienwochen – zu konzentriertem Proben zu motivieren, dabei durchaus mal die „Zuchtrute“ zu schwingen und trotzdem die ungebrochene Spiellaune und die erfrischende Spontaneität der Schülerinnen und Schüler zu bewahren, die eine Aufführung erst zum großen Erfolg machen können. Ihr Geheimnis: Alle Beteiligten wissen, dass sich alle Anstrengungen lohnen! Die Regie der begeisterten Theaterfrau sorgte dafür, dass die zahllosen Einzelszenen durch stimmungsvolle und atmosphärisch dichte Zwischenmusik wie in Filmblenden ineinander flossen – ohne Stockung und ohne Brüche. Wenn ein Besucher am Ende des Stücks bekannte: „Das hat mir ja noch besser gefallen als der Roman“, dann dürfte das größte Lob sein, das man einer Theateraufführung spenden kann.

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Text und Bilder: Heinz Linduschka, Main-Echo