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Die Schule der Diktatoren

Wenn Präsidenten machtlose Marionetten sind...

JEG-Schüler führen Kästners „Die Schule der Diktatoren“ auf

Die Schule der DiktatorenDen Menschen „weiterentwickeln, zur ferngesteuerten Maschine, die exakt funktioniert“. Das ist Erziehungsziel in der „Schule der Diktatoren“. Anonyme Drahtzieher etablieren eine Zwangsherrschaft mit austauschbaren Diktatoren, die sie wie Marionetten steuern. Eine Schule der Diktatoren, konzipiert und geleitet durch einen gewissenlosen Professor, hält eine Reihe an dressierten Präsidenten bereit, die den amtierenden Staatschef nach einem Attentat ersetzen können. Die Präsidentenfabrik bildet eine Reihe von Doppelgängern aus; in Gestik, Sprache und Aussehen immer gleichartige Staatsoberhäupter. Das Volk merkt nichts. Die Präsidenten-Mimen werden geschickt trainiert und dressiert - werden durch leichte Mädchen bei Laune gehalten und müssen totalen Gehorsam gegen die eigentlichen Drahtzieher der Macht zeigen. Leisten sie sich Zeichen von Eigenwilligkeit, werden sie beseitigt und durch einen Nachfolger aus der Präsidentenfabrik ersetzt. Doch nicht alle dressierten Marionetten spielen das Spiel mit. Der Siebente aus der Reihe der Ersatz-Staatsoberhäupter plant einen Putsch...
Zugegeben: Keine leichte Kost, die den Zuschauern durch die Theater-AG des Julius-Echter-Gymnasiums geboten wird, zumal nicht ganz klar ist, auf welche Diktatur Kästner hier anspielt und ob einige der aufgezeigten Missstände wie die Ohnmacht der öffentlichen Herrscherfiguren sich nicht auch auf unser Staatswesen übertragen lassen. Der eher als Kinderbuchautor bekannte Schriftsteller hatte sein Stück, das er im Untertitel als Komödie bezeichnet, 1957 unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur und der Atombewaffnung der Großmächte herausgebracht. Kästner hat damit ein heute fast vergessenes und ein für ihn eher untypisches Werk verfasst. Nichtsdestotrotz ist der Grundtenor immer noch von erschreckender Aktualität: Menschenverachtende Diktatoren sterben nicht aus.
Alles andere als diktatorisch ging es während der intensiven Probenarbeit zu. Denn die Schülerinnen und Schüler opferten ihrer kostbare Freizeit freiwillig, um für dieses Stück Texte zu lernen und zu proben. Das Ergebnis ihres Schaffens war unter der Leitung von Harald Fischmann am Donnerstag, 7. Mai 2009, gut zwei Stunden lang in der  mit knapp 300 Zuschauern fast voll besetzten Aula des JEG zu sehen.

 

Andreas Göbel schrieb im Main-Echo über die Aufführung:

Zwar gilt die „Schule der Diktatoren“ als Komödie – bei so manchem Scherz bleibt den Zuschauern das Lachen jedoch im Halse stecken. Sexuelle Zoten, spärlich bekleidete „Bordsteinschwalben“, Gier und Gewalt: Kaum ein Aspekt der grausamen Logik totalitärer Systeme blieb dem Publikum erspart. Gerade deshalb ist die Aufführung als absolut gelungen zu bezeichnen. Sowohl der Regisseur als auch die Darsteller bewiesen viel Mut, ein solch schwieriges Stück anzupacken und überzeugend auf die Bühne zu bringen. [...]
Trotz des schwierigen Stoffs gelang es den jungen Schauspielern, ein lebendiges und mitreißendes Stück auf die Bühne zu bringen. Ganz besonders ist das sicherlich dem nahezu perfekten und äußerst leidenschaftlichen Spiel von Patrick Seidler zu verdanken. In den Rollen als „Präsident“ und als „Siebenter“ gelang es ihm, die teilweise recht sperrige Rolle voll auszufüllen – mitunter sogar in perfekter rheinischer Mundart. Doch auch Marina Reus, die ebenfalls in einer Doppelrolle als Panzersoldat und als „Sechster“ zu sehen war, konnte voll und ganz überzeugen. Ebenfalls einen sehr professionellen Eindruck machten die drei „leichten Mädchen“ Juliana Berger, Anne Matthiesen und Rebecca Durschang. Letztere zeigte sich zudem als Buchhalter und Soldat besonders wandlungsfähig. [...]
Bleibt nur abzuwarten, ob es nach der diesjährigen „Komödie“ beim nächsten Mal wieder ernster zugeht.
 
Fotos: Schmid-Vellenzer