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Robert Schneider (2009)

„Jakob Kemper hat viele Züge von mir“

Robert Schneider und Peter Schäfer zelebrierten eine Lesung mit Orgelklängen

Der „Auftritt“ des bekannten Schriftstellers Robert Schneider, Autor des Bestsellers „Schlafes Bruder“, im Landkreis Miltenberg wird vielen noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben – auch rund 130 Schülerinnen und Schülern der 10. Klassen des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld. Der Grund – neben dem beeindruckenden Roman „Die Offenbarung“, aus dem er mit viel Sensibilität und Ausdruckskraft rund 50 Minuten lang las: das Ambiente und der Rahmen. Die Lesung fand in St. Gertraud in Elsenfeld statt und Regionalkantor Peter Schäfer umrahmte, interpretierte und kontrastierte den literarischen Text mit stilsicher ausgewählten Orgelstücken des Komponisten, vom den auch der Roman handelt: von Johann Sebastian Bach. Toccata, Adagio und Fuge C-Dur entführten die Mädchen und Jungen in das 18. Jahrhundert, zauberten die Mauern und Straßen von Naumburg vor das geistige Auge, die kleine Stadt, in der Jakob Kemper, der „Held“ von „Die Offenbarung, 1992 eine unbekannte Partitur des großen Komponisten in einem Orgelbalghaus entdeckt, eine Entdeckung, die nicht nur sein Leben, sondern auch das Leben der ganzen Stadt zu verändern scheint.

Viel Wert legte Schneider, dem Lesungen offensichtlich keine Pflichtübung, sondern ein echtes Anliegen sind, darauf, den Draht zu den Sechzehnjährigen zu finden. Er versuchte ihnen den recht schrulligen Kemper als einen Menschen nahe zu bringen, der zwischen Mutlosigkeit und Scheitern hin und herschwankt, verband das mit der Ermutigung, sich selbst treu zu sein, sich nicht zu verstecken und den eigenen Charakter nicht zu verbiegen. Zu einer solchen Haltung gehört natürlich auch, dass sich der Autor selbst nicht ausnahm. Auf eine der Fragen am Ende der Lesung bekannte er offen, dass in diesem Kemper sehr viel von ihm selbst steckt: „Meine Bücher sind sehr autobiografisch. Ich verstecke mich nicht.“ Und noch genauer: „Kemper hat viele Züge von mir, auch ich bin manchmal großherzig und manchmal neidisch.“ Auf Nachfragen gab er einiges von seiner eigenen Biografie preis: „Ich wollte ein großer Komponist werden, bin daran gescheitert und Schriftsteller geworden.“ Bach ist und bleibt für ihn ein großes Vorbild – und das nicht nur als Musiker: „Bach ist für mich ein genau so großer Denker wie Newton.“
 

Ernst, Tiefe – aber auch Witz und Ironie zeichnen „Die Offenbarung“ aus, ein Nebeneinander, das nicht disparat wirkt, sondern ein schlüssiges Ganzes ergibt. In Schneiders Worten über sich selbst heißt das, zu sich selbst zu stehen und nicht den „Charakter zu stylen“: „Ich bin manchmal Qualle und manchmal Herrgott.“

Einige Reaktionen der meist jungen Zuhörer bewiesen, dass die Lesung und das Orgelspiel durchaus Resonanz gefunden hatten. „Das Buch hat mich ergriffen“, lautet eine Stellungnahme, andere wollten Näheres über Schneiders Bezug zur Musik und speziell zu Bach wissen.

Der heute 48-jährige Autor arbeitet an neuen Projekten, beispielsweise an einem dramatischen Text, in dem er sich mit Mutter Theresa auseinandersetzt. Vor zwei Jahren wurden ihre Tagebücher publiziert, für den Schriftsteller aus einer 60-Seelen-Gemeinde aus dem Vorarlberg ein faszinierendes Sujet: „Mutter Theresa ist dort nicht die abgehobene große Heilige, sie ist ein an Gott verzweifelter Mensch – ein Mensch, der Schneider interessiert und deshalb in das Zentrum eines Theaterstücks rücken könnte.
Bis dahin werden sich Schneider-Fans aber noch etwas gedulden müssen, denn derzeit ist für ihn seine neue Rolle als Vater eines einjährigen Sohnes besonders wichtig. Das hindert ihn natürlich nicht daran, Pläne zu schmieden, und in diesen Plänen spielt der Landkreis Miltenberg durchaus eine Rolle. Die Reaktionen haben ihm offenbar so gut gefallen, dass er sich vorstellen kann, „in drei oder vier Jahren“ wieder hierher zu kommen.
 
 

Text und Fotos: Heinz Linduschka