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Robert Löhr (2010 & 2011)

„Klassiker, ganz privat, geraten sich in die Haare“

Robert Löhr begeistert mit seinen virtuosen historisch-literarischen Vexierspielen

Robert Löhr - Bild 1Er wurde 1973 in Berlin geboren, hat als Schriftsteller und Autor für Film, Fernsehen und Bühne, nebenher als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler gearbeitet, ist in Berlin, Bremen und Santa Barbara (USA) aufgewachsen ist und lebt heute in Berlin: Robert Löhr galt 2005 als Senkrechtstarter in der deutschen Literatur, als er seinen „Schachautomaten“ vorstellte, dieses Buch über den „riesengroßen Schwindel“, den um 1770 ein österreichischer Mechaniker lostrat, als er einen Türken in einem Kasten versteckte und ihn als eine Art frühen „Schachcomputer“ gegen Schachspieler antreten ließ. Seitdem hat das Wort „getürkt“ die Bedeutung, die wir heute noch kennen. Schon dieses Buch, das in 25 Sprachen übersetzt wurde, war kein üblicher historischer Roman, und was dann folgte, war ein virtuoses Vexierspiel mit geschichtlichen Vorgängen und Figuren, ein manchmal atemberaubendes Spektakel mit Verfolgungsjagden, Kämpfen, Wortgefechten und philosophischen Exkursen voller Unterhaltungswert zwischen den Großen der deutschen Literatur kurz nach 1800. Im „Erlkönig-Manöver“ und auch im „Hamlet-Komplott“ kann man Goethe, Schiller, Kleist, Alexander von Humboldt, Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel so kennen lernen, wie man sie sich nie vorgestellt hätte – und wie sie vielleicht im tiefsten Inneren doch gewesen sein mögen. Jedenfalls  sprechen sie bei Robert Löhr genau so, wie sie gesprochen haben könnten, und der Autor gibt heute zu, dass ihm diese alte Sprache im Lauf seiner Arbeit so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ihn seine Freundin mahnen musste, doch endlich wieder „normal“ zu reden.

Spaß machen diese Bücher mit ihrer ausgefeilten Sprache, den zahllosen tollen Einfällen, die auch vor Kalauern nicht zurück schrecken, vielen Lesern: den Fans historischer Romane genau so wie denen, die sich in den Romanen auf die Zitaten-Schnitzeljagd begeben. Immerhin mehr als 1000 Zitatnachweise hat Löhr zu jedem der beiden jüngeren Romane notiert – gerade in diesen „Fußnoten“-Zeiten eine interessante Fußnote bei der Lesung am Montagabend, die Löhr mit perfekter, lebendiger Intonation und mitreißendem Temperament auf Einladung des Buchhauses und des Julius-Echter-Gymnasiums im Hilde-Domin-Saal vor mehr als 50 Literaturfreunden zelebrierte.

„Ich habe über „Klassiker ganz privat“ geschrieben, die sich oft „in die Haare geraten“, sagte Löhr, der von seiner „deutschen romantischen Allstar-Truppe“ sprach und von Elementen einer „bewussten Hollywood-Kolportage“. Offenbar ist das ein Rezept, das er auch in seinem aktuellen Roman weiter verfolgt. Und da gab es in Elsenfeld eine Art „Weltpremiere“: Zum allerersten Mal las Löhr eine Episode aus dem noch unveröffentlichen Buch über den Sängerkrieg auf der Wartburg, diese echte oder fiktive Vorform des Grand Prix Eurovision für Minnesänger im Jahr 1206. Und alle, die das Glück hatten, diesen Ausschnitt über den berühmt-berüchtigten „Latrinensturz zu Erfurt“ mit dem Protagonisten Heinrich von Weißensee mitzuerleben, werden gespannt darauf warten, dass das Buch zur Frankfurter Buchmesse 2012 bei Piper erscheinen wird.
 
Text und Bilder: Heinz Linduschka
 

Die Bücher von Robert Löhr:

Der Schachautomat. Roman über den brillantesten Betrug des 18. Jahrhunderts
Das Erlkönig-Manöver
Das Hamlet-Komplott

Erhältlich in allen Buchhandlungen.
 

Zur Homepage von Robert Löhr

 
Robert Löhr - Bild 2
 
 

Goethe, Kleist, Schlegel und Tieck - ein deutsches „Rat Pack“

Robert Löhr begeisterte in Elsenfeld mit seinem „Hamlet Komplott“

1973 wurde Robert Löhr in Berlin geboren, er arbeitet als Schriftsteller und Autor für Film, Fernsehen und Bühne - und nebenher als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler. Aufgewachsen ist er in Berlin, Bremen und Santa Barbara (USA). Heute lebt er in Berlin und am Mittwochabend waren rund 60 Literaturfreunde sehr froh, dass es dem Buchhaus Elsenfeld zusammen mit dem Julius-Echter-Gymnasium  gelungen war, den „Senkrechtstarter“  der deutschen Gegenwartsliteratur in den Rudolf-Harbig-Saal nach Elsenfeld zu locken. Zwei Stunden lang zündete der begnadete Leser des eigenen Werkes ein Feuerwerk von Pointen, witzigen Dialogen und spannend-hintergründigen Geschichten rund um deutsche Geistesheroen aus Klassik und Romantik, ließ Goethe, Kleist, Schlegel und Tieck zusammen mit der Deutsch-Französin Madame de Staël 360 Seiten lang ein Verwirrspiel rund um die Reichskrone und gegen den Eroberer Napoleon vollführen und den ungleichen Kampf schließlich mit einer Art Unentschieden enden – aber mit einem Unentschieden der besten Sorte.
 

Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin nannte man in den frühen 60er Jahren in Las Vegas „the Rat Pack“, seit 2007 Löhrs „Erlkönig Manöver“ und 2009 sein „Hamlet-Komplott“ erschienen ist, weiß man, dass es auch kurz nach 1800 in Deutschland eine Art „Rat Pack“ gab, bestehend aus den großen Namen der deutschen Literatur. Das Schönste an den erfolgreichen Romanen Löhrs, die inzwischen in 20 Sprachen übersetzt sind: Man kann sie ganz unverkrampft und unvoreingenommen als unterhaltsame, spannende Historienbücher lesen, man kann sie aber auch als Steinbruch und Goldgrube für Literaturfreaks nutzen, zahllose Zitate der Klassiker wiedererkennen – in ganz neuen Zusammenhängen und mit ganz neuen Bedeutungen.

Wie unterhaltsam Löhrs „Hamlet-Komplott“ ist, vor allem wenn es mit so viel Herzblut und stimmlichen Verwandlungskünsten gelesen wird wie vom Autor selbst, machte die Lesung in Elsenfeld deutlich. Selten dürfte man in einer Literaturlesung so viele spontane Reaktionen von einem Publikum gehört haben wie im Harbig-Saal. Schmunzeln verwandelte sich in befreites Lachen, wenn Kleist, an Madame de Staël mit Eisenfesseln gebunden, die Dame gegen ihren Willen durch den Wald trägt. Sie aber bleibt ganz ruhig: „Sie leistete keinen Widerstand, konnte sie doch auf ihr Gewicht, die Dunkelheit und den unebenen Waldboden vertrauen.“ Wenn das deutsche „Rat Pack“ versucht, als Schauspieler verkleidet vor wilder, unkultivierter Soldateska den „Hamlet“ zu improvisieren, wenn Kleist sich im Drogenrausch auf einem Marktplatz als deutscher Kaiser geriert, wenn Goethe mit Hilfe seiner Christiane einen Soldaten gewaltsam am Diebstahl seiner Münzsammlung hindert, dann menschelt es, dann werden Geistesheroen auf ihr menschliches Maß gestutzt. Das Schönste dabei: Löhr hat zwar seine Version der Figuren geliefert, dabei aber die Figuren nicht verfälscht. Er hat tatsächlich viele Geschichten dazu erfunden, hat aber den Kern der Charaktere eher verdeutlicht. Für Kleist liegt wirklich in jedem seiner Worte sein eigenes Herzblut, Goethe schwankt wirklich zwischen Literaturolympier und Egomane mit zahllosen Macken hin und her, Wilhelm Schlegel ist eitel, prätentiös und von sich selbst überzeugt und nur Ludwig Tieck nimmt sich gar nicht wichtig und schreibt vor allem deshalb, weil es ihm Spaß macht.

Am Ende der Lesung waren sich alle Zuhörer einig: Wenn Löhr sein Versprechen wahr macht und „Erlkönig“ und „Hamlet“ mit einem dritten Band zur Trilogie rundet, dann dürfte in Elsenfeld der Harbig-Saal aus allen Nähten platzen. Und Löhr verriet auch, was in diesem Band passieren könnte: „Dann würde ich endlich Kleist unter die Erde bringen. Das wäre ein schönes Ende.“
 
Text und Bilder: Heinz Linduschka