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Harald Grill (2016)

Geschichtenfinder statt Geschichtenerfinder

Der Schriftsteller Harald Grill am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld

Der bekannte niederbayerische Autor Harald Grill besucht seit einigen Jahren das Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld. Dieses Mal ist er gleich doppelt im Einsatz, zunächst liest er aus seinem Jugendbuchklassiker „Da kräht kein Hahn nach dir“. Es geht in diesem Roman um eine Grundkonstellation, wie sie alle Schüler kennen: Neusein in einer neuen Schule, fremdes Umfeld, fremde andere Kinder in der Klasse, fremde Lehrkräfte. Harald Grill ist aber nicht einfach nur ein Vorleser. Seine Veranstaltungen sind oft eher ein Schauspiel als eine Lesestunde. Er verstellt die Stimme, schlüpft in die Rolle seiner Figuren, leidet mit Haut und Haaren mit, wenn die Hauptfigur Bernd geärgert wird, und lacht befreit auf, als es mit der neuen Umgebung, der Schule und auch dem angebeteten Mädchen am Ende doch etwas wird: Literatur für die Sinne! Schauen, hören, spüren – man meint die fremde Großstadt fast riechen zu können. Eine weitere Besonderheit an den Lesungen Harald Grills ist, dass er neben seinen Erzählungen den Beruf des Schriftstellers sehr plastisch werden lässt: Bücher kommen nicht einfach so über einen, sie erfordern lange und intensive Recherche von Materialien und immer neue Überarbeitungen: „Ich habe sieben verschiedene Fassungen geschrieben, bis meine Frau zufrieden war“, erläutert der Autor, „ich brauche ein Gegenüber, eine Kritikerin.“
Mit dem Roman „Hochzeit im Dunkeln“ entführt Harald Grill dann die Schüler der 10. Jahrgangsstufe in die harte und entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Dunkel ist in dem Roman nicht nur der Hochzeitssaal, in dem das elektrische Licht ausgeht. Etliches ist hier „schwarz“: die „schwarze Sau“, die schwarz geschlachtet wird, das „schwarze Kalb“, das eines ähnlichen Schicksals harrt, überhaupt der ganze Schwarzmarkt, auf dem Ami-Zigaretten, Whisky und überhaupt alles irgendwie Wertvolle verschachert werden.
Bis es aber zur Hochzeit zwischen dem Kriegsheimkehrer Michael, der kurz vor der Kapitulation noch seinen Fuß verloren hat, und dem Flüchtlingsmädchen Adelheid kommt, gilt es viele Widerstände zu überwinden, und auch die Hochzeit selbst verläuft nicht pannenfrei. Dabei werfen nicht nur bigotte Dörfler, sondern auch der eigene Vater Michael immer wieder Steine in den Weg, aber am Ende siegt die Liebe.
Eine Parabel über das Fremd- und Anderssein und über den schwierigen Weg zur Akzeptanz hat Grill da geschrieben, und seine Themen sind aktueller denn je.


 

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