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Mechtild Borrmann (2012)

Ein Krimi der anderen Art – wirklich ein „ganz großer Wurf“!

BorrmannDie Vorschusslorbeeren waren riesig: Nominierung für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, Spitzenplatz in der ZEIT-Krimiliste und schließlich der Deutsche Krimipreis 2012. Mechtild Borrmann ist mit ihrem vierten Krimi „Wer das Schweigen bricht“ tatsächlich der „große Wurf“ gelungen, wie ihr in den oft überschwänglichen Kritiken immer wieder bescheinigt wurde.
Dass die 51-jährige Autorin nach Elsenfeld „gelockt“ werden konnte, lag sicher auch daran, dass das JEG und das Buchhaus schon vor Monaten mit ihr Kontakt aufgenommen hatten, zu einem Zeitpunkt, als der „Preissegen“ noch nicht über sie hereingebrochen war. Am Dienstag war es so weit: die 1960 in Köln geborene Borrmann war aus Bielefeld an der Untermain gekommen, bevor sie noch am Abend zur nächsten Station, nach Hannover, und anschließend nach München aufbrach – „Schicksal“ einer erfolgreichen Schriftstellerin.
In Elsenfeld stellte sie sich am Nachmittag erst einmal den kritischen Fragen von mehr als 100 Mädchen und Jungen, die alle ihr Buch im Rahmen des traditionellen „Literaturquartetts“ des JEG gelesen hatten. Das „Problem“: Zwischen den zwei Schülerinnen, den drei Schülern und dem Lehrer auf dem Podium konnte sich gar kein Streitgespräch entwickelt, weil alle von „Wer das Schweigen bricht“ begeistert waren. „Ich mag das Buch sehr – es ist sehr spannend“, lobt die siebzehnjährige Maria-Anna, der gleichaltrige René hatte sich gar durch die oft poetische Sprache des Krimis infizieren lassen: „Ich hab’ mich in dem Buch verloren!“ Gut eine Stunde lang wurden alle Figuren im 222 Seiten-Krimi einfühlsam analysiert, wurde die Schuldfrage immer wieder thematisiert und die spannende Struktur des Buches interpretiert.

Borrmann 2

Große Begeisterung herrschte auch am Dienstagabend im Rudolf-Harbig-Saal, als gut 70 Zuhörer der Einladung von Buchhaus und JEG zur öffentlichen Lesung gefolgt waren. Dass die Autorin zwar mit klarer Artikulation und einfühlsam, aber auch sehr zurückhaltend und wenig pointiert las, tat dem Vergnügen und der Spannung keinen Abbruch. Auch dass für diejenigen, die den Krimi schon kannten, von den beiden Zeitebenen die Geschehnisse in der NS-Zeit deutlich dominierten, schmälerte den Erfolg der Lesung kaum. Die Suche des Robert Lubisch nach der dunklen Vergangenheit seines übermächtigen Vaters Friedhelm mit all ihren Wendungen, die Rolle der Therese Pohl alias Peters alias Mende zwischen Niederrhein und Mallorca im Lauf von sechs Jahrzehnten, wunderbar skurrile Polizeibeamte, die harte Belastungsprobe der Freundschaft zwischen sechs Mädchen und Jungen am Ende der 30er Jahre – einige der großen Vorzüge des Romans, der außerdem mit seiner sensiblen Mischung aus drastisch-klarer Sprache, anschaulichen, bildhaften Szenen und poetischen Abschnitten mit fast lyrischen Momenten überzeugt – bei der Lesung durch Mechtild Borrmann, vor allem bei der Lektüre des Buches durch einfühlsame Leser.

Das Buch Wenn der Buchverkauf nach einer Lesung ein Indiz ist, dann war der Auftritt Borrmanns in Elsenfeld ein voller Erfolg. Vielleicht noch aussagekräftiger: Dass während der Gesprächsrunde beim „Literaturquartett“ ein Schüler sein Resümee der Lektüre in eine Art Sentenz fasste: „Gib einem Menschen Macht, dann erkennst du seinen wahren Charakter!“ Kann man von Literatur mehr erwarten als solche Einsichten?

Das Buch: Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht. Bielefeld 2011, 224 Seiten, 9,95 Euro. ISBN: 978-3-86532-321-9.
 
Text und Bild: Heinz Linduschka