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Vortrag Frank Kleinehagenbrock

Neue Fragen an einen historischen Akteur

Der Historiker Frank Kleinehagenbrock informiert in einem Vortrag am JEG über den Stand der Forschung zu Julius Echter.

Trotz widriger Witterung fanden 40 Geschichtsinteressierte am 6. Juli den Weg in die Aula des Julius-Echter-Gymnasiums, das aus Anlass des 400. Todesjahrs von Julius Echter bereits einige Projekte realisiert hat, die sich auf unterschiedliche Weise mit der bis heute kontrovers diskutierten Figur des Würzburger Fürstbischofs auseinander gesetzt haben.
Nach einer kurzen Einführung, bei der die wichtige Rolle des ersten Schulleiters, Karlheinz Gleußner, für die Wahl von Julius Echter als Namenspatron des Gymnasiums im Jahr 1972 thematisiert wurde, hatte der Experte das Wort: Dr. phil. habil. Frank Kleinehagenbrock vom Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Würzburg gilt als ausgewiesener Kenner der Materie und war trotz übervollen Terminkalenders gerne bereit, einen Überblick zum aktuellen Stand der Echter-Forschung zu geben.
Zu Beginn verweist er darauf, dass ein Mensch des 16. Jahrhunderts aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts nicht eindeutig zu erklären sei, da unsere Wahrnehmung der Welt ganz stark vom 19. Jahrhundert geprägt worden ist: Die heute selbstverständlichen historischen Dimensionen von Staat, Nation und Sozialfürsorge existierten damals nicht. Gerade die Frühe Neuzeit von ca. 1500 bis 1800 gilt als eine Phase, in der sich die europäischen Staaten erst langsam formierten und an deren Ende mit der Epoche der Aufklärung wesentliche Bezugspunkte heutigen Denkens geschaffen wurden.
Nachdrücklich betont der Referent daraufhin, dass die Menschen in anderen Plausibilitäten lebten und andere Erfahrungen von Herrschaft, Religion und sozialen Ordnungen besaßen. Ihre Deutung der sie umgebenden Welt war noch erheblich von religiösen und naturmagischen Kontexten geprägt, rationale Erklärungsmodelle hatten es dagegen schwer, sich durchzusetzen. Auch Echter ist als typischer Vertreter dieser Umbruchzeit anzusehen, der in seiner Person sowohl humanistische Bildung wie auch religiöse Intoleranz vereinte.
Anschließend erläutert Kleinehagenbrock kurz, was es damals bedeutete, Fürstbischof zu sein: er war zugleich Bischof, Angehöriger eines Reichstands sowie Territorialherr und stand somit in einem Spannungsverhältnis zwischen Kirchen- und Reichsrecht, was auch das Regierungshandeln Echters prägen sollte. Fürstbischöfe mussten adelig sein und dies durch den Nachweis von 16 adligen Vorfahren belegen. Für Familien des Reichsadels wie die Herren von Mespelbrunn, die als Reichsritter nur über ein winziges Territorium verfügten, stellte die Wahl zum Fürstbischof eine attraktive Aufstiegsmöglichkeit dar, die auch Julius Echter ergriff. Die Frage, ob die Fürstbischöfe als Landesherrn, die in gewisser Weise in Abhängigkeit vom jeweiligen Domkapitel als Wahlgremium standen, schwach waren, stellt sich zumindest für Echter so nicht, da er seine unangefochtene Autorität während seines langen Pontifikats (1573- 1617) durchsetzen konnte. Dabei gibt Kleinehagenbrock zu bedenken, dass das weltliche Herrschaftsgebiet des Hochstifts Würzburg wesentlich kleiner als das Bistum gewesen ist und von einem geschlossenen Territorium mit fest abgesteckten Grenzen ohnehin nicht gesprochen werden kann, sondern von einer Verdichtung durch Herrschaftsrechte des Fürstbischofs, der freilich immer in Konkurrenz zu anderen regionalen Herrschaftsträgern steht. Außerdem haben die Folgen der Reformation die bischöfliche Einflusssphäre schrumpfen lassen; Echters gegenreformatorische Tätigkeit entspringe also nicht zuletzt seinen Bemühungen um eine Konsolidierung seines verkleinerten Herrschaftsbereichs.
Überhaupt ist für Kleinehagenbrock Julius Echter eine widersprüchliche Figur, Licht und Schatten machten gleichermaßen sein Wirken aus: Neben der Gründung der Universität Würzburg, der Förderung des Schulwesens auf dem Lande, der Ausbildung von landesherrlicher Infrastruktur und nicht zuletzt der Fürsorge für die Armen, gipfelnd in der Gründung des Juliusspitals, fallen in Echters Amtszeit ebenso die Vertreibung von Protestanten und Juden sowie die Errichtung des Juliusspitals auf dem Grund des jüdischen Friedhofs. Schließlich wird Echter vor allem die Verbrennung von Hexen angelastet, das Bild vom „Hexenbrenner“ verdunkelt sein Wirken bis in jüngste Zeit. Kleinehagenbrock zeigt am Beispiel der Hexenverfolgungen, dass Echter hier aber ein Opfer der protestantischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts geworden ist und jüngste Quellenfunde des Historikers Robert Meier den Schluss nahelegen, dass Echter hier wohl zu Unrecht an den Pranger gestellt worden ist.
Als Bilanz seines Vortrags möchte Kleinehagenbrock den Würzburger Fürstbischof als Gestalter in einer Phase des Umbruchs verstanden wissen, dessen zukunftweisendes Agieren als Landesherr in jüngerer Zeit von der Forschung stärker betont wird als die seit dem 19. Jahrhundert vorgegebenen, positiven oder negativen Interpretationen seines Wirkens für die Gegenreformation.
So bleibt Julius Echter bis heute eine schwer zu fassende Figur, und auch in der anschließenden Diskussion taten sich die Zuhörer mit einer eindeutigen Bewertung seines Handelns sichtlich schwer. Viele Fragen müssen wohl, auch wegen des Fehlens eindeutiger Quellen, bis auf Weiteres unbeantwortet bleiben.
Thum