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ARD-Börsenexpertin Anja Kohl im Gespräch

Anja Kohl, JEG-Abiturientin 1990Am 7. Juli 2009 war im Bürgerzentrum Elsenfeld eine Frau zu Gast, die seit Jahren so etwas wie das Gesicht der Börse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist. Anja Kohl ist eine viel gefragte Expertin, wenn es um das Auf und Ab der Börse geht, und so mancher Zuschauer hört selbst eher schlechte Nachrichten vom Parkett noch ganz gern, wenn sie von Anja Kohl kurz vor 20 Uhr im Ersten Programm mit einer Mischung aus großem Sachverstand, viel Charme und Witz serviert werden.
2006 wurde die Journalistin von „medium“ unter die Journalisten des Jahres gewählt, auf Spitzenplätze in den Kategorien „Wirtschaftsjournalismus“ und „Wirtschaft“. Sie ist gern gesehener Gast in Experten- und Talkgastrunden, beispielsweise in „Hart aber fair“, „Paroli“ oder „Frank Elstner – Menschen der Woche“ und erhielt heuer den „Journalistenpreis des deutschen Mittelstandes“ von der Verlagsgruppe „markt intern“.
Durch Vermittlung von Dr. Ulrich Schüren hatte sich die 1970 in Aschaffenburg geborene Börsenjournalistin bereit erklärt, für den Freundeskreis ihrer alten Schule auch ohne Honorar, über ihre Erfahrungen auf dem Börsenparkett in Elsenfeld zu sprechen, an dem Ort, an dem sie 1990 ihr Abitur ablegte. Lesen Sie im Folgenden den Bericht über diese gelungene Veranstaltung des Freundeskreises JEG.
 

„Ich habe geliehene Prominenz, Prominenz auf Zeit“

Anja Kohl, „das Gesicht der Börse im Ersten“, sprach im Bürgerzentrum

Gesichter, die im Fernsehen auftauchen, ziehen offensichtlich, jedenfalls dann, wenn sie mit positiven Assoziationen verbunden sind. Als Anja Kohl, Moderatorin und Redakteurin von „Börse im Ersten“, auf Einladung des Freundeskreises des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld im Bürgerzentrum sprach, konnte dessen Vorsitzender, Joachim Oberle, immerhin am Dienstagabend gut 250 Zuhörer begrüßen. Eine gute Idee: Dr. Ulrich Schüren, der 1990, als die Börsenjournalistin am JEG ihr Abitur ablegte, Anja Kohl im Leistungskurs Geschichte/Sozialkunde unterrichtete, in einer einstündigen Gesprächsrunde Fragen stellen zu lassen.
 

Ganz locker, ganz natürlich sprach die 39-Jährige über ihre Ausbildung. So manchem ihrer Lehrer von früher dürfte dabei ganz warm ums Herz geworden sein: „Ihr Lehrer seid so wichtig!“ Vor allem politisches Bewusstsein habe sie am JEG entwickelt und die Liebe zur englischen Sprache und Literatur, zwei Dinge, die ihr bei ihrer späteren Karriere sehr hilfreich waren. Über ein Germanistik-, Publizistik- und Journalismusstudium in Bamberg, führte sie ihr Weg nach Mainz und schließlich nach Baltimore, und wenn sie den anwesenden Schülerinnen und Schülern etwas mit auf den Weg geben konnte, dann den Rat: „Schaut nicht nur gradlinig nach vorne, sondern macht eure Erfahrungen!“ Die machte sie reichlich in den USA, in England, bei Privatsendern, mit viel Interesse, viel Unternehmungsgeist und viel Experimentierfreude – und natürlich mit einer Ausstrahlung, die auch in jeder Minute ihres Auftritts im Bürgerzentrum zu spüren war. Ein erfolgreiches Moderationscasting bei Bloomberg in London, „Entscheidungen aus dem Bauch heraus“, der Mut, „ins kalte Wasser zu springen“ und die Bereitschaft, „Menschen Löcher in den Bauch zu fragen“ – alles Verhaltensweisen, die entscheidend zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Dass immer auch – gerade an Schnittstellen der Entwicklung – Menschen da sein müssen, die Talente erkennen und sich für sie einsetzen, auch das wird aus Anja Kohls Entwicklung deutlich. Für sie ganz wichtig: der ARD-„Börsenguru“ Frank Lehmann: „Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.“

Schürens intensive und kenntnisreiche Fragen entlockten dem Gast einige Insiderinformationen, die im Bürgerzentrum auf großes Interesse stießen: Beginnend mit dem Tagesablauf der Journalistin, der schnell klar machte, dass hinter den wenigen Minuten Sendezeit eine Masse an Vorarbeit, an intensiven Recherchen und Informationen steckt, bis hin zur Tatsache, dass die Interviews und auch die gesamte Sendung „Börse im Ersten“ kurz vorher aufgezeichnet werden, weil sonst eine punktgenaue Landung auf die 1,15 bis 1,43 Minuten Sendezeit nicht möglich wäre – Anja Kohl bot Informationen aus erster Hand. Klar wurde auch, dass sie selbst erarbeitete Texte spricht, in einer Sendung, die tatsächlich so etwas wie eine „One-Woman-Show“ ist, und dass Insidergeschäfte für Journalisten wie sie bei der ARD völlig tabu sind. Sympathisch wirkte, dass sie grundsätzlich ihr Privatleben vor den Medien schützt, auch wenn deren Interesse noch so penetrant sein mag: „Ich rede nie über meine Familie!“ Konsequenterweise weigert sie sich auch, die berühmt-berüchtigten Homestorys zu liefern und relativiert ihren Bekanntheitsgrad, geht damit professionell um und freut sich über Aufmerksamkeit durchaus: „Ich habe nur geliehene Prominenz, Prominenz auf Zeit.“
 

Genau so offen waren ihre Antworten auf die Fragen aus Publikum nach der Pause, bei der einige bemerkenswerte Äußerungen zu hören waren: „Die Deutschen neigen dazu, Aktien zu kaufen, wenn sie teuer, und zu verkaufen, wenn sie billig sind.“ „Die Krise ist noch nicht vorbei, aber ein – wenn auch schwächerer - Aufschwung wird kommen“, ist sich Anja Kohl sicher und sie formulierte: „Die USA verlieren ihre Weltmarktstellung!“ Für Börseneinsteiger hatte sie noch drei wertvolle Tipps parat: Wenn man sich nicht sehr gut auskennt, sollte man nicht auf Einzelaktien setzen, sondern lieber auf Fonds, die ihre Qualitäten schon über 10 oder 15 Jahre bewiesen haben. Und man darf nicht vergessen, die anfallenden Gebühren in seine Rechnung mit einzubeziehen, wenn man keine böse Überraschung erleben will.
 
Text und Bilder: Heinz Linduschka