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Hilde-Domin-Saal

Ein Name als Programm – Hilde Domin: Vorbild als Mensch und als Künstlerin

14. Dezember 2007: Das JEG benennt einen Raum nach Hilde Domin„Wir hätten keine bessere Namensgeberin finden können!“ Spätestens um 13 Uhr am Freitag, dem 14. Dezember 2007 waren wohl alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld dieser Meinung. Zwei Stunden lang hatten gut 100 Zuhörer mit viel Spannung und häufig mit spontanen Reaktionen mitverfolgt, welche Frau dem größten Raum im Schulneubau des JEG ihren Namen leiht: Hilde Domin zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sie „hat das, was sie uns mit ihren Gedichten zu sagen hat, in ihren 96 Lebensjahren vorgelebt“, sagte Dr. Heinz Linduschka, einer der Organisatoren der Veranstaltung. Dr. Bertram Söller, Fachleiter Deutsch und ebenfalls jemand, der am JEG den Kontakt mit der Lyrikerin gepflegt hat, machte deutlich, dass die Namensgebung durchaus als eine Art „Gegenpol“ zum Namensgeber der Schule zu verstehen ist. Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn habe, zitierte Söller den emeritierten Würzburger Theologieprofessor Karl Heinz Müller, vor rund 400 Jahren „jede Art von Andersgläubigkeit ausgegrenzt“, habe den „Anspruch erhoben, das religiöse Bekenntnis jedes Untertanen festzulegen, Uniformität im Glauben erzwungen“ und stolz „100 000 Übertritte von Protestanten zum Katholizismus nach Rom gemeldet“. Dass unter seiner Herrschaft beispielsweise im Jahr 1616 im Fürstbistum Würzburg 700 Hexen verbrannt und während seiner Regierungszeit nahezu alle Juden mit ihren Familien aus dem Bistum vertrieben worden seien, fordere auf jeden Fall einen kritischen Umgang mit dem Namenspatron, auch wenn natürlich Echters Handeln im historischen Kontext zu beurteilen und auch seine großen Leistungen auf dem Gebiet der Bildungs- und Sozialpolitik zu würdigen seien.


Hilde Domin – Köln 1930Hilde Domin, geboren als Hilde Löwenstein, nach ihrer Heirat 1932 Hilde Palm, die jüdische Lyrikerin, die weit mehr als 20 Jahre im Exil verbringen musste, die meiste Zeit davon in der Dominikanischen Republik, von der sie ihren Namen entliehen hat, könne – so Söller – da eine sinnvolle Ergänzung, auch eine Art Kontrapunkt liefern. Die Persönlichkeit der vor anderthalb Jahren in Heidelberg gestorbenen Autorin, die seit den 80er Jahren viermal am JEG mit großem Erfolg gelesen und Workshops abgehalten hat, beigeisterte die meist jungen Zuhörer genauso wie ihr Auftreten und ihre Persönlichkeit. Verblüffend jung und energisch wirkte sie in den Aufnahmen ihrer letzten Lesung, die sie 1995 in der Aula des JEG vor fast 400 Zuhörern hielt, als sie in „Abel steh auf!“ zu Versöhnung ohne Vergessen aufrief, immer wieder das „Dennoch“ beschwor, den Mut und die Bereitschaft, trotz aller Rückschläge immer wieder neu anzufangen und neu zu versuchen, das Leben zu meistern und den Mitmenschen zu finden, denn – so Domin – Liebe müsse das große Ziel des Lebens sein.


Hilde Domin im Alten Rathaus Miltenberg am 7. April 2003 (Foto: Heinz Linduschka)
Schülerinnen und Schüler stellten Domins Biografie vor, interpretierten in sehr persönlicher und ehrlicher Weise Gedichte der Autorin, die ihnen besonders gut gefallen haben. Peter Spielmann, Lehrer am JEG, berichtete von seiner Begegnung mit Hilde Domin und davon, wie ihn ihre Gedichte auf dem Jakobsweg begleitet und zur kreativen Auseinandersetzung angeregt haben, und auch der Schulleiter, OStD Günther Siegel, war sichtlich begeistert von Persönlichkeit und Dichtung der Lyrikerin und überzeugt davon, dass mit Hilde Domin eine ideale Namensgeberin gefunden ist. Fotos und Faksimiles gestalten den Raum stilvoll aus und wurden in den Monaten nach der Einweihung von Schülerinnen und Schülern durch neue Collagen, Fotos und kreative Arbeiten weiter entwickelt. Wechselausstellungen sind angedacht. In einer weiteren Schulveranstaltung wurde der neue Dokumentarfilm über Leben und Sterben der Autorin mit dem Titel „Ich will dich“ vorgeführt, in Anwesenheit der Regisseurin des Film, Anna Dittges, und des langjährigen Wegefährten der Lyrikerin, Clemens Greve, der bei der Einweihung aus persönlichen Gründen absagen musste, aber die Aktion des JEG mit viel Sympathie begleitet und mit wertvollen Dokumenten aus seiner Begegnung mit Hilde Domin unterstützt hat.
 
Text: Heinz Linduschka