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JEG-Schüler erleben Auswandererschicksale hautnah

Geschichtsseminar zur Migration besucht norddeutsche Auswandererzentren

Eine meterhohe Bordwand eines Überseedampfers, zu dessen Füßen lebensechte Figuren Abschied von Europa nehmen, mannshohe Übersehkoffer, die als Ausstellungsboxen für die originalen Habseligkeiten europäischer Auswanderer dienen, eine künstliche Wüstenfläche, in deren Mitte ein verdorrter Baum steht, und ewiges Eis in einem Kälteraum, auf dem bei klirrenden Minustemperaturen ein Forscherzelt platziert ist. Derart abwechslungsreich sind die Eindrücke der drei Exkursionsziele, die das W-Seminar „Völkerwanderung war immer – Geschichte der Migration“ an drei Tagen in Hamburg und Bremerhaven angesteuert hat, wo die „Ballinstadt“, das „AuswandererHaus“ und das „Klimahaus“ besucht wurden.

Anders als die Emigranten früherer Zeiten benutzten die 16 Schülerinnen und Schüler des Elsenfelder Julius-Echter-Gymnasiums unter der Leitung der Lehrkräfte Natasja Bolle-Fischmann und Harald Fischmann kein Schiff, sondern den Bus, um an ihr Reiseziel zu gelangen. Während die osteuropäischen Auswanderer oft acht Wochen brauchten, benötigten die Exkursionsteilnehmer sechs Stunden, um die Hamburger „Ballinstadt“ zu erreichen. Das Hamburger Schietwetter wird allerdings das gleiche gewesen sein. Im Ortsteil Veddel, unweit des Elbstroms, steht ein 2007 eingeweihtes Auswanderungsmuseum, das am Ort der früheren Auswanderungshallen errichtet wurde und die Besucher mit der Geschichte von Menschen aus ganz Europa konfrontiert, die von Hamburg aus, dem „Tor zur Welt“, ihr Glück in der „Neuen Welt“ suchen wollten. Im Museum ist es v.a. die Welt vor 120 Jahren. Albert Ballin, Namenspatron des Museums, fasste damals den Entschluss, eine Zufluchtsstätte für die Millionen Auswanderer aus Europa zu schaffen, bevor ihre strapaziöse Seereise begann. „Was hatte der Ballin denn von einer solchen Anlage?“, wollte Sercan wissen. Die Schülerinnen und Schüler staunten nicht schlecht, dass man damals mit Auswanderern ganz legal sehr viel Geld verdienen konnte, indem man sie menschenwürdig unterbrachte und versorgte, obwohl man pro Person und Nacht eine einzige Mark, die laut Auskunft eines Museumsmitarbeiters etwa sechs Euro entsprach, zahlen musste.
Einfach und menschenwürdig, aber doch etwas teurer war dann die Jugendherberge, die Obdach während des eineinhalbtägigen Aufenthalts in Bremerhaven gewährte. Während sich von Hamburg aus etwa 5,6 Millionen Europäer in das Abenteuer Auswanderung stürzten, waren es an der Wesermündung über 7 Millionen, der Grund dafür, dass sich an historischer Stätte das „Deutsche AuswandererHaus“ befindet. Das preisgekrönte Erlebnismuseum erzählt die bewegenden Geschichten der Emigranten, indem die Besucher die Identität tatsächlicher Auswanderer annehmen und auf deren persönlichem Lebensweg wandeln, vom schwäbischen Mitbegründer Hollywoods über eine neunmonatige Holocaustüberlebende bis zum erfolgreichen Flugzeugingenieur. Die Schülerinnen und Schüler, die sich über das ganze Schuljahr hinweg mit den Phänomenen Aus- und Einwanderung im historischen Kontext von der Antike bis zur Gegenwart befasst hatten, erlebten vor Ort den Moment des Abschieds an der Kaje, die Atlantiküberquerung in verschiedenen Schiffsklassen und die Ankunft in der Neuen Welt. Laut Schülermeinung besonders eindruckvoll der authentische Nachbau der Gittergänge des US-Einwanderungszentrums Ellis Island, wegen der zurückgeschickten Personen auch „Insel der Tränen“ genannt, und der exakte Nachbau eines Teils des im Herzen New Yorks gelegenen „Grand Central Terminal“, der für viele Einwanderer das „Tor zum amerikanischen Kontinent“ darstellte, da sie von dort aus mit dem Zug weiterreisen konnten. An detailgetreu rekonstruierten Fahrkartenschaltern erfuhren die Schüler, wie es mit „ihrem“ jeweiligen Auswanderer in den USA weiterging, welchen beruflichen und privaten Erfolg er erlebte, aber auch wie er gnadenlos scheiterte. Eine interessante Schülerbeobachtung an dieser Stelle: Ein deutscher Auswanderer namens Sauer, der in den USA eine deutsche Frau geheiratet hatte, wurde von der Bundesrepublik mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet, weil er sich in den USA um die Aufrechterhaltung deutscher Kultur und Traditionen gekümmert hatte. In Zeiten der Diskussion um eine deutsche Leitkultur wird ein entsprechendes Verhalten den heutigen Einwanderern nach Deutschland gern zum Vorwurf gemacht.
Die Entdeckung dieser widersprüchlichen Bewertung leitete dann in den neuesten Teil des Museums über. Der von einem Museumspädagogen geleitete Rundgang führte die JEG-Gruppe zurück nach Deutschland. In einer Ladenpassage aus dem Jahr 1973 entdeckten sie die realen Schicksale von Einwanderern nach Deutschland, von den Hugenotten über die so genannten „Gastarbeiter“ bis hin zu syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Besonders berührend wurde hier ein Dokumentarfilm empfunden, der anhand dreier Paare über Probleme der Akzeptanz deutsch-türkischer Beziehungen erzählte, alles im roten Kinoplüsch der frühen 70er Jahre.
Laut Abstimmung das Highlight der dreitägigen Exkursion war in Augen der Schülerinnen und Schüler jedoch der Besuch des ebenfalls in Bremerhaven ansässigen „Klimahauses 8° Ost“.  Dessen Hauptattraktion ist eine Reise rund um den Globus entlang des achten östlichen Längengrades, bei der alle Sinne angesprochen werden. Dabei lernten die Schülerinnen und Schüler acht verschiedene Länder auf fünf Kontinenten, aber v.a. die Abhängigkeit der Einwohner vom jeweiligen Klima kennen. Im Bereich der nachempfundenen Sahelzone musste man 35 Grad Celsius bei trockener Luft aushalten, sodass man auch auf den dort befindlichen Liegeplätzen ins Schwitzen kam. An dieser Station berichtet mittels Video eine alte Frau, wie sehr sich die Steinwüste in der Republik Niger seit ihren Kindertagen ausgebreitet habe. „Jetzt gibt es gar nichts mehr. Jetzt sind die Bäume tot. Die Landschaft ist leer“, sagt sie.
In der Ausstellungsfläche zu Samoa, wo es bei hoher Luftfeuchtigkeit bis zu 30 Grad warm ist, begeisterten sich die Schülerinnen und Schüler für die bunte und heile Aquarienwelt mit Muränen, Clown- und Drückerfischen. Doch auch dieser Eindruck ist trügerisch. „Eine der sichtbarsten Folgen der Erderwärmung ist das Korallensterben", sagte eine Klimaexpertin in einem Vorgespräch mit den Schülern. In der Antarktis wartete zwischendurch eine kleine Abkühlung bei minus 6 Grad. Eine Distanz von 40 000 Kilometern legten die jungen Weltreisenden in der Ausstellung in etwas mehr als einem Kilometer Fußweg zurück.
Um den Einfluss des Klimas auf das Seminarthema der Migration noch genauer zu beleuchten, hatte Kursleiter Fischmann ein Expertengespräch mit Dr. Susanne Nawrath, der Leiterin der wissenschaftlichen Ausstellung im Klimahaus arrangiert. Die promovierte Physikerin, die Mitautorin des vierten Weltklimaberichts ist, zeigte der Schülergruppe anhand von Bildern und Statistiken die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf das Leben der Menschen. Reine Klimaflüchtlinge seien noch die Ausnahme, aber in vielen Fällen gehören Wetterphänomene zu einer ganzen Reihe von Push-Faktoren, die Menschen die Entscheidung treffen lassen, ihre Heimat zu verlassen. Ronja wollte wissen, ob man klimatische Veränderungen künftig als Asylgrund anerkennen sollte. Nawrath wirkte nachdenklich, bejahte die Frage aber am Ende eindeutig. „Haben Sie denn überhaupt noch Hoffnung, dass die Politik den Klimawandel in den Griff bekommt“, fragte Andrè besorgt. Nawraths Antwort angesichts der Willensbekundungen von staatlichen, aber v.a. Wirtschaftsvertretern: „Vorsichtig optimistisch darf man trotz Trump und AfD-Programm schon sein, dass zumindest das Minimalziel erreicht wird, die zukünftige Durchschnittserwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.“ Auf Nachfrage bezeichnete sie die wenigen Wissenschaftler, die den menschlichen Beitrag zum Klimawandel leugnen, als unseriös und großteils von Werbeagenturen der Ölindustrie finanziert.
Trotz der drei informativen Tage und eines abschließenden Zwischenstopps auf dem Bremer Hauptmarkt entschlossen sich die Schülerinnen und Schüler, nicht in den Norden Deutschlands auszuwandern. Wie ein Teil der historischen Vorbilder kehrten sie wieder in ihre geliebte Heimat zurück. 

Besuchen Sie gerne auch die Bildergalerie unserer Fahrt!

 
Ronja Jung und Harald Fischmann








 
29.05.2017 18:32:18 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster