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Theodizee-Projekt

Tausende Tote nach der Atomkatastrophe in Fukuschima, Zerstörung und Leid, das ungezählte japanische Familien tragen müssen! Der plötzliche Unfalltod einer 16jährigen Schülerin des Julius-Echter-Gymnasiums!
Im Lehrplan für das Fach Katholische Religionslehre der 11. Jahrgangsstufe ist vorgesehen, die Theodizee als „Ernstfall“ der Gottesfrage zu behandeln. Die Schüler sollen zur Entwicklung eines selbstverantworteten Gottesglaubens Versuche der gedanklichen Annäherung an Gott, aber auch der philosophischen Begründung des Atheismus kennen lernen.
Schülerinnen, Schüler und das Lehrerkollegium waren im vergangenen Schuljahr von der Frage nach dem Leid in der Welt angesichts eines Schöpfergottes, der die Menschen und alle Geschöpfe liebt, in besonderer Weise berührt. Die Auseinandersetzung reichte von der atheistischen Grundhaltung über die skeptische Auseinandersetzung mit dem christlichen Gottesbild bis hin zum Trost in der Nähe zu Gott.
Die Schülerinnen und Schüler des Religionskurses von Dr. Bertram Söller haben das Thema sehr ernst genommen und verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Vertreter der Religionsgemeinschaften, bekennende Atheisten) gebeten, schriftlich Stellung zu nehmen zur Frage nach dem Leid in der Welt. Nicht alle der Angeschriebenen haben geantwortet, die eingegangenen Antworten aber waren durchweg sehr persönlich und meist auch sehr ausführlich. Sie haben den Religionsunterricht bereichert und den Schülern geholfen, eine eigene Position zu beziehen.
 

„Theodizee“ – eine kurze Erläuterung:

Gottfried Wilhelm Leibniz war der Erste, der in seiner Schrift „Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal“ am Beginn des 18.Jahrhunderts den Begriff  „Theodizee“ verwendet hat. Der Begriff wird aus den griechischen Wörtern θεός (theós „Gott“) und δίκη (díke „Gerechtigkeit“) gebildet. Leibniz wollte damit die Aussagen des französischen Philosophs Pierre Bayle widerlegen, der mit Blick auf seinen eigenen Leidensweg schloss, Gott sei entweder nicht allmächtig oder nicht gut. Das Problem der Theodizee besteht letztlich in der Frage, wie die Existenz eines liebenden Gott sich mit der Existenz des Übels oder des Bösen vereinbaren lässt. Diese Frage trieb schon Jahrhunderte zuvor zahllose Philosophen und Theologen um, deren facettenreiche Antworten sich grob in die Optimisten, die Pessimisten und die Dialektiker aufgliedern lassen. Auch die Bibel ließ und lässt die unterschiedlichsten Antworten auf diese Frage – je nach Bibelstelle und Auslegung – zu. Das Buch Ijob im Alten Testament thematisiert die zentrale Frage der Theodizee am Beispiel des frommen Mann aus dem Land Uz und lieferte vielen Autoren bis in unsere Zeit die Vorlage, sich mit dieser zentralen Frage des Glaubens auseinanderzusetzen. Besonders zu nennen ist hier Joseph Roths „Hiob“, ein Roman, mit dem sich auch die Schülerinnen und Schüler des JEG intensiv beschäftigten, bevor sie ihre Frage an mehr oder weniger prominente Zeitgenossen richteten.

Die auf dieser Seite dokumentierten Ausschnitte sind Versuche, Antworten auf diese zentrale Frage in unserer Zeit zu finden.
 

Die Stellungnahmen zur Theodizee-Frage

Peter Spielmann (65, ehemaliger Lehrer für Französisch und katholische Religion am JEG, Lyriker, Pilger): „Vor einem halben Jahr ereilte meinen Vater ein Schlaganfall, der ihn bis zur völligen Pflegebedürftigkeit lähmt. Meine Pläne … waren vom Tisch. Am Leid meines Vaters konnte ich die Brutalität des Leids beobachten – und an mir?“
„Leid, so konnte ich sehen, macht empfindsam für die Not des Nächsten … Leid ‚erdet’: Alter, Krankheit, das Sterben gehören zum Leben dazu. Sie zu verdrängen, macht oberflächlich … Leid introvertiert: Vielleicht habe ich noch nie in meinem Leben so viel gebetet und war im Schweigen gesessen wie in diesen Tagen, ganz einfach, um Kraft zum Durchhalten zu bekommen …Mein Gottesbild hat sich seitdem nicht verändert. Ich bin überzeugt davon, dass Gott das Leid nicht will - wie könnte er unschuldige Kinder leiden lassen? -, aber ich sehe auch, dass er es zulässt. Damit konfrontiert er mich und die ganze Welt. Vielleicht können das Leben nach diesem Leben und eine neue Welt mit einem neuen Denken und mit neuen Menschen nur unter leidvollen Wehen geboren werden. So muss es wohl sein.“

Der vollständige Text von Peter Spielmann als PDF
 

 

Andrea Splinter (Lehrerin am JEG Elsenfeld, bekennende Atheistin): „Die Welt um uns herum ist, wie sie ist, aber sie erfüllt keinen Zweck, folgt keinem Weg, besitzt keine Richtung. Es gibt in ihr kein Gut oder Böse. Kein Richtig und kein Falsch. Der Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens ein Bewusstsein seiner Selbst.“
„Ich glaube nicht, dass es eine sinnstiftende Kraft gibt, die zielgerichtet und lenkend in diese Welt eingreift. Ich glaube nicht an einen Gott, in welcher Gestalt, unter welchem Namen auch immer. Kein liebender Gott, kein gütiger Gott. Kein zorniger Gott, kein grausamer oder strafender Gott … Nach dem Tod kein Leben, kein Paradies, keine Hölle ... Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erweckt in mir die Grausamkeit der Menschen gegen die Menschen und gegen all das andere Leben. Hier stellt sich für mich die Frage nach dem Warum. Und wieder hilft kein Gott.“
„Das Unglück, welches von außen kommt, ist entsetzlich in all dem Leid, das es bringt. Es kann den Einzelnen zerbrechen. In der Gemeinschaft, im Miteinander der Menschen liegen der einzige Trost und die notwendige Kraft. Dennoch gehört diese Grausamkeit zur Welt. Sie ist absichtslos. Sie ist zu akzeptieren, wie der Tod.“

Der vollständige Text von Andrea Splinter als PDF
 

 

Anselm Grün (67, Benediktinerpater, Autor und Referent zu spirituellen Themen): „Die Frage, warum Gott das Leid zulässt, können wir nicht beantworten … Wir können nur fragen, wie wir auf das Leid reagieren … Jesus zeigt uns im Lukasevangelium einen Weg, wie wir damit umgehen sollen: Entweder wir lassen durch das Leid die Vorstellungen zerbrechen, die wir uns von uns selbst, vom Leben und von Gott gemacht haben. Dann werden wir nicht daran zerbrechen, sondern aufgebrochen für neue Möglichkeiten in unserem Leben und für ein neues Bild Gottes. Oder aber wir halten an unseren Vorstellungen vom Leben, von uns selbst und von Gott fest. Dann werden wir selber zerbrechen, wenn das Leiden diese Vorstellungen zerbricht …
Der zweite Weg: das, was uns von außen widerfährt, in einen Akt der Hingabe zu verwandeln. Ein Beispiel: Meine Mutter hat über ihre Krankheiten nicht gejammert, sondern sie für ihre Kinder und Enkelkinder aufgeopfert. Sie hat das, was ihr von außen widerfahren ist, in einen Akt der Liebe verwandelt. So hat es Jesus selbst am Kreuz gemacht: Das, was von außen auf ihn zukam, Leid, Folter, grausamer Tod, das hat er verwandelt in einen Akt der Freundschaftsliebe: ‚Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15, 13).

Der vollständige Text von Anselm Grün als PDF
 

 


Seniz Hale Önel (Lektorin, Autorin, Lehrerausbildung, Lehrerin für Islamkunde): „Jeder Mensch ist ein Kalif, ein Stellvertreter Gottes auf der Erde, ein Statthalter und ist für die Welt verantwortlich.
Das deutsche Wort ‚der Glaube’ lautet im Koran ‚iman’. Das Wort stammt vom arabischen Verb ‚amana’ ab. Es bedeutet ‚die Treue halten’. An Gott glauben heißt im Koran, ihm die Treue halten, mit ihm verbunden bleiben.
Insbesondere in den Versen 30-59 der 2. Sure verpflichtet der Koran den ersten Menschen Adem und mit ihm alle Menschen darauf, als Stellvertreter Gottes (Kalifa) auf Erden, in Verantwortung gegenüber Gott und mit dem ihm dazu gegebenen Verstand Gottes Schöpfung zu erfüllen und dabei ihn als einzigen Gott zu erkennen und die Treue zu halten, von seinen Engeln und deren Aufgaben zu wissen, seinen Büchern (Bibel, Evangelien und Koran) zu gehorchen, seinen Propheten und ihrer Rechtleitung die Treue zu halten und Gottes Ankündigung zu vertrauen, dass es am Ende der Weltgeschichte ein Gottesgericht geben wird, bei dem Gott so, wie er es nach seiner Gerechtigkeit will, und zugleich barmherzig über die persönlichen Taten jedes einzelnen Menschen urteilen und abrechnen wird.
Im Übrigen: Eine Analyse des Korans insgesamt und der Verse 30-60 der Sure 2 insbesondere gibt keinen einzigen Hinweis auf so etwas wie ‚Vorherbestimmung’ – im Gegenteil: Die mehrfache Erklärung vom Sonderstatus des Menschen als Kalifa und die mehrfache Rede von der Freiheit des Willens des Menschen sich für Recht oder Unrecht zu entscheiden ist offensichtlich! – Alle Formulierungen, die sagen, dass Gott entscheide, wen er rechtleitet oder nicht, beziehen sich auf die Menschen, die abweichen und Verfehlungen begehen. Hier sagt Gott, er werde nach seiner Willkür (nicht nach menschlichem Gerechtigkeitsgefühl, aber barmherzig) helfen oder nicht. (Anders) steht es nicht im Koran!
Der Glaube an die Allmacht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes ist ein zentraler wie fundamentaler Teil des islamischen Bekenntnisses. Die stets größere Gerechtigkeit Gottes zu bejahen und auf sie zu vertrauen entspricht der gläubigen Grundhaltung eines jeden Muslims. Jeder Muslim ist zuversichtlich: ‘Allah belastet niemanden über sein Vermögen. ...’ (Sure2:287)
Der Ursprung des Leids, ist er bei Gott oder beim Menschen zu suchen? Der Mensch ist aufgrund seiner Stellung mit der besonderen Verantwortung, dem freien Willen, der Handlungsfreiheit und der Entscheidungsfähigkeit für das, was hier passiert, verantwortlich. Der Einzelne ist gefragt, ob er auch in leidvoller, schmerzlicher Zeit, in einer unerträglichen Zeit, in der Lage ist oder die Kraft und die Geduld hat, Gott die Treue zu halten. Der Muslim wird immer wieder aufgefordert sich selbst zu fragen, wie groß seine Liebe zu Gott ist, wie sehr er Gott vertraut und wie tief sein Glaube ist, bzw. wie sehr er Gott verbunden ist.
In unserem Schmerz und Leid und ‘Nicht-Begreifen-Können-Warum’ suchen wir Zuflucht bei Allah und vertrauen Ihm, denn Er sagte: ‘Ich weiß, was ihr nicht wisst.’ (Sure2:30)”

Der vollständige Text von Seniz Hale Önel als PDF
 

 

Dr. Gregor Gysi (64, MdB, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, bekennender Atheist): „Ich erzähle, trotz des ernsthaften Themas, erst einmal einen Witz: Ein Mann geht zu seinem Schneider und bestellt einen Anzug. Der Schneider nimmt die Maße und sagt seinem Kunden, er möge in genau einer Woche wiederkommen, da sei sein Anzug fertig. Daraus wird nichts, aus der einen Woche werden drei. Aber nach der dritten Woche ist der Anzug fertig … und sitzt tadellos. Der Mann lobt den Schneider, gestattet sich aber doch eine Frage: ‚Warum hast du so lange gebraucht? Selbst Gott brauchte nur eine Woche, um die Welt zu erschaffen!’ Der Schneider daraufhin: ‚Nun, du sagst, der Anzug gefällt dir. Dann schau dir mal die Welt an!’
Ungefähr darum geht es auch bei der Theodizee. Die Welt hält allerlei Übel bereit, und soll doch die Schöpfung eines allmächtigen, allwissenden und guten Gottes sein. Für den Atheismus war das … Grund genug, die Existenz seines Wesens … zu bestreiten.“
„Die individuelle Vernunft ermöglicht es dem Einzelnen, den Weg des Wahren und des Richtigen aus eigener Einsicht zu finden – gegen die Verlockungen des Bösen, gegen die Zweifel und Verzweiflung. An genau diesem Punkt, dem Insistieren der Einzelnen, säkularisiert sich gewissermaßen die Theodizee … Ein Beispiel: Die meisten Leute befolgen Gesetze, einige verletzen sie aus Unkenntnis, andere bewusst – aber die große Mehrheit befolgt sie.“
„Ich versöhne mich mit den Zumutungen einer rechtlich geordneten Welt, in dem ich unter Aufbietung meines eigenen Vernunftvermögens in der Rechtsordnung eine Art ‚objektive’ Vernunft erkenne. Rechtskonformes Handeln ist dann nicht Opportunismus oder Ausdruck der Furcht vor unangenehmen Folgen, sondern Ausdruck bewusster Anerkennung der Vernunft in den Institutionen.“

Der vollständige Text von Dr. Gregor Gysi als PDF
 

 

Volkmar Gregori (57, Dekan der evangelisch-lutherischen Kirche am Untermain) schreibt sehr persönlich von seiner Mutter, die 1973 mit 52 Jahren völlig unerwartet starb, als er gerade das Abitur bestanden hatte, und vom Unfalltod seiner 20-jährigen Nichte Silke im Jahr 2003 – zwei einschneidende Erlebnisse, die ihm die Frage ‚Gott – warum und wozu?’ stellen ließen. Die beeindruckenden, authentischen Schilderungen können in Volkmar Gregoris Brief nachgelesen werden.
Gregori fährt fort: „Gott, warum? Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibnitz hat den Begriff „Theodizee“ geprägt. Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie der Glaube an Gott angesichts des Übels in der Welt Bestand haben kann. Das „malum physicum“ (das Leiden) lässt Gott geschehen, weil es Schuld bestrafe und zum Guten führe. Das „malum morale“ (die Sünde) gesteht Gott den Menschen um ihrer Freiheit willen zu. (…) Ich frage radikal: Kann es Gott geben, wenn es Auschwitz, Hiroshima, Fukushima, den Hungertod Hunderttausender in Ostafrika, Tsunamis, Erdbeben, Massaker, Amokläufe gibt? Ist das die Antwort auf diese Frage, nämlich, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt?
Im „Abriss der Dogmatik“ (Gütersloh, 1973) von Horst Georg Pöhlmann, habe ich für das theologische Examen gelernt: „Ist Gott ein Deus absconditus (verborgener Gott), so ist auch seine Gerechtigkeit eine verborgene. Der Mensch weiß nicht, was es für einen Sinn hat, dass Gott so viel Böses in der Welt zulässt. Aber Gott weiß es. Das genügt. Nicht Gott muss sich rechtfertigen, sondern der Mensch. Es gibt keine Theodizee, sondern nur eine Anthropodizee.“
Heute, nach mehr als 30 Jahren im Pfarrerberuf, ungezählten Beerdigungen und Seelsorgegesprächen mit der Frage „Gott, warum?“ im Zentrum, sind solche Sätze kirchlicher Dogmatik für mich nicht mehr hinnehmbar. Stellen Sie sich vor, der Pfarrer oder die Pfarrerin hätte am Grab der 16jährigen Mitschülerin, die im Auto ihres Vaters ums Leben kam, gepredigt: ‚Wir wissen nicht, was es für einen Sinn hat, dass Gott ihren Tod zugelassen hat. Aber Gott weiß es. Das genügt.’ Solche Sätze angesichts des unfassbaren Todes müssen in den Ohren von Trauernden wie Hohn klingen.
Mich tröstet im Blick auf all das Leid in der Welt immer wieder: Wir können mit unseren Ängsten und Sorgen zu Gott kommen. Auch wenn wir uns von ihm und von seiner Kirche abgewendet haben … ist Gott doch bereit, uns zuzuhören. Das spüren Menschen immer wieder und suchen deshalb in ihrer Empörung, in Trauer, Angst und Zorn Kirchen als Orte auf, in denen sie mit Anderen zusammenkommen, in denen es Rituale gibt, die ihren Gefühlen Raum geben, in denen alte Worte zu finden sind, die tiefer gehen als alle Betroffenheit, als alle Rhetorik und alle Antwortversuche auf die Frage „Gott, warum?“. Dann ist zu spüren: Dieser Glaube gibt Halt. Da finden sich Trost und Kraft in einer Botschaft, die älter ist als wir selbst. (…)
Ich weiß, dass sich meine Antwort auf die Theodizeefrage im Laufe meines meines Suchens nach Gott weiter verändern wird. Heute ist sie so:
Ich vertraue dir, mein Gott, auch wenn so vieles in dieser Welt ist, wo ich nicht erkennen kann, dass du vertrauenswürdig bist. Einen ganz starken Grund hat dieses Vertrauen durch Jesus von Nazareth. Wie er lebte, was er sagte und tat, wie er starb und dass du ihn auferweckt hast, ist für mich die Gewissheit, dass sich die Widersprüche dieser Welt, jenseits der Möglichkeiten meines Verstandes und meines Begreifens lösen. (…) Danke, Gott, dass ich in diesem Vertrauen zu dir, in Leid und Freud, absolut geborgen sein kann. Ich finde allerdings, du könntest mit diesem Geschenk des Glaubens und des Vertrauens durchaus ein bisschen großzügiger umgehen.“

Der vollständige Text von Volkmar Gregori als PDF
 

 

Dr. Friedhelm Hofmann (69, Bischof von Würzburg): „Die Frage nach dem Leid und seinen Ursachen dürfte tatsächlich die schwierigste im gesamten Glaubenskontext sein. Vielleicht hat genau aus diesem Grund das Lehramt der Kirche niemals eine ausdrückliche Stellungnahme zum Thema ‚Theodizee’ formuliert.“
„Tatsächlich ist die Menschheitsgeschichte, soweit wir zurückblicken können, stets auch eine Geschichte des Leids gewesen.“ „Die Frage der Theodizee ist … tatsächlich nicht leicht. Es gab sogar Theologen, die wollten den Diskussionen gerade theologisch ein Ende setzen. Der Tenor dieser Forderung: Alle rationalen Bemühungen um die Theodizeefrage seien theologisch illegitim, denn nur Gott selbst könne diese Fragen beantworten… Dennoch bin ich geneigt, mit einer Gegenfrage zu antworten: ‚Ist es wirklich Gott, der die Menschen leiden lässt, oder ist es nicht oft genug die Grausamkeit der Menschen, die den Willen Gottes nicht akzeptieren?’ … Nachdenklich hat mich die Rede eines schwerkranken, sterbenden Geistlichen gemacht, der einem Freund Folgendes anvertraute: ‚Wir verstehen es meisterhaft, schöne Sätze über das Leiden zu machen. Auch ich habe über Leiden in ergreifenden Worten gepredigt. Sagen Sie den Priestern, sie sollen lieber schweigen; wir wissen nämlich nicht, was Leiden heißt. Als ich dies einsehen musste, habe ich nur noch geweint.’“
„Wir können über den Willen und die Allmacht Gottes nicht mehr so einfach reden wie in vergangenen Epochen. Vor allem scheint mir eine verharmlosende Rede von der Allmacht Gottes am Ende zu sein. Sonst müssten wir Gott nicht nur Naturkatastrophen, sondern auch grausame, unmenschliche Verbrechen wie Auschwitz und alle anderen Untaten dieser Erde in die Schuhe schieben.“
„Tatsächlich haben wir keine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem WARUM. Die Theodizee-Frage scheitert angesichts der Unbegreiflichkeit Gottes … Einen Trost aus der Erfahrung unseres christlichen Glaubens gibt es meines Erachtens aber doch: Das Neue Testament lehrt uns, dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus in alles Leiden der Welt hinabgestiegen ist … Die Bibel schildert hier einen Gott, der sich nicht zurück nimmt, der unsere Leiden kennt und der ihn ihnen genauso verborgen gegenwärtig ist … Hier keimt christliche Hoffnung auf für alle Menschen: Gott geht mit uns mit. Er ist nicht außerhalb seiner Schöpfung, auch wenn diese noch nicht vollendet ist. Er kennt jeden Menschen und er kennt unser Leid. Mit Jesus will er uns sogar im Leidenden begegnen. Das sagt das Matthäus-Evangelium deutlich: ‚Was ihr für einen meiner geringsten Schwestern oder Brüder getan hab, das habt ihr mir getan.’ (Mt 25, 40)
Ich denke, gerade hier liegt der Ansatz für eine bessere Welt. Unser Umgang mit dem Leid ist unter christlichen Vorzeichen letztlich ein Umgang mit den Leidenden … Nicht Gott will unser Leid, er will uns nicht in die Abgründe des Elends stürzen, sondern er, den wir so gern zur Rechenschaft ziehen wollen, lässt uns in Christus teilhaben an seinem Ringen um das Recht der Armen und Schwachen und an seinem Mitleiden mit den Gequälten und Leidenden aller Zeiten.“

Der vollständige Text von Dr. Friedhelm Hofmann als PDF
 

 

Professor Dr. Theodor Seidl (pensionierter Lehrstuhlinhaber für Exegese des Alten Testaments an der Universität Würzburg) – wir geben zentrale Punkte des knapp einstündigen Interview wieder:
Im Interview mit Prof. Seidl steht das Buch Ijob des Alten Testaments im Mittelpunkt. Seidl betont, dass der berühmte Satz „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen – gepriesen sei der Name des Herrn!“ zwar Ijob als Dulder zeigt, nicht aber den ganzen Ijob. Der hat seinen Besitz und seine Familie verloren und schließlich ist er krank geworden. In einer Art Wette hat Gott dem Teufel nämlich erlaubt zu prüfen, ob Ijob auch im Leid an seinem Glauben festhält. Ijob klagt laut über das Leid, das er tragen muss, er klagt Gott an, er will von Gott eine Begründung für das Leid. Einer der Freunde begründet das Schicksal des leidenden Ijob mit dem sogenannten „Tun – Ergehen – Zusammenhang“. Der aber wird zurückgewiesen: Ijob leidet nicht deshalb, weil Gott ihn für Verfehlungen bestraft. Das ist Seidl besonders wichtig. Auch heute darf Leid nicht als Strafe Gottes verstanden werden.
Am Ende bleibt für Seidl nur festzustellen: Das Leid ist für den Menschen ein unlösbares Rätsel, hat aber einen Platz in Gottes Schöpfung. Gott zeigt sich Ijob, spricht mit ihm und dieser begnügt sich mit der Erkenntnis, dass er nicht alle Welträtsel lösen kann.
Als Priester geht Seidl einen eigenen Weg der Seelsorge. Es ist ihm wichtig, zuhören zu können, wenn ein Mensch einen nahen Angehörigen verloren hat. Belehrungen oder Bekehrungsversuche sind seiner Meinung nach nicht hilfreich. Der Trauernde braucht Begleitung, keine vorgefertigten Antworten. Die Abkehr von Gott ist genauso möglich wie das Festhalten am Glauben. In den Psalmen sogar gibt es Klagelieder und den praktischen Atheismus, das heißt die Abwendung von Gott, der im Leben des Menschen keine Rolle mehr spielt. Auch hält Seidl es für verfehlt, einem Trauernden Hoffnung zu machen, dass er am Leid wachsen könne, dass das Leid einen Reifeprozess auslösen könne. Das lässt sich nur mit großem zeitlichen Abstand nachträglich feststellen. Entschieden wendet sich Seidl auch gegen Formulierungen in Todesanzeigen, in denen es heißt, „Gott, dem Herrn, habe es gefallen“, einen jungen Menschen sterben zu lassen. Diesen Satz hält Seidl für eine unreflektierte Formel. Seiner Meinung kann es allenfalls heißen, dass Gott es zugelassen hat, dass ein junger Mensch stirbt. Gott greift nämlich nicht wie ein Zauberer in seine Schöpfung ein, um Unglücksfälle zu verhindern. Allerdings darf nach Seidl Ansicht auch nicht einfach der Mensch oder ein Teufel als Verursacher des Bösen und des Leids angenommen werden, um damit alle Schuld von einem gnädigen und liebenden Gott zu nehmen. Gott ist als Schöpfer der Welt Ursprung des Guten und Schönen und Ursprung des Dunklen und Bösen.
Professor Seidl zeigt sich im Gespräch nicht nur als Wissenschaftler, der über das Buch Ijob geforscht hat und in einer langen akademischen Karriere Studenten unterrichtet hat, sondern auch als Mensch, der aus persönlicher Erfahrung spricht. Sehr privat wird er, als er vom Unfalltod seines Neffen erzählt. Dieser ist beim Bergsteigen ums Leben gekommen und hat eine schwangere Ehefrau alleine zurückgelassen. Besonders Seidls Bruder ist durch den tragischen Tod seines Sohnes in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt worden. Als Priester und naher Angehöriger hat Professor Seidl seinem Bruder nur durch Anwesenheit und Zuhören helfen können. Er hat akzeptiert, dass sein Bruder bei Familienfesten an Gottesdiensten nicht mehr teilnimmt und Religion in seinem Leben keine Rolle mehr spielt.
Für den Theologen Seidl bleibt die christliche Hoffnung, dass das Leiden einen Sinn hat und in einem jenseitigen Leben Gott alle Tränen trocknen wird.
 



Die Theodizee-Seite im Main-Echo wurden von folgenden 29 JEG-SchülerInnen der Q12 im Religionskurs bei Dr. Bertram Söller und/oder im P-Seminar Journalismus bei Dr. Heinz Linduschka erarbeitet:

Anton Abb, Estella Amendt, Jessica Ball, Jana Bauer, Sabrina Becker, Katharina Brendel, Vanessa Emge, Lea Fischer, Simon Fuchs, Marius Gulich, Lorenz Haart, Annika Hans, Annika Hauck, Florian Helleiner, Magdalena Heß, Lena Hock, Alexander Kempf, Janina Klotz, Moritz Klug, Cosma Leder, Melina Lieb, Vanessa Reinhard, Chantal Rücker, Mona Salwender, Luisa Schäfer, Saskia Schnabel, Nina Schreiber, Mario Volz und Moritz Weissenberger.