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„Ich war bestimmt kein Held“

Zeitzeuge Winfried Schweitzer berichtet von seiner Fluchthelfertätigkeit im Berlin des Kalten Kriegs

Der 71-jährige Winfried Schweitzer gehörte zu den jungen Männern, die den „Tunnel 57“ unter der Mauer hindurch trieben, durch den im Jahr 1964 57 Menschen von Ost- nach Westberlin flüchten konnten. Der ehemalige Bauingenieur erzählte an drei Tagen insgesamt vor über 300 Schülerinnen und Schülern an der Realschule Elsenfeld, am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld und am Hermann-Staudinger-Gymnasium Erlenbach vom Höhepunkt des Kalten Krieges in Berlin.

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Angeregt wurde die schulübergreifende Zusammenarbeit durch die Realschullehrerin Rose-Marie Becker, auf deren Einladung der im heutigen Polen geborene und in Thüringen aufgewachsene Winfried Schweitzer in den Landkreis reiste. Seine Motivation für das ehrenamtliche Engagement als Zeitzeuge: „Wenn man die Vergangenheit versteht, kann man auch Gegenwart und Zukunft besser begreifen und beeinflussen.“
Am Anfang des Vortrags erwartete die jungen Schüler ein Crash-Kurs in Sachen Kalter Krieg. Korea-Konflikt, 17. Juni, Mauerbau und Kuba-Krise: Alle Stationen bezog der Zeitzeuge auf seine bewegte Biographie, sodass die Schülerinnen und Schüler im Gegensatz zu ihrem „normalen“ Geschichtsunterricht eine neue Erfahrung machen konnten. Denn vor ihnen wurden nicht nur historische Fakten und Zusammenhänge ausgebreitet, sondern ihnen wurde deutlich, dass die genannten Ereignisse direkte Auswirkungen auf das Alltagsleben der Zeitgenossen hatten. Sichtlich bewegt, teilweise mit tränenerstickter Stimme berichtete Schweitzer, der als zehnjähriger nach Westberlin gekommen war, beispielweise von der Sorge, Thüringen, die Heimat seiner Kindheit durch den Mauerbau nie mehr sehen zu können.
 

Leichtsinn statt Heldenmut

Die Paradoxie des Schicksals wollte es, dass der Mauergegner anfangs vom „Einsperren der DDR-Bürger“ profitierte. Normalerweise hätte er nach Mittlerer Reife und abgeschlossener Betonbauerlehre 1961 noch mindesten sieben Jahre auf einen Platz in der Bauingenieursschule in Westberlin warten müssen. Weil die Studenten aus Ostberlin wegen der Mauer aber nicht mehr zur Schule kommen konnten, wurde bereits 1962 ein Studienplatz für ihn frei. Wegen der bei der Ausbildung erworbenen Statiker- und Vermessungskenntnisse wurde er auch auf das Projekt „Tunnelbau“ angesprochen. Für Schweitzer eine Ehrensache, dabei zu sein. Bescheiden die Selbsteinschätzung des in seinen eigenen Worten „kleinen Fluchthelfers“, der davon erzählte, wie unangenehm es für ihn sei, dass ihm in manchen Veranstaltungen „Heldenmut“ unterstellt werde. Schweitzer deutlich: „Ich war bestimmt kein Held, wir waren jung, unbeschwert und leichtsinnig.“
 

Zusammenarbeit mit Unbekannten

Die Schülerfrage nach der Angst beantwortete der Ingenieur eher technisch. Mit einem starkstrombetriebenen „Kongohammer“ habe man im Tunnel gearbeitet, sodass die Angst vor Kriechströmen in der immer feuchten Röhre, auf deren Boden das Wasser stand, ständiger Begleiter war. Außerdem hatte man aufgrund der schlechten Luftverhältnisse die Sorge zu ersticken, die durch ein mit Feuerwehrschläuchen improvisiertes Lüftungssystem gelindert wurde. Das Risiko der Entdeckung sollte dadurch minimiert werden, dass man in zwei- bis drei Wochenschichten mit Partnern arbeitete, deren Namen und Privatleben man nicht kennen durfte. Aufgrund seines Nachnamens gab sich Tunnelbauer Schweitzer den Codenamen „Albert“. Der Arbeitsplatz war zudem nichts für Menschen mit Platzangst: In zwölf Meter Tiefe trieb man einen am Ende 145 Meter langen Stollen von West- Richtung Ostberlin und errichtete dabei, wie Schweitzer ein bisschen stolz anmerkt den „längsten und erfolgreichsten“ aller Berliner Fluchttunnel, die heute nach der Anzahl der befreiten Menschen benannt werden. „Wir waren immer pitschnass und dreckig wie Schweine“, erinnerte sich Schweitzer, der am Mittelteil des „Tunnels 57“ geschuftet hat. Rund 20 Personen arbeiteten in wechselnder Besetzung von März bis Oktober an dem Bauwerk, durch das 57 Menschen aus dem „Folterstaat“ DDR befreit werden könnten und das heute, wie auf Schülernachfrage mitgeteilt wurde, zugeschüttet wurde bzw. selbst eingebrochen ist.
 

Räuberpistole im Propagandakrieg

Traurige Berühmtheit erlangte eine Episode, die der Zeitzeuge selbst zwar aus erster Hand, aber auch nur vom Hörensagen kennt: Unter den 120 eingeplanten Flüchtlingen befand sich auch ein Inoffizieller Mitarbeiter des Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Zwei Mitarbeiter des MfS fanden den Tunnel gegen Mitternacht am 4. Oktober und holten Mitglieder der Grenztruppen. Beim Rückzug der Fluchthelfer schoss Christian Zobel mit einer Pistole mehrmals in Richtung der Soldaten und traf den Unteroffizier Egon Schultz an der Schulter. Egon Schultz ging zu Boden und wurde beim Versuch, wieder aufzustehen, von einer Salve aus einem Maschinengewehr eines Kameraden entweder versehentlich erschossen oder, wie Schweitzer meint „ganz bewusst, um freies Schussfeld auf die Fluchthelfer zu bekommen“. Die DDR-Presse schlachtete den Vorfall aus und berichtete am nächsten Tag, dass „West-Berliner Terroristen“ einen Grenzsoldaten ermordet hätten.

Wären die Doppelstunden nicht so schnell verstrichen, hätte Winfried Schweitzer bestimmt noch voller Freude weiter erzählt. Für die besonders Interessierten verwies er auf das 2011 erschienene Buch Klaus-M. von Keusslers und Peter Schulenburgs, das den simplen Titel „Fluchthelfer“ trägt (ISBN 978-3-86368-001-5). Als sich der Vortragsraum fast ganz geleert hatte wirkte der Tunnelbauer von einst nach einem seiner Vorträge ein wenig verloren, als ob er seinen Worten im Nachhall noch selbst nachspüren würde. Dann erstrahlte er aber wieder, denn er hatte von einem der letzten Schüler noch die Worte mit auf den Weg bekommen. „Danke, ein wirklich besonders interessanter Vortrag!“

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Text: Fischmann