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Sally Perel (NS-Zeit)

Keiner ist von vornherein gegen Ideologien gefeit

Nationalsozialismus: Sally Perel spricht am JEG über seine Zeit als „Hitlerjunge Salomon“

„Ich lebe immer noch ein Doppelleben“, bekannte der heute 83-jährige Sally Perel am Donnerstag vor insgesamt 250 Mädchen und Jungen aus den Jahrgangsstufen 9 und 12 im Hilde-Domin-Saal des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld. Auch etliche Gäste aus Elsenfeld, Obernburg und Wörth waren ins JEG gekommen, um zu hören, was der ehemalige „Hitlerjunge Salomon“ über seine Zeit im nationalsozialistischen Deutschland zu sagen hatte.
 

Muss bei seinen Lesungen immer wieder seine Bücher signieren:
Salomon „Sally“ Perel, Sohn einer jüdischen Familie, der als „Hitlerjunge Salomon“ bekannt wurde.
Das war auch im Elsenfelder Julius-Echter-Gymnasium so.

Sie erlebten einen beeindruckenden Zeitzeugen, dessen insgesamt vierstündige Vorträge am JEG weit mehr als ein paar Geschichtsstunden ersetzen können. „Wer Bücher verbrennt, verbrennt am Ende auch Menschen“, zitierte Perel den deutsch-jüdischen Dichter Heinrich Heine aus der Zeit des Jungen Deutschland und warnte damit die Jungen und Mädchen intensiv davor, wegzuschauen, sobald irgendwo Unmenschlichkeit und Grausamkeit zu sehen und spüren sind.
 

Drei Jahre in HJ-Eliteanstalt

Schnell wurde klar: Keiner ist von vornherein gegen Ideologien gefeit. Selbst Perel, der jüdische Junge, war nicht immun gegen die nationalsozialistische Ideologie und die Massenhysterie, die er in drei Jahren als Hitlerjunge in der HJ-Eliteanstalt in Braunschweig erlebte.
Dass er als Jude nur durch Zufall und eine fast unglaubliche Häufung für ihn glücklicher Umstände bei den Nazis als „Arier aus dem Baltikum“ durchging und damit nicht genau so vergast und verbrannt wurde wie seine Eltern und die meisten seiner Geschwister, schützte ihn nicht vor der Verführung: „Ich wurde ein begeisterter Hitlerjunge und wollte den Endsieg“, gab Perel zu und bekannte sogar: „Ich weiß nicht, ob ich nicht sogar jemanden erschossen hätte, wenn ich dazu aufgefordert worden wäre.“ Zu Resignation oder gar zu einem tief sitzenden Hass gegen die Deutschen haben ihn diese Erlebnisse, hat ihn auch der Mord an seiner Familie nicht geführt – im Gegenteil. Die Schüler erfuhren, worum es dem 83-Jährigen, der seit 40 Jahren in Israel lebt und sich dort als bekennender Friedensaktivist für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt, vor allem geht, wenn er Jahr für Jahr die Strapazen auf sich nimmt und Lesereisen durch eine Vielzahl deutscher Schulen antritt: „Ich will die Jugend impfen mit den Tränen der vergasten jüdischen Kinder gegen die neue braune Gefahr!“
 

Nach wie vor besteht Gefahr

Dass diese Gefahr nach wie vor besteht, daran gibt es für Perel keinen Zweifel, auch wenn er viel Hoffnung auf die Jugend setzt, von der er sagt, sie sei heute „um 180 Grad anders als im Jahr 1945“.
Aber: „Auch heute noch gibt es Jugendliche mit Hakenkreuzen auf den Straßen – für mich ist das eigentlich unvorstellbar.“ Mit Schuldzuweisung an die Jugend hat das gar nichts zu tun: „Ich habe niemandem von euch etwas zu verzeihen, denn es gibt keine Kollektivschuld, und es gibt schon gar keine Schuld einer jungen Generation an den Verbrechen der Großvätergeneration. Aber ihr seid mitverantwortlich dafür, dass so etwas nie wieder passiert.“
 

Tabu Menschenleben

Und immer wieder zog sich wie ein roter Faden die Warnung vor menschenverachtenden Ideologien durch den Vortrag: „Keine Ideologie, keine Religion hat das Recht, das Opfer eines Menschenlebens zu verlangen.“ Das Fazit Perels: „Wenn es mir gelingt, bei einer Station meiner Lesereise auch nur einen einzigen zu erreichen, so dass der von seinem Neonazi-Weg ablässt, dann hat mein Einsatz seinen Zweck voll und ganz erfüllt.“

 

Zur Person: Salomon „Sally“ Perel

Salomon „Sally“ Perel wurde 1925 als Sohn einer jüdischen Familie in Peine geboren. In seiner Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ beschreibt er seine Flucht vor den Nazis, die Ermordung seiner Eltern und der meisten seiner Geschwister und erzählt, wie er für einen Volksdeutschen gehalten, als „Hitlerjunge“ in eine Eliteanstalt der HJ nach Braunschweig verwiesen wurde und dort den Zweiten Weltkrieg und die systematische Judenvernichtung überleben konnte. Die Autobiografie erschien 1992 in deutscher Sprache und wurde mit viel Erfolg unter dem Titel „Hitlerjunge Salomon“ verfilmt .

Das Buch: Sally Perel: Ich war Hitlerjunge Salomon. Heyne-Verlag München, 17. Auflage 2007, 208 Seiten, 7,95 Euro.
 
Text und Bild: Heinz Linduschka