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Justin Sonder (Auschwitz)

„Lasst so etwas nie wieder zu!“

Justin Sonder, ein Auschwitz-Überlebender, sprach am JEG

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ Am Ende seines knapp zweistündigen Vortrags vor 60 Jungen und Mädchen aus zwei 9. Klassen des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld und etlichen erwachsenen Zuhörern aus den umliegenden Ortschaften wurde klar, warum Justin Sonder, 1925 in Chemnitz geborener Jude und sicher einer der letzten Überlebenden des Auschwitz-Terrors, noch heute mit 85 Jahren mindestens 30 mal pro Jahr in Schulen von den Gräueln des Holocaust erzählt. Es war mucksmäuschenstill im Hilde-Domin-Saal, als Sonder am 28. Januar 2010 die „Straße der Verbrechen 1933 bis 1945“ mit den Zuhörern noch einmal abschritt und die „fabrikmäßige Tötung in Millionenzahl“ mit ganz konkreten und ganz persönlichen Erlebnissen tatsächlich vorstellbar werden ließ.
 

Er war sieben Jahre alt, als die Nazis die Macht übernahmen, erlebte in Chemnitz ganz hautnah mit, wie schon in den ersten Monaten „Willkür, Beschlagnahme und Festnahmen“ an der Tagesordnung waren und beispielsweise durch den Bürgermeister, natürlich selbst NSDAP-Mitglied, eine „Schandliste“ am Rathaus ausgehängt wurde, auf der zu lesen war, wer es gewagt hatte, in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Schnell wurde klar, dass die große jüdische Gemeinde in Chemnitz von liberalen Juden bestimmt wurde, von Juden, sich als Deutsche fühlten, das Chanukkafest feierten, aber auch den Weihnachtsbaum aufstellten. Umso schlimmer trafen sie die Nürnberger Rassegesetze im Jahr 1935, trafen sie die Diskriminierungen und Schikanen. „1938 flogen wir aus den Schulen. Unser Direktor richtete uns zwei Klassenräume für acht Jahrgänge ein, wir mussten einen Sondereingang benutzen und durften nicht bei öffentlichen Auftritten dabei sein, weder beim Sport, noch bei irgendwelchen Schulfeiern.“ Das aber war erst der Anfang, denn spätestens mit der Reichspogromnacht am 9.1.1938 zeigte auch in Chemnitz der Terror sein ungeschminktes Antlitz. Die rund 80 jüdischen Schüler wurden noch ein knappes Jahr im Freien unterrichtet, zwischen den Grabsteinen am jüdischen Friedhof, längst mussten die Frauen ein „Sarah“, die Männer ein „Israel“ im Ausweis tragen, und seit 1941 durfte man sich als Jude nicht ohne den Stern in der Öffentlichkeit blicken lassen.

Justin Sonder war 16, als 1942 seine Eltern verhaftet wurden und wie viele andere in einem Konzentrationslager starben, er war knapp 17 als er selbst ins KZ Auschwitz III Monowitz gebracht wurde. Davor aber hatte er noch etwas gelernt, das er in Elsenfeld ganz deutlich ausdrückte: „Nicht jeder Nazi war ein potentieller Mörder!“ Er sprach vom „Fleischermeister“, der dem allein in Chemnitz lebenden Jungen zu den Knochen immer wieder mal ein Stück Fleisch packte, vom Butterhändler, der ihm Butter und Käse auch ohne Marken gab, und vom Friseur, der ihm nach Ladenschluss die Haare schnitt, auch wenn das verboten war.

Besonders bewegend war, was Sonder über die Jahre zu erzählen hatte, nachdem „am 27.2.1943 der Holocaust bei mir angekommen“ war, also nach der Einlieferung in Auschwitz. Es ist eine Geschichte kleiner und großer Wunder, die Geschichte, wie er 16 Selektionen überlebte, wie er später einen SS-Lagerarzt, Dr. Fischer, in Chemnitz als Kinderarzt entdeckte, wie ihm ein Dr. Großmann nach einer Knieoperation vor der Selektion dadurch rettete, dass er ihn in eine Fleckfieberbaracke einwies, und die Geschichte, wie er in die Widerstandsgruppe im KZ Auschwitz aufgenommen wurde und versuchen konnte, die Zerstörungsarbeit der Nazis durch Sabotageakte zu bremsen.

Totenstill war es, als er schilderte, wie ein 16-jähriger griechischer Junge auf dem Appellplatz wegen eines Brotdiebstahls aufgehängt wurde und gerade noch ein „Mama“ flüstern konnte, totenstill war es auch, als er von den Todesmärschen und den unvorstellbaren Leiden erzählte, die er wie durch ein Wunder überlebte. „Es ist unglaublich, was ein Mensch aushalten kann“, resümierte Sonder und mahnte ganz eindringlich am Schluss die Jungen und Mädchen: „Lasst so etwas nie wieder zu. Setzt euch ein gegen Ausländerhetze, gegen Rassenhass und gegen Antisemitismus!“
 
Text und Bild: Heinz Linduschka