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Gisela Heidenreich (NS-Zeit)

Gegen Lügen, Verleugnung und Verdrängung

Gisela Heidenreich spricht am JEG über ihr „Lebensborn“-Schicksal

Elsenfeld. Zweimal vor jeweils rund 100 Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Jahrgangsstufe las die Schriftstellerin und Paar- bzw. Familientherapeutin Gisela Heidenreich auf  Einladung der Geschichtsfachschaft am Julius-Echter-Gymnasium aus ihrer Biographie „Das endlose Jahr – Auf der Suche nach der eigenen Identität“.  Besonders beeindruckend die Passage, in der sie von ihrer neuen Schulklasse nach dem Umzug nach München ausgelacht wurde, weil sie den Namen ihres Vaters nicht wusste. Wie auch, ihre Mutter hatte versucht zu verheimlichen, dass sie ihre Tochter in einer speziellen Entbindungsstation für nicht verheiratete arische Frauen in Norwegen zu Welt brachte.
„Ich bin ein so genanntes „Lebensborn“-Kind“, erklärte Heidenreich in ihrem Vortrag und bedauerte, dass die Beschäftigung mit der Nazi-Einrichtung in keinem Lehrplan zu finden sei, obwohl sie beispielhaft vor Augen führe, welchem Rassewahn die Nazis anhingen. Die  1937 von Heinrich Himmler als eingetragener Verein in München gegründete Organisation war der SS unterstellt. In Entbindungsheimen sollten „rassisch und erbbiologisch wertvolle“ Schwangere die Möglichkeit einer „verschwiegenen“ Geburt erhalten. Heidenreichs Mutter hatte für diese Organisation gearbeitet, eine Liaison mit einem SS-Offizier und sich wegen der „Schande“ einer unehelichen Schwangerschaft aus Bad Tölz nach Oslo versetzen lassen, wo 1943 im dortigen „Lebensborn“-Heim  ihre Tochter Gisela das Licht der Welt erblickte, einer Welt, die von den Nazis gemäß ihrer rassistischen Ideen „aufgenordet“ werden sollte. Das heißt, dass der Anteil der von den Nazis als höherwertig betrachteten „germanisch-nordischen Rasse“ an der Weltbevölkerung steigen sollte. Ein Instrument für diesen Rassenwahn: der „Lebensborn e.V.“.
„Ich fühle mich immer noch unwohl mit meinem Vornamen“, erzählte Heidenreich bei ihrer Lesung und berichtete, wie sie den Vornamen Gisela bei einer Namensweihe erhalten hatte. Anstatt Weihwasser und Kreuzzeichen wurde sie dabei mit einem SS-Dolch berührt. Alles Details, die sie erst viel später durch umfangreiche Recherchearbeiten  zu Tage gefördert hat, denn in ihrer Familie sei die Beschäftigung mit der Vergangenheit bis kurz vor dem Tod ihrer Mutter eher von „Lügen, Verleugnung und Verdrängung“ geprägt gewesen.
Sehr wichtig für Heidenreich, die sich als Sprachrohr einer etwa 10000 Personen umfassenden Gruppe versteht, die in Lebensborn-Einrichtungen zur Welt kam, ist, dass man die Entbindungsstationen und Heime nicht mit Bordellen gleichsetzt, in denen Menschen gleichsam gezüchtet wurden. Dass seien die Horrormeldung einer reißerischen Presse, aus der sie sich nach dem Krieg, als sie immer wieder mit dem Schimpfwort „Nazibangert“  aufgezogen wurde, als erstes informiert habe. „Allerdings ist der „Lebensborn“ alles andere als eine karikative Einrichtung“, so Heidenreich. In seinen Heimen sind auch aus den besetzten Gebieten entführte Kinder gelandet, die dem verqueren „Rasseideal“ der Nazis entsprechen: Groß, blond und blauäugig. Eine Zeitlang habe sich Heidenreich deswegen ihre blonden Haare sogar gefärbt. Für sie wurde später das Schreiben zur Therapie. Interessant, dass die Fragen der Schülerinnen und Schüler nach dem Vortrag überwiegend nicht die abstrakten historischen Fakten zum Inhalt hatten, sondern eher auf die private Familiengeschichte Heidenreichs abzielten, ein Beleg dafür, dass an dem Einzelschicksal einer Zeitzeugin mehr an historischer Lebenswirklichkeit vermittelt werden kann als durch die Besprechung unpersönlichem Faktenmaterials im üblichen Geschichtsunterricht. Für die Schülerinnen und Schüler wurde in den eineinhalb Stunden des Vortrags spürbar, dass die Auswirkungen von Diktatur und Krieg nach ihrem Ende noch lange anhalten, eine Einsicht, die laut Heidenreich auch im Umgang mit den aktuellen Flüchtlingsströmen nicht vergessen werden sollte.
Fischmann