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Manfred Kriegel (DDR)

„Ich wollte doch bloß frei sein“

Zeitzeuge Manfred Kriegel erzählt von Fluchtversuchen und Stasi-Knast

BuchcoverEin leichtes Raunen setzt ein, als die JEG-Schülerinnen und Schüler anlässlich des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung auf einen Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR treffen. Vor ihnen sitzt ein kräftiger, baumlanger, bebrillter Sechziger, das schon etwas schüttere Haar hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Schwarzes T-Shirt, offenes Hemd und Jeans komplettieren den unverkrampften Eindruck. Irgendwie hatten sie ihn sich anders vorgestellt, wie genau wusste aber keiner zu erzählen. Manfred Kriegel beginnt seine Vorstellung sichtlich nervös, gerade im Umgang mit Schülern wirkt er unerfahren. Es ist erst seine fünfte Lesung aus der Autobiographie „Haftbefehl 02.11.1973“, die er, wie er später sagen wird, geschrieben hat, „um mit diesem Teil seines Lebens fertig zu werden“, dem Teil, der sich in der verhassten DDR abspielte. Endlich Geborgenheit in bekannten Klischeevorstellungen: Einen thüringisch-sächsischen Einschlag kann der Zungenschlag des „Republikflüchtlings“ nicht verleugnen.
Von Anfang wird deutlich, dass der Autor auf Kriegsfuß mit dem DDR-Regime stand. Seine Ausbürgerungsurkunde bezeichnet er deshalb als das Dokument, worauf er „am meisten stolz“ sei. Er skizziert die DDR in düsteren Farben: „Grau“ sei alles gewesen. Eindrucksvoll, weil einfühlsam die Passage, in der er vorliest, mit welcher Freude seine Familie mit dem Leiterwagen den ersten Fernseher nach Hause transportiert hat, um dann mit einer selbst konstruierten Antenne auch Westfernsehen empfangen zu können. Kriegel war privilegiert, denn neben in Zahnpastatuben versteckten D-Mark schickte ihm seine im Westen lebende Schwester auch Markenjeans. Für ihn bis heute unverständlich, warum er deswegen beim schulischen Morgenappell als Systemfeind und Revanchist stigmatisiert wurde. Fünfmal hatte Kriegel nach eigener Zählung versucht, aus dem Ostblock zu fliehen. Gefasst wurde er 1973 in einem Wäldchen an der tschechischen Grenze. Nach jüngsten Recherchen Kriegels befand sich das bereits auf österreichischem Territorium. Stundenlange Verhöre, verdrehte Daumen, Isolationshaft, Eiseskälte in unbeheizter Zelle, Verlegung in ein Zuchthaus mit Schwerverbrechern. Trotz der Schilderungen bleibt bei den Zuhörern das Gefühl, dass alles „nicht so schlimm“ (O-Ton Schülerin) gewesen sei. Denn Kriegel sieht sich in der Rückschau als Widerständler, der seinen Peinigern überlegen war, der niemals einknickte, nicht einmal einen Schmerzenslaut zuließ: „Die sollten mich nicht brechen.“
Abgeklärt auch seine Freude über den Freikauf durch die Bundesrepublik. Zwischen Stolz und Entschuldigung der Ausruf: „Ich war 92 Tausend Mark wert.“ Im Westmarkenbus ging’s über die Grenze. Ein neues Leben. Kriegel als Lebenskünstler: Eisenbahner, Antiquitäten-Händler, Boutiquenbesitzer, Bandleader im Country-Rock-Bereich – und Buchautor. Literarisch voller kleiner Mängel, deswegen aber ungeheuer authentisch und eben menschlich. Das war genau die Eigenschaft, die dem DDR-Regime abging.
 
Text: Harald Fischmann

Wer mehr über Manfred Kriegel erfahren will, kann dies mit Hilfe seiner Homepage tun:
www.roter-ochse-zelle48.com