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W-Seminar in Verdun

Zukunft braucht Gedenken

JEG-Seminar auf den Spuren des Ersten Weltkriegs

„Warum haben die Soldaten das mit sich machen lassen?“ oder „Man lässt sich doch nicht einfach abschlachten!“ Dies sind nur zwei der Äußerungen der 16 JEG-Schülerinnen und -Schüler, die drei Tage lang Geschichtsunterricht am Ort des Geschehens erlebten. Im Rahmen des W-Seminars zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, das sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst, verbrachten sie ein verlängertes Wochenende auf den Schlachtfeldern in und um Verdun.

Traurige Berühmtheit hat die Region um die lothringische Stadt erlangt, weil um den dortigen Festungsgürtel eine der schwersten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs tobte. Mehr als 300.000 Soldaten ließen ihr Leben, weit mehr als eine halbe Million wurde verwundet. Die Schüler konnten sich vor Ort ein persönliches Bild über die Symbolkraft Verduns für die Sinnlosigkeit und die Unmenschlichkeit einer industrialisierten Menschen- und Materialschlacht machen.
Bei den 16 Schülern und Schülerinnen, die von ihrem Kursleiter Harald Fischmann und dessen Kolleginnen Anja Hirdina und Natasja Bolle-Fischmann begleitet wurden, rückten durch den Besuch die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern und das Leiden der Soldaten auf beiden Seiten der Front ganz nah und hinterließen einen tiefen Eindruck. Spätestens als die Jugendlichen vor den Tausenden von Grabkreuzen der Nécrople nationale de Fleury-devant- Douaumond standen und sich in der Gedenkstätte L'Ossuaire de Douaumond das Beinhaus mit Knochen von 130 000 nicht identifizierten Soldaten konfrontiert sahen, da war ihnen anzumerken, dass der Krieg nun auch für sie eine persönliche Dimension erlangt hat.
 
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Die Geschichtsexkursion machte den Teilnehmern auch die Unterschiede in der Erinnerungskultur bewusst: Die Heroisierung der Opfer durch das protzig auf einem Hügel über dem Lac Mamedine gelegene amerikanische Mahnmal auf dem Butte de Montsec oder dem von einer Adlerfigur beherrschten amerikanischen Soldatenfriedhof in Thiaucourt, die Sensationsgier des Memorial am Tranchée des Baïonnettes, wo der Legende nach, eine Einheit der französisch Truppen durch das Bombardement vor Verdun lebendig begraben wurde, so dass bis heute nur noch die aufgepflanzten Bajonette aus dem Boden ragen, das effektheischende Infotainment einer Ausstellung in den Kasematten der Festungsstadt Verdun, wo die Schüler mittels Schienenbahn durch multimedial aufbereitete Kriegsituationen geleitet werden oder die eher schlichte Begegnung mit den Folgen des Krieges auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Thiaucourt. dem Terrain des untergegangenen Dorfes Fleury, wo nur noch Grundmauerreste die Lage der Dorfgebäude verraten oder im Fort Douaumond, wo die Jugendlichen mittels kombiniertem Audio-/Videoguide über die Hintergründe der Schicksale der dort eingesetzten Soldaten informiert wurden. Ein Schüler fühlte sich von den unzähligen grasbewachsenen, teilweise mit Wasser gefüllten Mulden an eine „Teletubbie-Landschaft“ erinnert und ist über seine Worte erschrocken, als er erfährt, dass das Landschaftsbild von den zahllosen Granateneinschlägen während der Schlacht von Verdun herrührt.
Die Intention des Kursleiters war es, durch das Erleben vor Ort ein grundsätzlichen Bewusstsein dafür zu schaffen, was Krieg bedeutet. Genau von dieser Einstellung hänge nicht nur das kollektive Gedächtnis für Dramen wie die Schlacht von Verdun ab, sondern auch die Wertschätzung des Friedens generell. Verdun, das seit den 90er Jahren im ehemaligen Bischofspalast das Centre Mondial de la Paix beherbergt sei hierfür der ideale Zielort. Vor einem Ausstellungsbesuch zum Grande Guerre wurden die Elsenfelder Schülerinnen und Schüler hier zu einem Umtrunk anlässlich einer Freier zur Pressefreiheit verköstigt. Den Teilnehmern war es ein Anliegen, an jedem Erinnerungsort einen selbst gestalteten Appell zur Aufrechterhaltung der deutsch-französischen Freundschaft mittels laminiertem Plakat zu hinterlassen: Neben der Trikolore und dem Schwarz-Rot-Gold zierte eine Friedenstaube das Gedenkpapier. Was aus dieser Freundschaft erwachsen kann, sah man in der ehrenamtlich geführten Jugendherberge in Saint Mihiel, wo die Exkursionsteilnehmer untergebracht waren: Die Enkelinnen und Enkel der Feinde von einst bewirteten die Ururenkel des ehemaligen Erbfeindes mit charmanter Liebenswürdigkeit – und machten darauf aufmerksam, dass Lothringen mehr zu bieten hat als Gräberfelder, „Mirabellen und schöne Kanutouren auf der Meuse zum Beispiel“.
 
Fischmann