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Fl├╝chtlinge auf gro├čer Leinwand

Flüchtlinge auf großer Leinwand

Elsenfeld/Erlenbach:Den Flüchtlingen zu helfen ist doch einfach nur unsere Pflicht als Mitmensch!“ In seiner Aussage wandte sich der 15-jährige Robin gegen die Worte eines Bundestagsabgeordneten, der im zuvor gezeigten Kinofilm „Asyland“ vom „Nutzen“ junger Asylbewerber für unsere überalterte Gesellschaft sprach. Der Film wurde in Anwesenheit des Regisseurs Cagdas Yüksel (20) und dessen Filmteam im Kinopassage vor 150 Neuntklässlern der Realschule Elsenfeld, des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld und des Hermann-Staudinger-Gymnasiums Erlenbach gezeigt, die anschließend die Gelegenheit hatten mit den Filmemachern über Inhalte, Machart und Motive der Dokumentation zu diskutieren.

Das Filmprojekt, das Cagdas Yüksel zusammen mit seiner Schwester Alina (19) ins Leben gerufen hat, soll nach eigenen Worten „mehr in die Tiefe gehen“ als die vielen Dokumentationen im Fernsehen. Man schaue sie sich letztere an, sei kurz betroffen und dann denke man schon nicht mehr daran, so Yüksel. Deswegen beschäftigt sich sein Film weniger mit der Flucht und den Fluchtgründen, sondern mehr mit dem oft deprimierenden Alltag der Flüchtlinge in Deutschland. Er dokumentiert die Situation in den Unterkünften und soll auch Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen Bevölkerung und den Flüchtlingen aufzeigen. Dem 60-minütigen Film gelingt damit etwas, was bei anderen Beiträgen zum Thema, selten der Fall ist: Er schafft Nähe. Die Schülerinnen und Schüler nahmen eine Stunde lang die Perspektive von Menschen ein, die Schreckliches erlebt und alles zurück gelassen haben. Bei den Erzählungen der Betroffenen stockte einem immer wieder der Atem. Eine syrische Lehrerin für Philosophie und Englisch, verarbeitet beispielsweise traumatische Erlebnisse aus einem fünfmonatigen Gefängnisaufenthalt. Ein junger Mann beschreibt die Todesängste während der Überfahrt nach Europa mit einem Boot, ein Algerier leidet sichtlich unter der langen Wartezeit auf eine Aufenthaltsgenehmigung, die er mit rund 100 anderen Flüchtlingen auf engstem Raum in der Unterkunft ableistet.
„Asyland“ ist dabei allerdings viel mehr als nur Betroffenheitskino. Neben den Bildern vom Leben in Containern, Bettenlagern und Baracken, eingezäunt und abgeschottet von der Außenwelt, bietet die Dokumentation nämlich auch einige erheiternde Momente, die angesichts des Schicksals der Akteure fast schon überraschen. Beispielsweise berichtet der Film über das Berliner Projekt „Multitude“, dass es sich zum Ziel gesetzt hat, Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Sie veranstalten gemeinsame Grillabende und Weihnachtsfeiern und machen so deutlich, dass es eigentlich ganz einfach ist, Menschen zu helfen und ihnen so wieder eine Perspektive im Leben zu geben. Hoffnung bietet auch die Aussage eines jungen Flüchtlings, der von seiner anfänglichen „Nazi-Nachbarin“ erzählt, die inzwischen fast jeden Tag auf eine Tasse Tee vorbeischaut.
Auf die Frage, wie er denn dazu gekommen sei, den Film zu machen, berichtet Yüksel, dass er zu Hause in Mönchengladbach regelmäßig an einem Flüchtlingsheim vorbei gejoggt sei. „Was ich dort gesehen habe, war so bewegend, dass ich helfen wollte“ deshalb hat er ein Team aus ehrenamtlichen Helfern um sich versammelt. Durch Crowdfunding konnte das dann einen Gutteil der Produktion für den Film finanzieren. Die Frage nach den bisherigen Reaktionen beantwortete das Team differenziert: Gerade von Seiten des Unterstützerkreises, aber auch des Publikums seien die Reaktionen klar positiv gewesen. In den sozialen Netzwerken, über die ein Teil der Werbung lief, hätten viele Leute feindliche Kommentare losgelassen, „zum Teil sehr aggressiv und manche klar rechtsradikal“.
Am Ende noch die Frage nach dem eigentlichen Anliegen des Films. Yüksels Antwort: „Die Menschen davon zu überzeugen, Verantwortung zu übernehmen.“ Somit sieht Yüksel die Integration von Flüchtlingen nicht nur als Aufgabe der Politik, sondern auch der Menschen, die in einem Land leben. Und da legt der Film mit der ans Publikum gerichteten Stimme aus dem Off am Ende des Films den Finger in die Wunde: „Asyland – eine Geschichte in der du nicht vorkommst – noch nicht!?“  
Fischmann