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Fl├╝chtlingselend vor 70 Jahren mit Parallelen zu heute

JEG-Schüler besuchen Ausstellung über Sudetendeutsche

Inwieweit Kriege gerecht sein können, ist eine Fragestellung, wie sie der Ethiklehrplan für die 9. Jahrgangsstufe stellt. Eine Facette, die naturgemäß als ungerecht begriffen wird, ist, dass Kriege zu Flucht und Vertreibung führen. Dieser Aspekt wird durch die aktuellen Ereignisse in den Medien jeden Tag aufs Neue vorgeführt. Einen historischen Blick auf das Problemfeld gewährte Neuntklässlern des JEG Elsenfeld der Besuch einer Sonderausstellung im hiesigen Heimatmuseum . 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Jugendlichen am Beispiel der Sudetendeutschen damit konfrontiert, dass die Deutschen nicht nur „Tätervolk“, sondern auch Opfer der Ereignisse waren.
Joachim Oberle, Initiator der Ausstellung im Elsenfelder Heimatmuseum und Vorsitzender des Freundeskreises des JEG, machte dies durch Beispiele aus seiner eigenen Familie deutlich, die aus dem 1938 durch das Münchner Abkommen an das Deutsche Reich angegliederte Sudetenland stammt und wie Hunderttausende anderer Deutsche nach der Niederlage Nazi-Deutschlands ihre Heimat verlassen musste bzw. keine Zukunft im von den Sowjets beherrschten späteren Ostblock sah.

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Oberle fing mit einem kurzen geschichtlichen Abriss an und erläuterte, dass die Deutschen v.a. als angeworbene Bauern und Handwerker nach Böhmen und Mähren gekommen seien. Im Habsburger Vielvölkerstaat hätten sich die Deutschen immer mehr als Führungsschicht gebärdet. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die Deutschen dann eine Minderheit in der neu geschaffenen Tschechoslowakei, deren Sorgen und Nöte von den Nazis geschickt instrumentalisiert worden sei. Die Angliederung des Sudetenlandes 1938 und die kurze Zeit später erfolgte „Erledigung der Resttschechei“ sei deswegen auch von sehr vielen Sudetendeutschen begrüßt worden.
Nach dieser Einführung führte Oberle durch die Ausstellung mit kofferbestücktem Bollerwagen, Fluchtkiste, Schmuckbrevier und Mehlsäcken. Sein eigener Teddybär im Wagen soll daran erinnern, dass „auch Kinder die Leidtragenden“ von Flucht und Vertreibung waren. Wie einen kleinen Schatz stellte er das Rasierzeug seines Großvaters vor, das diesen im tschechischen Internierungslager vor Prügeln durch die Aufseher bewahrt habe, da es Pflicht gewesen sei, rasiert beim Morgenappell zu erscheinen.

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Dass auch in der neuen Heimat Spannungen zu den Einheimischen existierten, verdeutlichte Oberle mit einer rhetorischen Frage; „Würdet ihr es gut finden, wenn die Gemeindeverwaltung eines eurer Zimmer beschlagnahmen und es als Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen würde?“ Oberle erzählte auch von einem Besuch seiner Familie in der alten Heimat kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs: Ein Bewohner des Hauses, das einstmals seinem Großvater gehörte, fragte misstrauisch nach, ob „wir unseren Besitz zurückhaben möchten“. Die Erleichterung sei deutlich spürbar gewesen, als die Familie verneinte.
In einer Abschlussdiskussion bemerkten die Ethikschüler, dass es heute doch eigentlich leichter fallen müsste, die Flüchtlinge aufzunehmen als damals: „Deutschland ist doch viel reicher“ und „heute sind es doch auch viel weniger Flüchtlinge als vor 70 Jahren“. Allerdings wurden die fehlenden Deutschkenntnisse der heutigen Flüchtlinge als ein wesentliches Integrationshemmnis gesehen. Die große Gemeinsamkeit aber bleibt: Man müsse den Menschen helfen. Am Ende der Ausstellung stehen die Worte  „Tod – Verstümmelung – Hunger – Elend – Flucht – Vertreibung“ auf rotem Untergrund. Das Fazit des Unterrichtsgangs prangt auch auf rotem Papier: „Krieg kennt nur Verlierer.“

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Fischmann