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White-Horse-Theatre am JEG 2015

„Fürchte dich nicht vor Größe. Einige sind groß geboren, und wieder andere bekommen sie aufgedrängt“. So kommentiert Feste, der Narr in Shakespeares „Twelfth Night“ die Besonderheiten und Verflechtungen in der menschlichen Gesellschaft. Überhaupt schien der Narr in der Inszenierung über Liebeswirren und Geschlechteridentität als einziger den Überblick zu bewahren und wie John Lennons „Fool on the Hill“ seine Sichtweise der Dinge zu präsentieren. Sehr zur Erheiterung der Oberstufenschüler, die mit etwas Bauchgrimmen der Theateraufführung in englischer Sprache entgegengesehen hatten, aber sich schnell vom erfrischenden und natürlichen Spiel der  vier Akteure begeistern ließen. Viele erlebten auch eine Lehrstunde in Sachen Liebe, als Malvolio nämlich in seiner tölpelhaften selbstüberschätzenden Art mit grotesken Beinkleidern um die Gunst seiner Herrin buhlt – so geht das gar nicht, das war jedermann oder auch ‚jederfrau‘ sofort klar. Auch eine eindeutige Festlegung auf männlich oder weiblich war nur mittels Kostümen möglich, ein Kunstgriff, den das vierköpfige Ensemble grandios meisterte. Trotz der vielen Charaktere, welche die Schauspieler zu verkörpern hatten, man denke nur an Sebastian in Frauenkleidern oder Viola verkleidet als Mann, kam beim Umziehen keine Hektik auf: geschickt ins Bühnenbild integriert wurde Feste zu Sir Andrew Aguecheek oder Sir Toby zu Lady Olivia. Die Schauspieler selbst schienen dieses Wechselspiel zu genießen und zogen alle Register ihrer Kunst: Bewegung, Gestik, Mimik, Tempo, Stimme oder einfach nur veränderte Bühnenpräsenz. Scheinwerfer oder üppiges Bühnenbild waren gar nicht nötig. Klar artikulierte englische Diktion taten  ein Übriges.
Am Ende finden – es handelt sich schließlich um eine Komödie Shakespeares – die Liebenden zueinander, und der Zuschauer geht mit einem guten Gefühl nach Hause, überzeugt, dass er sich niemals wie Malvolio zum Narren macht.
Für die Mittelstufe hatte das Ensemble „Lip Gloss“ im Programm, die Story um eine gecastetes Mädchenduo, das äußerst erfolgreich seine Lieder vermarktet, die sich aber privat nichts zu sagen haben, stammen sie doch aus verschieden sozialen Schichten. Hier wurde zu  klischeehaft der Stereotyp der klassischen Arbeitslosenfamilie bemüht, die auf die obere Mittelschicht trifft. Der Plot war einfach und ohne Schnörkel. Aber auch in diesem Stück überzeugten die Schauspieler durch ihre Wandlungsfähigkeit und ließen die Trivialität des Themas vergessen. Ob Manager, arbeitsloser Vater mit dem klassischen Rollenbild und sehr derber Sprache, oder der Akademiker, der willenlos seiner Frau in allen erzieherischen Fragen folgt, oder auch die verhärmte Tochter, die nur durch Zufall – ihr Vater wollte sie eigentlich zum Ballett fahren – ausgewählt wird. Brilliant die Besetzung der Tochter aus dem Arbeitermilieu: energisch, selbstsicher, überzeugt von der Richtigkeit ihrer Entscheidungen selbst bei der Kleiderwahl.



Die Schüler der Unterstufe wurden in eine Fantasy World entführt, die doch sehr einer Mischung aus „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ entlehnt war. Eine Gänseblümchenkönigin, überzeugend naiv gespielt, rettet am Ende die Welt, indem sie dem bösen Lord Morbus einen Spiegel vorhält. Dieser erkennt sein wahres Wesen und verschwindet. Um diesen Bösewicht zu finden, musste Gala eine Metamorphose durchmachen und zur Kämpferin werden. Dies geschah symbolhaft auf einer langen  Reise durch Berge, Flüsse und Sümpfe überstehen. Untermalt von passenden Geräuschen wie gurgelndem Wasser, pfeifendem Wind oder auch Donner wurde die Gefährlichkeit der Reise drastisch geschildert. Hier erwiesen sich die Akteure ebenfalls als wahre Bewegungskünstler und Pantomimen mit durchaus komischen Elementen. Verständigungsschwierigkeiten gab es auch hier nicht, war doch das Sprachniveau sehr einfühlsam auf die jeweilige Sprachkompetenz des Publikums abgestimmt.
Die Schüler durften nach jedem Stück Fragen an die Schauspieler richten, natürlich auf Englisch, es war schließlich eine Veranstaltung der Fachschaft Englisch. Ob denn das deutsche Bier munde, wollte gar ein neugieriger Mittelstüfler wissen. Die Antwort war ein breites Grinsen der vier Schauspieler. Das große Interesse bei den JEGlern an der Theaterspielerei zeigte sich an der Vielzahl der ernst gemeinten  Fragen. Wen der Virus „Theater“ noch nicht erfasst hatte, der war nach dieser Vorstellung bestimmt infiziert. Dass aber die Bretter dann nicht gleich die Welt bedeuten, gehört mit zur Lebenserfahrung. Diese Selbsterkenntnis hatte auch Shakespeare in Gestalt von Feste, dem Narren, seinem Publikum schon mitgegeben: “Well, God give them wisdom that have it; and those that are fools, let them use their talents.”
Auf jeden Fall ist der White Horse Tag am JEG inzwischen zu einer festen Institution geworden, auf den sich nicht nur die Englischlehrer freuen. Dank an Frau Hendek, die den Tag organisiert hatte.
 
Joachim Weydt