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Workshop Kreatives Schreiben

Von Sei Shonagons Kopfkissen, einer Kerze im Wind und Karl Mays Erfolgsgeheimnis: Rolf-Bernhard Essig am JEG

Am 18. November 2014 besuchte der deutsche Autor Rolf-Bernhard Essig das Julius-Echter-Gymnasium in Elsenfeld, um mit Schülern aller Jahrgangsstufen eine Schreibwerkstatt durchzuführen, wobei er nicht nur vom Schreiben, den damit verbundenen Problemen und seinen eigenen Erfahrungen berichtete, sondern die Schüler durch Übungen auch einiges zu Papier bringen ließ.
Elsenfeld, ein Dienstag Mitte November. Ein trüber Herbsttag, der für so manchen ambitionierten Schreiber und aufstrebenden Jungschriftsteller durch Herrn Essigs frustrierende Aussagen über das Nettoeinkommen nicht allzu bekannter Autoren noch weiter ergraut. Doch Herr Essig, das heißt Dr. Rolf-Bernhard Essig, wird es wissen, schließlich hat er es selbst geschafft, vom Schreiben zu leben. Durch Kolumnen, Kritiken und dutzende Sachbücher, wie zum Beispiel „Schreiberlust und Dichterfrust“, in dem er über kleine Gewohnheiten und große Geheimnisse der Schriftsteller schreibt, hat er sich als Schriftsteller einen Namen gemacht. Nun bietet er interessierten Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangsstufen des JEG die Möglichkeit, an seinem Wissen und seinen vielseitigen Erfahrungen teil zu haben.
 


Beim Schreiben muss man die Scham überwinden
Die harte Realität konnte durch sein freundliches Wesen und den darauffolgenden „Käsetext“ ‑ der den „toten“ Lehrer Thum und „aktiven“ Rolf-Bernhard Essig hervorbrachte ‑ jedoch schnell wieder durch einige interessante und lustige Wortkombinationen verdrängt werden. Das größte Problem beim Schreiben sei, nach Essig, die eigene Scham zu überwinden, diese leise, gemeine Stimme im Kopf, die einem des Öfteren einzureden versucht, dass die Gedanken und Gefühle, die man gern auf Papier bringen würde, eigentlich doch wirklich niemanden da draußen interessieren. Die Angst zu versagen und Leute mit dem Geschriebenen zu langweilen.
Diese Scham ist jedoch nicht nur beim Schreiben präsent, sondern fast immer im Leben und so stark, dass sie selbst körperliche Schmerzen überwindet, wie uns Rolf-Bernhard Essig anhand eigener Erfahrungen berichten konnte. Sie beinhaltet, dass er im Dunkeln über eine Bank fiel und trotz größter Schmerzen im Oberschenkel mit dem Fahrrad zu seiner Wohnung fuhr, nur um nicht auf dem Boden liegend gesehen zu werden.
Der Gedanke, ich lasse es, weil es so viele gibt, die es besser können als ich, bietet zudem eine oft unüberwindbar scheinende Hürde. Doch laut Essig können wir nur so selbst besser werden: indem wir von denen lernen, die es drauf haben. „Im Bereich des Schreibens ist Industriespionage erste Pflicht“, so Essig. Somit muss man, um wirklich gut schreiben zu lernen, viel lesen und kann sich so einiges von anderen abgucken. In diesem Metier tue das jeder, selbst große Autoren hatten Lieblingsschriftsteller, von denen sie inspiriert wurden. Folglich müssen Autoren auch nicht zwangsweise das erlebt haben, was sie da so ausführlich und genau beschreiben. Bestes Beispiel: Karl May. Der mit seinen Winnetou-Romanen erfolgreich gewordenen Schriftsteller hatte Europa nie verlassen und infolgedessen auch nie den wahren Wilden Westen, über den er hunderte von Seiten schrieb, gesehen. Er kopierte einige Lexika-Einträge und beschrieb alles so genau, dass seine Leserschaft nicht im Geringsten daran zweifelte, dass er die Orte wirklich besucht hatte. Das mag zu Beginn komisch klingen, jedoch hat es durchaus seinen Sinn: „Bücher entstehen aus Büchern“, das heißt Autoren inspirieren sich gegenseitig und holen sich Ideen um schließlich ihr eigenes individuelles Buch zu schreiben.
 


In der Literatur gibt es kein Tabu
Das führt uns zu der Frage: Geht es beim Schreiben um Schönheit? Zuerst muss geklärt werden, was Schönheit ist. Dies ist jedoch für jeden individuell, das heißt beim Schreiben von Büchern gibt es keine Vorschriften wie in der Schule und somit auch keine Regel, was schön ist und was nicht. Man kann also über alles schreiben, auch über Hässliches im Vergleich zu Schönem, was wiederum interessant wirkt.
Nach so viel Theorie verfasste jeder Teilnehmer nun einen Text, ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte, über die Hofdame Sei Shonagon, , die circa 1000 nach Christus am japanischen Kaiserhof lebte und mit ihrem „Kopfkissenbuch“, einer Art Tagebuch, berühmt wurde. Nachdem einige, sehr unterschiedliche Ergebnisse vorgelesen worden waren, zündete Herr Essig eine Kerze an ‑ eine Metapher für das Schreiben: man kann selbst entscheiden, ob man die Flamme auspustet und somit nicht mehr schreibt oder die Flamme weiter brennen lässt.
Zum Schluss der Schreibwerkstatt wurde das Problem der Schreibblockade angesprochen und die Schüler sammelten gemeinsam mit dem Autor Ideen, um diese zu überwinden. Manchmal kann es schon helfen seinen Namen auf das weiße Blatt zu schreiben. Anderen hilft es, eine kurze Pause zu machen und zum Beispiel Musik zu hören, um sich zu inspirieren. Es kann außerdem helfen sich alte und gelungene Texte ins Gedächtnis zu rufen und allein dadurch mehr Motivation zum Schreiben zu haben. Aber letztendlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, wie er sich selbst inspirieren lassen kann, denn jeder schreibt individuell und die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Somit konnten die Schüler des Julius-Echter-Gymnasiums viele Anregungen und Motivation zum Schreiben mitnehmen, aber auch die Erfahrungen und Eindrücke eines echten Autors waren ein besonderes und lehrreiches Erlebnis.
 
Eva Anheier, Sabrina Laue (Q 11)