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Buch-Rezensionen (Q11, D1, 2011/12)

„Lesen heißt träumen durch fremde Hand“ (Pessoa)

Ein Literaturprojekt des Deutschkurses 1d1 (2011/12, Burkert)

Auf dem Portal des isb heißt es: „Wer liest, hat mehr von seiner Freizeit, weiß mehr und erweitert seinen Horizont […], kommt weiter in Schule, Studium und Beruf, […] erwirbt eine Kernkompetenz für die Wissens- und Informationsgesellschaft.“ Im Rahmen des Deutschunterrichts sind dies wesentliche Faktoren und Aspekte der Leseförderung, doch die Freude am Lesen und die Hemmung vor dem geschriebenen Wort so genannter großer Autoren nehmen diese doch recht spröden, lehrmeisterlichen Aussagen unseren Schülern der Oberstufe kaum. Mitten in der Lektüre der Klassiker verliert man schon mal aus den Augen, dass Literatur auch der Unterhaltung dient und nicht kritiklos als hohe Literatur anerkannt werden muss.
Halten wir uns also lieber an Aldous Huxley, der weise bemerkte: „Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.“  Um neue Türen und Welten zu öffnen, wagte sich der Deutschkurs 1d1 unter der Leitung von Susanne Burkert daran, zu lesen, zu verstehen, zu erkennen und Berührungsängste abzulegen.
8 Romane von 8 Autoren mit 8 unterschiedlichen Themen wurden gelesen, bewertet, entwertet, empfohlen und auch verrissen von 3x8 Schüler/innen und 8 Lehrer/innen, die sich freundlicherweise bereit erklärten, das Projekt zu begleiten und einen Anteil daran zu leisten. Ein herzlicher Dank geht an sie und auch die Schülerinnen und Schüler, die sich in der Regel recht intensiv mit ihrem Roman auseinandergesetzt haben. Entstanden sind sehr unterschiedliche Rezensionen, die neue Welten öffnen, aber auch schließen und vielleicht die ein oder andere Empfehlung für eine Ferienlektüre bereithalten!

Viel Vergnügen bei der Erkundung neuer Welten
wünschen Susanne Burkert und der Deutschkurs 1d1
 

David Benioff: Stadt der Diebe


David Benioff, Stadt der Liebe (City oft he thieves), München 2010 (381 Seiten, 9,90€ im Heyne Verlag).


Tragischer Hintergrund für diesen Abenteuerroman ist die Belagerung Leningrads während des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1941-1944. Mehr als eine Million Menschen starben während der Einkesselung der Stadt durch Hitlers Wehrmacht. Über 900 Tage war die Bevölkerung Hunger, Angst vor Tod und Verletzungen, entsetzlichen hygienischen Verhältnissen, Bombardierung und anderen unvorstellbaren Qualen ausgesetzt.
Inmitten dieser düsteren Szenerie während des Kriegswinters 1942 wird Lew, ein 17-jähriger Halbjude, beim Plündern der Leiche eines deutschen Fallschirmspringers überrascht und im berüchtigten Kresty-Gefängnis eingekerkert. Zusammen mit seinem Zellengenossen Kolja, einem Deserteur der Roten Armee, wartet er auf seine sichere Hinrichtung im Morgengrauen.
Tatsächlich aber werden die beiden jungen Männer nicht exekutiert, sondern vom Chef des Geheimdienstes der Stadt, einem Oberst des NKWD, mit einer Sonderaufgabe betraut. Gelingt es ihnen in der vom Hunger gegeißelten Stadt innerhalb weniger Tage zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter zu organisieren, so soll ihnen das Leben geschenkt werden. Was folgt, ist eine abenteuerliche Suche, die die beiden so unterschiedlichen jungen Männer, den schüchternen, körperlich schwachen jüdischen Jungen Lew und seinen wenige Jahre älteren, schlitzohrigen, hünenhaften Gefährten Kolja, durch das vom Krieg heimgesuchte Leningrad und dessen Umland führt.
Auf ihrem stets lebensgefährlichen Weg geraten sie von einer haarsträubenden Situation in die andere. Sie fallen Kannibalen in die Hände, schleichen sich durch den deutschen Belagerungsring, geraten im ländlichen Umfeld der Stadt an russische Prostituierte und landen letztlich in deutscher Gefangenschaft. Dabei verliebt sich Lew in eine russische Partisanin, die spätere Großmutter des Autors, und Kolja, der stets unbekümmerte Lebenskünstler, verblutet an einer russischen Kugel, die er sich bei der Rückkehr in die Stadt am russischen Verteidigungsring einfängt. So bleibt es Lew überlassen, die zwölf von den Deutschen ergaunerten Eier an den Geheimdienstchef zu übergeben.
„Stadt der Diebe“ ist ein Abenteuerroman, der in der düsteren Atmosphäre des Zweiten Weltkrieges spielt. Dennoch gelingt es dem Autor David Benioff die Schrecken des Krieges und die Komik miteinander zu verknüpfen und eine äußerst spannende Geschichte zu schreiben.
Die beiden Hauptfiguren des Romans, Lew und Kolja, können kaum unterschiedlicher sein, sind durch ihr gemeinsames Schicksal jedoch untrennbar miteinander verbunden und gezwungen Freunde zu werden.
Lew trägt die Schwermut zweier Völker, der Russen und der Juden, in sich und wird etwas klischeehaft dargestellt als Sohn eines vom russischen Geheimdienst getöteten Schriftstellers. Der Autor zeichnet ihn als zögerlich, schwach, in Liebesdingen unerfahren, von magerer Statur und natürlich mit einer viel zu großen Nase ausgestattet. Dennoch bleibt er dem Leser seltsam fremd und distanziert.
Kolja hingegen ist das genaue Gegenteil. Er strotzt schon bei der ersten Begegnung der beiden Freunde nur so vor Selbstvertrauen, Überheblichkeit und Frechheit, erscheint dabei aber dennoch als nicht unsympathischer Lebenskünstler mit Glück bei den Frauen. Kein Wunder, denn er wird von David Benioff als arisch aussehender, blonder und blauäugiger, hünenhafter Russe dargestellt. Aber auch er bleibt fremd als Person, denn der Leser erhält keine Auskunft über seine Herkunft und bisherigen Lebenslauf.
Der Autor David Benioff, geboren 1970 in New York, arbeitet als Autor und Drehbuchautor. Bekannt wurde er mit seinem Debütroman „25 Stunden“, der bereits verfilmt wurde. Weitere erfolge verzeichnete er mit Drehbüchern für die Filme „Drachenläufer“, „Troja“ und „X-Men Wolverine“.
Im Vorspann wird deutlich, dass der Roman einen autobiografischen Hintergrund hat. Benioffs Großeltern stammen aus Russland und haben dort den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt. Lew ist offensichtlich der Großvater des Autors. Dieser erzählt eine Geschichte aus dem Krieg in Leningrad. Allerdings fordert der Großvater den Enkel auf dessen nicht enden wollende Fragen auf, die Geschichte mit Änderungen auf seine Weise zu erzählen: „David,…Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus.“ (S. 15)
Der Roman ist in einer leichten, humorvollen Sprache geschrieben, die die Tragik und die vielen Grausamkeiten in der Erzählung erträglicher erscheinen lassen. Besonders lesenswert sind die Dialoge zwischen Kolja und Lew. Sie erscheinen witzig, herzlich und poetisch zugleich. Benioff zeigt hierbei, dass er als Drehbuchautor mit Dialogen umgehen kann. Sie lassen den Hunger der beiden Freunde, ihre Angst auf der Flucht vor den Nazis und die grausame beißende Kälte, der die beiden Jungen pausenlos und ohne Ende ausgesetzt sind, spürbar werden. Dabei bedient sich der Autor oftmals einer sehr kräftigen, zuweilen doch zu derben und deftigen Sprache, insbesondere wenn es um die Darstellung der sexuellen Fantasien der beiden jungen Männer geht.
David Benioffs „Stadt der Diebe“ ist ein bisweilen kaum glaubhafter, an manchen Stellen leicht aberwitzig erscheinender, aber immer äußerst spannender Abenteuerroman, der sich zur Zeit des wohl bittersten Kapitels der europäischen Geschichte abspielt. Er ist ein Aufruf zur Menschlichkeit und Freundschaft im Angesicht eines absolut unmenschlichen Krieges und der Verrohung aller zwischenmenschlichen Verhaltensweisen. Ich empfinde ihn als bewegend und spannend geschrieben, voller Witz und Traurigkeit. Vermutlich wird das Buch aber eher beim männlichen Geschlecht Anklang finden. Dies liegt meiner Meinung nach nicht nur an der Schilderung vieler Grausamkeiten des Krieges, sondern auch an den sexuellen Fantasien, die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen und ausschließlich aus männlicher Sicht dargestellt werden.

Martin Gronemann


„Stadt der Diebe“ ist ein geschichtlicher Abenteuerroman, welcher sich im Jahr 1942 während des Zweiten Weltkrieges in Russland, das zu dieser Zeit von deutschen Truppen besetzt ist, spielt. Lew Beniow, ein 17jähriger jüdischer Russe, wird beim Untersuchen der Leiche eines deutschen Soldaten nach Nahrungsmitteln und Wertgegenständen vom russischen Geheimdienst erwischt, wegen Plünderung verhaftet und in das Kresty-Gefängnis deportiert. Dort erhalten er und sein 19jähriger Mithäftling Kolja, der der Fahnenflucht beschuldigt wird, vom Oberst des russischen Geheimdienstes NKWD eine einmalige Chance der Exekution zu entkommen, indem sie eine unlösbar scheinende Aufgabe bewältigen und damit die Freiheit erlangen können. Der Auftrag besteht darin ein Dutzend Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter im Kriegsgebiet um Leningrad, welches durch den andauernden Krieg einer schweren Notlage und Hungersnot ausgesetzt ist, aufzutreiben. Die beiden jungen Männer begeben sich nun über gefährliche Gebiete, die von deutschen Soldaten bewacht werden, auf die Suche. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, auf dem sie während ihrer Reise diversen Leuten begegnen, die das Abenteuerliche im Roman ausmachen.
Schon in den ersten Kapiteln des Buches wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen typischen Kriegsroman handelt, der ausschließlich über Helden oder Opfer des Krieges berichtet. Es ist eine Komposition aus Kriegsgeschehnissen, Freundschaft und Liebe in der Traurigkeit und Witz vereint werden. Dies ist dadurch geprägt, dass die zwei Hauptfiguren Lew und Kolja völlig kontroverse Charaktere besitzen. Auf der einen Seite der gutaussehende Soldat Kolja, ein Frauenheld, der Tapferkeit und Mut ausstrahlt, und auf der anderen Seite Lew, gekennzeichnet durch seine jüdische Nase und zierliche Gestalt sowie sein introvertiertes Verhalten. Diese Figurenkonstellation verleiht der schrecklichen Kriegssituation im Handlungsverlauf eine lustige und unterhaltsame Nebenhandlung, in der beispielsweise sexuelle Themen im Vordergrund stehen.
Der Roman ist aus der Perspektive des Protagonisten Lew verfasst, den man über die ganze Geschichte hin bei seiner Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen begleitet. Die Erzählperspektive trägt dazu bei, dass der Leser einen großen Einblick in Eindrücke sowie die Gefühlswelt des Protagonisten hat und das Hineinversetzen in die verschiedenen Situationen erleichtert ist, welches zudem durch die volksnahe sprachliche Gestaltung unterstützt wird. Doch durch die einseitige Widerspiegelung der Ereignisse hat der Leser nur eine Auffassung der Handlungen einer Sicht, wodurch von vielen diversen Personen, die im Roman für jeweils kurze oder längere Zeiträume eine Rolle spielen, die Charaktereigenschaften nur in Zügen ermittelt werden kann.
Im Prolog macht der Autor eine Andeutung darauf, dass Lew, der Protagonist, sein Großvater ist, der ihm im Laufe des Romans in Rückblick auf die Vergangenheit seine Lebensgeschichte für seinen Essay berichtet und verleiht somit dem Roman einen autobiographischen Hintergrund. Kannibalismus, welcher zum einen durch den Nahrungsmittelmangel häufiger in Russland vorkommt, das Elend durch den Krieg im Land sowie das Streben der beiden Länder nach dem Sieg und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Allgemeinheit sind Teil der Themengebiete in Lews Lebensgeschichte.
Durch diese Gestaltungs- und Erzählform hat der Leser die Chance den Krieg von einer Perspektive zu betrachten und durch den Erzähler, zugleich der Protagonisten Lew, der mitten im Kriegsgebiet lebt, detaillierte Einblicke in Notlagen und Trauer der Betroffenen zu erhalten. Da es einen Unterschied macht, ob ein Außenstehender die schrecklichen Ereignisse schildert oder eine Person, der ein Teil dieses Elends ist, hat die Erzählweise des Romans eine anziehende Wirkung und erweckt Mitgefühl bei den Lesern.
Der intensive Informationsgehalt über den Krieg der über die einzelnen Stationen des Abenteuers hin verteilt ist und die unterhaltsame Freundschaft von Lew und Kolja schaffen es über den ganzen Handlungsverlauf die Spannung gleichmäßig aufrechtzuerhalten und nicht monoton wirken zu lassen.
Die zahlreichen positiven Aspekte, die im Roman vorhanden sind, und die außergewöhnliche Geschichte machen dieses Buch empfehlenswert. Die Tatsache, dass die geschilderten Kriegssituation der Wahrheit entsprechen und in der Geschichte teilweise von Menschen auf diese Art und Weise erlebt worden sind, verstärkt das Leseinteresse. Das Aufzeigen des Autors der Methoden der Länder, die angewendet werden, um die Gegner auszuschalten und die Skrupellosigkeit, wie zahlreiche Bombardierungen auf Dörfer oder die Nutzung von Hunden als Minen, sind weitere Elemente, die die Faszination zum Buch unterstützen.
David Benioffs „Stadt der Diebe“ spricht sowohl Jugendliche als auch Erwachsene an, die beim Lesen durch eine faszinierende und amüsante Reise geschickt werden, die zudem Trauer, Schrecken des Krieges sowie die Zweiseitigkeit des Lebens beinhaltet.

Özlem Kaya

 

Paulo Coelho: Elf Minuten


Paulo Coelho, Elf Minuten. Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann, Zürich 2003 (286 Seiten, 9,90€ bei Diogenes).



„Das Leben kann, je nachdem, wie wir es leben, kurz oder lang sein“ (Paulo Coelho)
Elf Minuten: Was sind elf Minuten im Verhältnis zu einem ganzen Leben? Was können elf Minuten alles bewirken, verändern oder bedeuten? Sind elf Minuten in einem Leben überhaupt nennenswert? Der brasilianische Autor Paulo Coelho schildert in seinem Roman „Elf Minuten“ die Geschichte einer Prostituierten und deren Erwartungen und Forderungen an ein „lebenswertes Leben“.
Die Protagonistin Maria gerät während ihrer „Reise ins Glück“ in die Schweiz und wird Prostituierte im Nachtclub Copacabana. Jedoch hat sie ihr „Tor der Liebe“ (S.113), denn die Liebe machte sie schon in der Kindheit unglücklich, verschlossen und ist folglich nur körperlich präsent, während sie ihren Körper für elf Minuten Sex an einige Freier verkauft. Als Kurtisane macht sie diverse sexuelle Erfahrungen, die sie an ihre Grenzen bringen und schrittweise zur Selbstfindung beitragen, wie auch die Bekanntschaft mit einem speziellen Freier und der lebenserfahrenen Bibliothekarin. Jedoch möchte sie, nachdem sie genug Geld durch die Prostitution verdient hat, in ihre Heimat Brasilien zurückkehren. Doch als sie dem Maler Ralf Hart begegnet, sieht dieser in ihr mehr als nur die Prostituierte. Er sieht in ihr eine schöne Frau mit „innerem Licht“. Sie verbringen Zeit miteinander und Maria wird dazu gebracht, über den Sinn des Lebens nachzudenken und auch über die Bedeutung der elf Minuten. Doch welche Auswirkung hat dies auf Maria? Wird sie  ihr inneres „Tor der Liebe“ für den Maler öffnen? Wird sie weiterhin als Prostituierte arbeiten? Oder wird sie nach Brasilien zurückkehren?
Besonders an „Elf Minuten“ ist bereits der Beginn des Romans, der durch die Wendung „Es war einmal…“ das Gefühl aufkommen lässt, man lese ein Märchen. Jedoch wird dem ein Gegner gesetzt: die Prostituierte. Coelho vereint diese Gegenspieler in seinem Roman. Es kommen märchenhafte Elemente vor, wie etwa eine Geschichte über einen Vogel und dessen Lebensqualität (vgl. S.228), durch die man schnell vergisst, dass man hier ein Buch, das über eine Prostituierte erzählt, vor sich hat. Doch eingebettet in die heutige Zeit, in der Prostitution eine Rolle spielt, trotzdem aber Grundgedanken wie frei sein, das Führen eines glücklichen Lebens, wie etwa in der „Vogelgeschichte“ dargelegt werden, würde ich „Elf Minuten“ als ein modernes Märchen bezeichnen. Partiell entsteht zudem der Eindruck, als seien die gewählten Charaktere eindeutig dem „Guten“ oder dem „Bösen“ hingewandt  und Maria steht zwischen den Fronten. Auf der einen Seite steht der für Marias Persönlichkeit bedrohliche Freier, sprachlich durch das Wortfeld „Unterdrückung“ dargestellt (S.192ff.). Auf der anderen Seite steht der Maler Ralf, der Maria nicht nur körperlich, sondern auch seelisch berührt und mit dessen Hilfe sie erkennt, dass das „[…], was [sie tut, ihre] Seele zerstört, [und das] lässt [sie] den Kontakt zu [sich selbst] verlieren […]“ (S.220). Auch wird Ralf als positiver Einfluss für Maria durch die Verwendung des Wortes „Licht“ (S.107ff., S.171ff.) gezeichnet.      
Durch die vielen Tagebucheinträge Marias werden emotionale Höhen- und Tiefflüge charakterisiert. Die Einträge sind oft Weisheiten ähnelnde Auszüge aus Marias Gedanken: „Das Universum ergibt nur einen Sinn, wenn wir jemanden haben, mit dem wir unsere Gefühle teilen können […]“ (S.128). Außerdem schrieb sie Tagebuch, um „ihre Seele nicht zu verlieren. […]“ (S.91). Trotz einiger tiefsinniger Momente, die zum Denken anregen, lässt sich der Roman, beispielsweise durch die einfache Wortwahl, leicht lesen. Dies würde den Beginn des Romans, damit ein „märchenähnliches Feeling“ zu erzeugen, unterstützen.
Doch ist die Geschichte, die in Coelhos Kopf entsteht, von Klischees beeinflusst oder völlig unvoreingenommen? Die Schablone der Prostituierten zeichnet eine Frau, die sich aus Geldgründen prostituiert und „rein“ in dieses Geschäft hineinrutscht. Letztlich eine, die der Prostitution anfangs naiv und träumerisch gegenübersteht. Dies betrachtend könnte man sagen, dass Paulo Coelho voreingenommen an das Schreiben herangegangen ist. Jedoch widerspricht ein wesentlicher Charakterzug Marias diesem: Maria verkauft ihren Körper, doch ihre Seele gehört ihr. Sie prostituiert sich, denn „sie hatte nichts zu verlieren, weil ihr Leben eine tägliche, ständige Frustration war“ (S.87). Auch ihre Lebensumstände erscheinen fremd: Maria wuchs in einer sittlichen Familie auf, deren Umfeld zudem religiös geprägt war. Somit wird man nur teilweise von neuen Gedankengängen „überrascht“.
Mit der Intention Coelhos, ernsthaft ein Buch über Sexualität zu schreiben (vgl. S.284), entstand „Elf Minuten“. Er möchte in seinen Büchern über das sprechen, was ihn beschäftigt, nicht über das, was alle gerne hören würden (vgl. S.286). Ihn schien in dem Roman das Verhältnis von Körper zu Seele, von Liebe zu Lust und Träume beschäftigt zu haben. Auch verkörpert Coelho in Maria einen jeden, denn im Mittelpunkt steht die Frage, was man von seinem Leben erwartet, welche Träume man hat und was man letztlich aus ihnen macht.
Trotz vieler belehrender Momente, die sich emotional auf den Leser auswirken (siehe philosophische Tagebucheinträge Marias) empfand ich persönlich einige Stellen, wie etwa als Maria Erfahrungen mit einem speziellen Freier macht, als zu provokant und nicht der vielen Details nötig. Denn diese erschwerten die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Jedoch schaffte es Coelho einen Sog aufzubauen, durch den der Roman nicht weggelegt werden konnte und man sich fragte, wie letztlich die Geschichte Marias enden wird. Trotz dessen, dass der Roman ein von Sex geprägtes Buch darstellt, gelingt es Coelho, diese Szenen soweit wie möglich kultiviert zu behandeln. Insgesamt würde ich das Buch als ein von Emotionen und Lust geprägtes Werk bezeichnen, das zwar teilweise meinem Empfinden nach zu intensiv geschildert ist, jedoch als „Ganzes“ ein  empfehlenswertes  Buch darstellt.
 
Vanessa Vogel


„Es war einmal eine Prostituierte namens Maria.“ Mit diesem scheinbaren Widerspruch beginnt die Reise durch die Welt der Protagonistin Maria.
Mit neunzehn Jahren beschließt die gläubige Brasilianerin aus ihrem Dorf im Nordosten Brasiliens in die Weltmetropole Rio de Janeiro zu reisen. Angetrieben von ihrer unerschöpflichen Abenteuerlust und ihrer naiven Vorstellung, als verheiratete und wohlhabende Frau wieder zurück in ihr Heimatdorf zu kehren, lernt sie an der Copacabana den Schweitzer „Künstleragenten“ Roger kennen, der sie in Europa als Sambatänzerin groß rausbringen möchte. Gutgläubig begleitet Maria ihren Agenten nach Genf, denn insgeheim plant sie „diesen Mann in sich verliebt zu machen – schließlich war er weder alt noch häßlich, noch arm“ (S. 43). Doch leider gelingt ihr das nicht und schnell wird ihr bewusst, dass ihre vorerst einzige Aufgabe darin besteht, Geld als Tänzerin und später als erfolgreiche Prostituierte in dem Nachtlokal „Brazil“ in der Rue de Berne zu verdienen. Statt auf ihr Herzensglück konzentriert sie sich jetzt auf ihren finanziellen Wohlstand, denn mit ihrem verdienten Geld möchte sie als erfolgreiche Karrierefrau in ihr Heimatdorf zurückkehren, um sich dort eine Farm zu kaufen. Um dieses Ziel – die Rückkehr nach Brasilien als erfolgreiche, bewundernswerte und gereifte Frau – zu erreichen, setzt die Brasilianerin sich immer wieder neue Rückreisetermine. Schnell lernt sie den verschiedensten Vorlieben ihrer Kunden zu deren vollster Zufriedenheit gerecht zu werden. Während dieser für sie jedoch schwierigen Phase lernt sie zwei gegensätzliche, doch zugleich faszinierende Charaktere kennen: den gebildeten, erfolgreichen und lebenserfahrenen Maler Ralf Hart, der ihr ausstrahlendes „Licht“ entdeckt und keinerlei Interesse an ihrer weiblichen Seite zeigt und den jungen, attraktiven und selbstbewussten „speziellen Freier“ Terence, der sie in die SM-Welt entführt und sie dabei dazu bringt sexuelle Grenzen zu überspringen, um völlige Freiheit zu erfahren. Ihr Plan, sich nicht zu verlieben und innerhalb der nächsten drei Monate nach Brasilien zurückzukehren, scheitert zunächst partiell. So widersprüchlich märchenhaft diese Geschichte beginnt, so märchenhaft kitschig endet sie in Paris.
Nicht nur der Anfang und das Ende geben der Geschichte eine märchenhafte Note, auch Coelhos einfache Sprache verleiht dem Werk eine gewisse Leichtigkeit trotz teils schwerer Thematik. Hier endet aber auch die märchenhafte Seite.
Der Corpus des Romans „Elf Minuten“ ist die Schilderung des Erwachsenwerdens der Brasilianerin Maria. Das Kernstück behandelt jedoch, wie Coelho selbst betont, die heilige Seite des Sexes, der Lust. Dabei erhält der Leser einen tiefen und für manchen sicherlich schockierenden Einblick in die menschliche Sexualität – denn um die heilige Seite aufzeigen zu können, muss gleichzeitig auch die dunkle Seite beschrieben werden, in der Ängste, Hemmungen und Negativerfahrungen die Intimität dominieren.
Um dabei tiefer in Marias Seelenwelt eintauchen zu können, erscheinen immer wieder Tagebucheinträge, die ihre aktuelle Gefühlslage unbeschönigt widerspiegeln: „Ich bin zwei Frauen: Die eine will die Freude, das Abenteuer, die Leidenschaft, welche das Leben ihr bieten kann, voll auskosten; die andere will Sklavin einer Routine, eines Familienlebens sein, all der Dinge, die geplant und erfüllt werden können. Ich bin Hausfrau und Hure zugleich, im selben Körper, und beide befinden sich in einem ständigen Kampf miteinander.“ (S. 164) Diese Tagebucheinträge spiegeln ihren täglichen Kampf um das eigene Seelenheil wider. Maria scheint als Sünderin und Liebende zugleich ständig hin und her gerissen zu sein. Einerseits wirkt sie naiv und unbekümmert, wenn es um ihre Zukunftspläne geht, andererseits weiß sie sehr genau mit den Männern umzugehen, um ein anvisiertes Ziel zu erreichen. Fast berechnend wirkt die Prostituierte, wenn sie ihre Gefühle außen vor lässt. Bewundernswert scheint jedoch ihre Lebensgrundeinstellung zu sein, welche sie immer wieder antreibt weiter für ihre Träume und Ziele zu kämpfen: „Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteuerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe.“ (S. 47)
Coelho selbst drückt die Botschaft seines Romans folgendermaßen aus: „Jeder weiß tief in seinem Herzen, was das Richtige für ihn ist. Aber die meisten Menschen verleugnen ihre Wünsche, weil sie sich einreden, dass sie ihre Träume sowieso nicht verwirklichen können. Man wird bitter und macht den Rest der Welt für das eigene Unglück verantwortlich, vor allem diejenigen, die man liebt.“ (Quelle; Stand: 25.05.2012)
Genau diese Botschaft, verpackt im Thema pure (weibliche) Sexualität, geschrieben von einem Mann, aus der Sicht einer Frau, macht diesen Roman in jeder Hinsicht besonders und grenzt ihn dadurch von all seinen anderen weltberühmten Werken wie „Der Alchimist“ deutlich ab.
Wer eigentlich kein Coelho-Fan ist, wird dieses Buch lieben!
 
Vivian Müller


„Elf Minuten“ ist ein Roman von dem brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho, der 1947 in Rio de Janeiro geboren wurde. Erschienen ist das Buch 2003 mit dem Originaltitel „Onze minutos“, in Deutschland veröffentlicht wurde es 2005 als Diogenes Taschenbuch. Das Buch umfasst 286 Seiten voller Abenteuerlust und Liebe.
Eine junge Brasilianerin namens Maria verlässt ihr Heimatdorf aus der Vorstellung heraus, in Rio de Janeiro Karriere zu machen, ihren Traummann zu treffen und als glücklich verheiratete, wohlhabende Frau nach Hause zurückzukehren. In Rio lernt Maria zunächst einen Schweizer kennen, der sie mit nach Europa nimmt und ihr verspricht dort als Sambatänzerin erfolgreich zu sein. Dieses Versprechen stellt sich allerdings schnell als Lüge heraus und Maria landet anstatt in Discos auf dem Straßenstrich. Wenig später wird Maria dann aber aufgrund des häufigen Nichterscheinens zur Arbeit gekündigt. Verzweifelt sucht Maria nach einer neuen Arbeitsstelle, da ihr angespartes Geld langsam aufgebraucht ist. Da kommt das Angebot eines reichen Arabers, ihr für eine gemeinsame Nacht 1000 Franken zu zahlen, genau richtig. Aufgrund dieser nächtlichen Erfahrung entscheidet sich Maria ihr Geld erneut mit der Prostitution zu verdienen. So arbeitet Maria bald in einem seriösen Nachtclub namens „Cobacabana“. Dort verdient sie genügend Geld, um gut über die Runden zu kommen und gleichzeitig etwas für ihre Familie zuhause zurückzulegen. Nachdem Maria genug Geld gespart hat, möchte sie nun nur noch wenige Monate in Europa bleiben und dann mit dem ersparten Geld in ihrem Heimatdorf einen landwirtschaftlichen Betrieb eröffnen. Doch als sie in einem Straßencafé auf den Maler Ralf Hart trifft, kommen ihre Pläne ins Wanken.
Doch wieso? Welchen Einfluss hat dieser Ralf Hart auf Maria? Und beharrt sie am Ende wirklich auf ihrem Plan einen Bauernhof in ihrem Heimatdorf zu eröffnen? Oder beginnt für Maria eine ungeplante Zukunft, vielleicht sogar mit Ralf Hart? Und warum nennt sich dieses Buch überhaupt Elf Minuten?
Paulo Coelho schreibt in einer klaren, einfachen und verständlichen Sprache, ohne viele Fremdwörter, sodass das Buch für die breite Masse empfehlenswert ist. Im Laufe der Geschichte finden sich immer wieder Tagebucheinträge der jungen Maria, die sie im Anschluss an besondere Erlebnisse oder Momente verfasst. Diese Einträge beschreiben schon fast philosophisch die Gefühle der Protagonistin. Auch lässt sich durch die Tagebucheinträge besser verstehen, warum sich Maria in verschiedenen Situationen so fühlt, wie sie sich fühlt, und sich so entscheidet, wie sie sich entscheidet.
Mit „Elf Minuten“ spricht Coelho ein Thema an, das nie an Aktualität verlieren wird, nämlich die Erfahrung mit Sexualität und Liebe und ihre folgenden Abgründe. Auch im Erscheinungsjahr des recht aktuellen Romans scheint diese Thematik von Bedeutung gewesen zu sein, Paulo Coelho spricht offen über die Lust an der Liebe und die Entdeckung eines fremden Empfindens.
Durch Coelhos einfache Sprache, sowie dem Beginn des Buches „es war einmal...“ (S.7) wird dem Buch ein märchenhafter Charakter verliehen. Allerdings stehen diese märchenhaften Züge im gesamten Buch in einem starken Kontrast zur Thematik. Schließlich verbindet man Märchen oft mit Kindern, das Thema der Prostitution und der Sexualität allerdings doch eher mit Erwachsenen. So beginnt mit Coelhos Einleitungssatz ein Kontrast zwischen zwei Welten, dem Märchen und der Prostitution, der sich durch das komplette Buch wie ein roter Faden zieht. Dadurch gelingt es dem Autor auch, schwierige und intime Themen würdevoll und neutral darzulegen.
Elf Minuten ist in jedem Fall ein lesenswertes Buch, das mich an manchen Stellen durchaus zum Nachdenken gebracht hat. Teilweise konnte ich mich in der jungen Maria wirklich wiederfinden, was allerdings auch der Grund dafür war, warum ich an diesem Buch eine halbe Ewigkeit gelesen habe, da ich nach etlichen Passagen für einige Minuten ins Grübeln gekommen bin. Nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, das die Thematik der Prostitution und der Selbstfindung so behandelt, wie Coelhos „Elf Minuten“. Allerdings muss man dazu sagen, dass Coelho an manchen Stellen ein wenig zu sehr ins Detail geht, sodass es teilweise schon fast Überwindung kostet weiterzulesen. Doch letztendlich überwog bei mir dann doch die Neugier und ich wollte wissen, welches Abenteuer Maria als Nächstes erlebt.
Ich lege Paulo Coelhos Roman „Elf Minuten“ also jedem ans Herz, der sich einfach mal fallen lassen und über die Liebe nachdenken möchte. Mir hat Coelhos Schreibstil alles in allem sehr gut gefallen und es wird sicherlich nicht mein letzter Coelho-Roman gewesen sein.
 
Sina Eichmann


Elf Minuten von Paulo Coelho ist ein Roman, der die Problematik einer armen brasilianischen Stoffhändlerin namens Maria aufzeigt, die versucht in der Schweiz eine Karriere als Sambatänzerin zu starten. Als sie zuerst nach Rio de Janeiro reist, lernt sie einen Schweizer kennen, der sie in die Schweiz bringen und dort Samba tanzen lassen will. Doch sie landet als Prostituierte im Rotlichtmilieu und merkt schnell, dass sie auf diese Weise sehr viel Geld verdienen kann. Doch nachdem sie den Vorsatz gefasst hat, nachdem sie genug Geld für ihre eigene Firma in ihrer Heimat verdient hat, abzureisen, verliebt sie sich, trotz ihrer widerspenstigen Haltung zu Liebe und Sex, in den Schweizer Maler Ralf Hart, der ihr eine neue Seite der Lust und Liebe zeigt.
Der Roman wird aus der dritten Person erzählt, jedoch werden die Gedankengänge durch Einschübe von inneren Monologen, wie „Er ist nicht mein Typ!“ gezeigt, wodurch man alle Handlungen nachvollziehen kann, oder auch nicht. Sehr oft werden die diskutierten Fragestellungen als Gedankengang des Hauptcharakters dargestellt. Sie stellt sich Fragen über die Liebe und das Begehren und regt damit den Leser zum Nachdenken über seine eigene Einstellung über diese Dinge an, wie bei Sätzen wie „Du begehrst nicht, was du siehst, sondern was du dir vorstellst.”  Diese Zitate sind Anregungen zum Nachdenken über das eigene Liebesleben und lassen einen in eine andere Ebene eindringen, in der man sich plötzlich selbst die Fragen stellt „Wie ist das bei mir?“ oder „Wie stehen Liebe und Sex zusammen?“. Das regt außerdem zum Weiterlesen und Erhoffen einer Antwort im Buch an.
Teilweise ist der Roman verwirrend und schwer verständlich, aber meiner Meinung nach gehört das dazu, da viele Passagen sehr philosophisch sind, wie z.B. „Das tiefe Begehren, das realste Begehren ist dann in einem, wenn man zum ersten Mal auf jemanden zugeht. Das löst das Knistern aus. Danach erst kommen Mann und Frau ins Spiel. Aber das, was zuvor geschah – was die gegenseitige Anziehung auslöste -, kann man nicht erklären. Es ist das Begehren in seiner ursprünglichen, reinsten Form.“ Das finde ich persönlich gut, da viel über die Liebe und Sexualität diskutiert wird, was selbst in der offenen Gesellschaft heutzutage immer noch nicht üblich ist. Durch diese philosophischen Diskussionen erfährt man auch immer wieder neue Dinge, wie z.B. über die Anfänge der Prostitution.  Mir gefällt es im Großen und Ganzen, wie Coelho mit dem Thema Sexualität und Liebe umgeht und alles in eine mitreißende und nicht leicht durchschaubare Geschichte verpackt. Daher ist es eine gute Wahl gewesen, über dieses Buch eine Rezension zu verfassen. 
 
Yannis Salteris

 

Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen


Jostein Gaarder, Das Orangenmädchen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, München 2003 (188 Seiten, 8,95€ Reihe Hanser dtv 62312).


Der Roman „Das Orangenmädchen“, geschrieben von Jostein Gaarder, ist 2003 im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen. Es ist 188 Seiten lang und kostet 8,95€. Der Roman spricht eine große Zielgruppe an, denn sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene werden Freude daran haben ihn zu lesen.
Es ist allerdings schwierig, den Roman in eine Schublade zu stecken, da er philosophische Züge aufweist, aber auch durchaus an einigen Stellen einem Liebesroman gleicht. Aber genau diese Mischung macht auch den Reiz des Buches aus, da so eine komplett neue Thematik behandelt wird. Die Geschichte beginnt damit, dass der 15-jährige Georg zu seinem Geburtstag einen Brief erhält, den sein Vater kurz vor seinem Tod geschrieben hat. In diesem Brief erzählt er Georg die Geschichte des Orangenmädchens. Schon bei ihrer ersten Begegnung ist der Vater wie verzaubert, macht sich auf die Suche nach ihm und setzt alles daran sein Geheimnis zu lösen, denn das Orangenmädchen ist immer mit einer Tüte voller Orangen unterwegs. Im Laufe des Briefs erfährt Georg mehr über die Identität des geheimnisvollen Orangenmädchens, aber auch über die Vergangenheit seines Vaters. So wird  Georg zum Nachdenken angeregt und es gelingt ihm auch Schlüsse für seine eigene Zukunft aus dem Brief zu ziehen.
Die Sprache, die im Roman „Das Orangenmädchen“ verwendet wird, ist stellenweise sehr philosophisch und erinnert deshalb auch an Jostein Gaarders „Sofies Welt“, wobei „Das Orangenmädchen“ aber  weit weniger philosophisch geschrieben ist. Trotzdem liegen dem Buch einige philosophische Fragen zu Grunde, wie z.B. die die Georg von seinem Vater gestellt bekommt und mit der er sich vor seinem Tod eingängig beschäftigt hat. So möchte der Vater von ihm wissen, ob er sich für ein kurzes Leben auf der Erde entscheiden würde, um dann nach nur wenigen Jahren wieder weggerissen zu werden und nie mehr zurückkehren zu dürfen oder ob er sich gegen dieses Leben entscheiden würde (S.157, Z.23ff.). Die philosophisch angehauchte Sprache ist auf das Philosophiestudium Jostein Gaarders zurückzuführen. Eine weitere Auffälligkeit sind die geschickt miteinander verknüpften Handlungsstränge. So gelingt es, dass die Geschichte, die der Vater im Brief erzählt, fließend in die gegenwärtige Handlung, nämlich Georgs Gedanken, übergeht.
Zugegeben dauert es eine Weile, sich in das Buch und die Geschichte, die erzählt wird, hineinzufinden. Dies kommt daher, dass das Orangenmädchen doch einen recht seltsamen Eindruck hinterlässt, aber einen auch auf eine Weise fasziniert, da es sich so deutlich vom Rest der Menschen abhebt. Als der Leser dann aber mehr Details über das Orangenmädchen erfährt, beginnt die Geschichte ihn zu fesseln und man kann das Buch nicht mehr zur Seite legen, da man sich durch den unglaublich persönlich geschriebenen Brief irgendwie auch selbst angesprochen und zum Nachdenken ermuntert fühlt. Hinzu kommt der Abschiedsbrief an Georg, der gleichzeitig auch ein Liebesbrief an das Orangenmädchen ist, als liebevolle Rahmenhandlung. Besonders gut gefallen hat mir, dass das Buch keine typische Liebesgeschichte ist, da die Beziehung zwischen Georgs Vater und dem Orangenmädchen fast schon wie eine Seelenverwandtschaft schien. In Verbindung mit den philosophischen Fragen entsteht so ein einzigartiger Roman, der nur zu empfehlen ist.
 
Lara Schanzenbacher


„Das Orangenmädchen“ ist ein Roman über die Liebe und das Glück, der sich zugleich mit Tod, Abschied, Trauer und „tiefsinnigen Fragen über die menschliche Existenz“ (Quelle; Stand 02.06.2012) auseinandersetzt.
Georg Røed lebt mit seiner Mutter, deren neuen Mann Jørgen und seiner kleinen Schwester Miriam, im Humlevei in Oslo. Als Georg 15 Jahre alt ist, findet seine Großmutter im Geräteschuppen, genauer gesagt im Polster der alten Kinderkarre, zufällig einen an Georg adressierten Brief. Einen Brief seines vor elf Jahren verstorbenen Vaters, Jan Olav. Mit diesem „Abschiedsbrief“, den Jan Olav kurz vor seinem Tod als Hinterlassenschaft für den „jugendlichen“ Georg verfasst hat, nimmt er seinen Sohn mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das er eines Tages mit einer Tüte voller Orangen in der Straßenbahn sieht und in das er sich sofort Hals über Kopf verliebt. Nach dieser schicksalshaften Begegnung beginnt eine lange und nervenaufreibende Suche nach diesem geheimnisvollen Mädchen. Doch als er ihr schließlich wieder gegenübersteht, stellt sie seine Liebe und seine Geduld auf eine harte Probe.
Außerdem stellt Jan Olav seinem Sohn zahlreiche Rätsel und philosophische Fragen. So wird diese märchenhafte Liebesgeschichte immer wieder mit den Gedankengängen und Erörterungen von Georg durchbrochen, der vor allem die astronomischen Fragen seines Vaters mit fundiertem Hintergrundwissen beantworten kann. Durch diese Einschübe wird nicht nur die gemeinsame Leidenschaft von Vater und Sohn deutlich, auch liefert Georg dadurch Einblicke in sein aktuelles Leben, seine Vergangenheit und seine Zukunft.
„Das Orangenmädchen“ besteht aus zwei Geschichten, die in einer Art Dialog miteinander stehen. Ausgangspunkt ist der Brief von Jan Olav, in dem er die Geschichte des Orangenmädchens erzählt. Da der Vater neben bzw. durch diese Geschichte seinem Sohn zahlreiche Fragen und Rätsel aufgibt, ist die zweite Geschichte das Ergebnis von Georgs Reflexionen und Antworten auf die Fragen seines Vaters. Der Perspektivenwechsel in dem Roman resultiert demnach aus dem Entschluss Georgs, seine Antworten auf die Fragen seines Vaters direkt in den Brief einzuarbeiten und das Gesamtwerk als Buch zu veröffentlichen. So beantwortet er schließlich die zentrale Frage seines Vaters, indem er die Antwort direkt an seinen toten Vater richtet: „Lieber Papa! Danke für deinen Brief. Er war ein Schock für mich und hat mir Freude gemacht und hat mich auch gequält. Aber jetzt habe ich endlich diese schwere Entscheidung getroffen: Ich bin mir ganz sicher, dass ich mich für ein Leben auf der Erde entscheiden würde, und sei es auch nur für einen ‚kurzen Moment‘. Und deshalb kannst du diese Sorge vergessen. Du kannst 'in Frieden ruhen', wie es heißt.“ (S. 184)
Formal hervorgehoben werden die Einträge des Sohnes durch Kursivschrift.
Da es sich um einen Jugendroman handelt und der Vater den Brief für seinen jugendlichen Sohn verfasst hat, ist die Sprache relativ einfach gehalten. Vor allem durch die detailgetreuen, anschaulichen, farbenfrohen, aber auch realistischen Beschreibungen wird die Fantasie des Lesers angeregt und es fällt leicht sich in die Personen hineinzudenken. Vielleicht ermöglicht Gaarder es dem Leser genau dadurch, über philosophische und astronomische Fragen nachzudenken und gemeinsam mit den Protagonisten tiefer in die Materie einzutauchen.
Jostein Gaarder, der am 8. August 1952 in Oslo geboren wurde, unterrichtete zunächst zehn Jahre lang Philosophie an Schulen und in der Erwachsenenbildung. Sein Debut als Schriftsteller erfolgte mit der Novelle „Katalog“ im Jahre 1982. Da ihm mit „Sofies Welt“ 1993 ein Welterfolg gelang, konnte er seinen alten Beruf aufgeben und sich ganz dem Schreiben widmen. Heute lebt Gaarder mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Oslo (Quelle; Stand 02.06.2012). Im Gegensatz zu aktueller Jugendliteratur wie Rowlings „Harry Potter“ oder Funkes „Tintenherz“ verzichtet Gaarder in seinen Kinder- und Jugendbüchern auf jegliche „Action“ und legt, seit seinem Bestseller „Sofies Welt“ seinen Fokus auf Titel, in denen das Fragen und Rätseln die Hauptsache ist. Er möchte den Leser zum Nach- und Weiterdenken verführen. Dies gelingt ihm auch mit seinem Roman „Das Orangenmädchen“ vorzüglich (Quelle; Stand 02.06.2012).
Jostein Gaarder erzählt in seinem Roman eine wundervolle und romantische Liebesgeschichte, die den Leser zum Träumen verleitet, jedoch zu keiner Zeit ins Kitschige abzugleiten droht. Andererseits greift er ein sehr ernstes Thema auf, indem er Georg und den Leser mit der dramatischen Lebensgeschichte des Vaters und dessen viel zu frühen Tod konfrontiert. Hier wird deutlich, wie schnell das Glück und die heile Welt zerbrechen kann und ein schmerzlicher Abschied dazu führen kann, dass sogar der Sinn des Lebens an sich in Frage gestellt werden kann. Dennoch gelingt es dem Vater seinem jugendlichen Sohn mit diesem Brief eine Art Leitfaden an die Hand zu geben, der ihn an die Geheimnisse und Paradoxe der Welt heranführen soll. Dieser Roman lehrt uns somit, dass Liebe Leben schenkt, gleichzeitig jedoch den Tod impliziert. Das Leben ist ein fantastisches Märchen, vorausgesetzt man akzeptiert seine Regeln (Quelle; Stand 02.06.2012). Gaarder kombiniert hier geschickt märchenhafte Elemente mit psychologischem Tiefgang (Quelle; Stand 02.06.2012) und kann demnach zu Recht als Zauberer, der ernsthafte und philosophische Gedanken in federleichte Worte kleidet (Quelle; Stand 02.06.2012) bezeichnet werden.
Dieser Roman ist nicht nur für Gaarder-Liebhaber ein absolutes Muss, sondern für jeden, der sich für Liebesgeschichten mit einem gewissen Tiefgang hinsichtlich essentieller und philosophischer Fragestellungen begeistern kann. Des Weiteren ist dieser Roman auch jedem „erwachsenen Leser“ wärmstens zu empfehlen.
 
Julia Menzl


„Mein Vater ist vor 11 Jahren gestorben. Damals war ich erst vier. Ich hatte nie damit gerechnet, je wieder von ihm zu hören, aber jetzt schreiben wir zusammen ein Buch.“
So lauten die ersten Zeilen des Romans „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder, der im Juni 2004 zum Jugendbuch des Monats gewählt wurde. Es handelt von dem 15-jährigen Georg, dessen Vater verstarb, als Georg noch im Kindergartenalter war. Doch nun, elf Jahre nach dem Tod, findet Georgs Großmutter einen Brief an Georg in der roten Kinderkarre, in der er früher immer gespielt hatte und die dem Vater so wichtig war, dass sie niemals weggegeben werden sollte. Der Brief ist eine Erbschaft  von Georgs Vater an seinen Sohn. Er hatte ihn kurz vor seinem Tod verfasst und ihn an den „großen Georg“, den „Georg der Zukunft“ adressiert. Sofort zieht sich Georg zurück und beginnt den Brief zu lesen, in dem es vor allem um die Bekanntschaft seines Vaters zum mysteriösen Orangenmädchen geht.
Er trifft dieses Mädchen voll beladen mit Orangen zum ersten Mal in einer Straßenbahn. Ab diesem Zeitpunkt beherrscht sie die Gedankengänge des Vaters und er verliebt sich in sie. Nun macht er sich auf die Suche nach diesem geheimnisvollen Mädchen. Außerdem berichtet Georgs Vater im Brief über seine Leidenschaft zur Wissenschaft und über das Hubble-Mikroskop – genau jenes Mikroskop, zu dem Georg vergangene Woche eine Hausarbeit schreiben musste. Georg liest gebannt den Brief und stellt sich die Frage, ob sein Vater in die Zukunft schauen konnte.
Immer wenn er einige Seiten gelesen hat, stoppt er und reflektiert. Er erkennt, dass ihn die Liebe zur Astronomie und zur Wissenschaft mit seinem Vater verbindet und er versucht, sich an seinen Vater zu erinnern. Er freut sich sichtlich über den Brief, jedoch löst die Stimme aus der Vergangenheit bei Georg auch Verunsicherung aus. Im weiteren Verlauf des Buches schreibt der Vater über Georgs Geburt und Kindheit aber auch ganz allgemein über den Tod, das Leben und das Weltall. Oft streut er Fragen ein, über die Georg lange nachdenkt. Dabei geht es nicht nur um die Liebe, sondern auch um den Sinn des Lebens. Es ergibt sich eine Art Dialog zwischen den beiden, da Georg die Fragen seines Vaters kommentiert. Er beginnt die Erfahrungen des Vaters auf sein eigenes Leben zu übertragen und zieht Schlussfolgerungen für seine Zukunft. Das war wahrscheinlich auch die Absicht seines Vaters, der wusste, dass er Georgs Jugend nicht miterleben würde und trotzdem Verantwortung übernehmen wollte für seinen Sohn.
Durch den Brief lernt Georg fürs Leben. Auch wenn der Vater  die Jugendzeit von Georg nicht miterlebt und ihm keine Antworten geben kann, hilft er ihm, indem er die richtigen Fragen stellt.
Beim Lesen des Briefes werden bei Georg die verschiedensten Emotionen hervorgerufen. Einerseits ist er verwundert und freut sich über den Brief, andererseits löst er auch Selbstzweifel und Erinnerungen an den Tod des Vaters aus. Dadurch, dass das Buch sowohl bezüglich dem Vater als auch Georg in der Ich-Perspektive verfasst ist, fällt es dem Leser nicht schwer sich in die Lage der beiden Hauptpersonen zu versetzen.
Nicht nur Georg, sondern auch der Leser wird permanent zum Nach- und Weiterdenken angeregt. Außerdem wird er zum Weiterlesen animiert, weil er wissen will, was es mit der geheimnisvollen Existenz des Orangenmädchens auf sich hat. Doch dieser Aspekt kommt im Buch etwas zu kurz. Obwohl der rote Faden innerhalb des Briefes die Suche nach dem Orangenmädchen ist, kommt es am Ende nicht zu einer offensichtlichen Lösung dieses Rätsels. Es bleibt dem Leser vorbehalten, zu interpretieren, um wen es sich dabei handelt oder ob das Orangenmädchen sinnbildlich für die zukünftige Frau an Georgs Seite steht.
Jostein Gaarder ist es gelungen, eine sehr persönliche, rührende Geschichte zum Verantwortungsbewusstsein, das ein Vater gegenüber seinem Sohn – auch über den eigenen Tod hinaus – entwickelt, zu schreiben. Obwohl es sich um ein schwieriges Thema handelt und in der Geschichte Handlungsstränge auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen verknüpft werden, lässt es sich dennoch leicht lesen.
Durch die Fragen, die gestellt und nicht alle beantwortet werden, verführt das Buch zum Weiterdenken und stellt feinfühlig die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Katrin Specht


Jostein Gaarder, 1952 in Oslo geboren, schrieb 2003 den philosophischen Belletristik-Roman „Das Orangenmädchen“, der von Gabriel Haefs ins Deutsche übersetzt wurde. 2005 ist die 188 Seiten lange Übersetzung dann im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen und der Preis beträgt 8,90€. Jostein Gaarder schreibt meist für Kinder und Jugendliche und im Januar 2004 wurde „Das Orangenmädchen“ zum Buch des Monats und schließlich auch zum Buch des Jahres 2004 ernannt.
Die Geschichte handelt von dem 15jährigen Georg, der zusammen mit seiner Mutter Veronika, deren neuem Mann Jørgen und seiner kleinen Halbschwester Miriam in Humlevei, in Oslo wohnt. Vor elf Jahren ist sein Vater an Krebs gestorben und der damals erst vier Jahre alte Georg kann sich kaum noch an ihn erinnern. Eigentlich handelt es sich um einen langen Brief, der einerseits von Georgs verstorbenem Vater sowie von Georg selbst geschrieben wird, denn als Georg eines Mittags von der Musikschule nach Hause kommt, überreichen ihm seine Großeltern einen Abschiedsbrief, der von seinem damals todkranken Vater Jan-Olav geschrieben wurde und an den „älteren“ Georg adressiert ist. Der Brief war elf Jahre lang in Georgs alter Kinderkarre versteckt und begleitet den 15jährigen Jungen nun durch eine Reise in die Vergangenheit sowie in seine eigene Zukunft.
Der Abschiedsbrief handelt vom Leben und vom Sterben, aber vor allem erzählt er die Geschichte des geheimnisvollen „Orangenmädchens“, welches  Georgs Vater mit einer großen Tüte Orangen im Arm in einer Straßenbahn gesehen hatte und in das er sich sofort verliebte. Der Autor behandelt ein sehr ernstes Thema und packt es in eine märchenhafte Welt, die voll mit Rätseln ist. Georg reagiert immer wieder auf die Erzählungen seines Vaters, indem er sie mit seinen eigenen Worten kommentiert und am Ende des Buches, die von  seinem Vater gestellten Fragen in einem weiteren Brief beantwortet.
Die Sprache des Buches ist einfach zu verstehen, was darauf zurückzuführen ist, dass Jostein Gaarder für Kinder und Jugendliche schreibt.
Außerdem verwendet der Autor eine sehr bildhafte Sprache, wodurch man sich sehr gut in die Situation hineinversetzten kann und manchmal das Gefühl hat, selbst Teil dieser märchenhaften Welt zu sein. Dies wird außerdem noch durch die zahlreichen Vergleiche gestützt, so beschreibt Jostein Gaarder das Hubble-Teleskop, welches eine zentrale Rolle spielt und immer wieder im Laufe der 188 Seiten auftaucht, als „ein kosmisches Sinnesorgan“ (S. 136, Z. 3) und als „das Auge des Universums“ (S. 135, Z. 5). Des Weiteren beschreibt er das Leben als „eine gigantische Lotterie“ (S. 188, Z. 4), in der wir alle „ein Gewinnerlos“ sind (S. 188, Z. 6) und nicht zu vergessen, beschreibt er die Geschichte des Orangenmädchens als ein „Märchen“ (S. 100, Z. 14), mit seinen „eigenen Regeln“ (S. 100, Z. 6), die man nicht verstehen, aber einhalten muss (vgl. S. 100, Z. 8f.).
Wie sehr sich Georgs Vater, Jan-Olav in des „Orangenmädchen“ verliebt hat, ist zudem noch an seinen wilden Spekulationen, wer das Orangenmädchen ist oder was sie mit so vielen Orangen vorhat, erkennbar. Er dachte, dass sie möglicherweise „eine besondere Diät einhalten“ (S. 35, Z. 28f) musste, oder dass sie „für ein Fest mit über hundert Gästen Orangenpudding“ (S. 36, Z. 4) kocht. Aus dem „alten Wanderanorak“ (S. 36, Z. 26), den das Mädchen trägt, folgerte er, dass sie vielleicht „per Ski Grönland oder zumindest die Hardangervidda überqueren“ (S. 37, Z. 5f) möchte, was auch erklären würde, weshalb sie so viele Orangen kauft. Diese wilden Spekulationen sind zudem noch darauf zurückzuführen, dass Jan-Olav zu diesem Zeitpunkt ein junger Medizinstudent und gut im Zeichen bzw. Diagnose stellen war (vgl. S. 36, Z. 28f).
Der philosophische Roman beschäftigt sich sehr intensiv mit den Themen des Lebens und des Sterbens. So stellt Jan-Olav seinem Sohn die Frage, ob er sich für ein Leben auf der Erde, ohne zu wissen wie lange oder wann er leben würde, entschieden hätte, oder ob er doch lieber dankend abgelehnt hätte, da er mit den Regeln des Lebens nicht einverstanden gewesen wäre, wenn er die Wahl  dazu gehabt hätte (vgl S. 154, Z. 22ff.). Dieser philosophische Hintergrund und die zentralen Themen zum Leben und Sterben sind darauf zurückzuführen, dass der Autor, Jostein Gaarder, in Oslo Philosophie und Theologie studierte (vgl. S. 2, Z. 11f.). Des Weiteren könnte der Autor selbst schon Erfahrungen mit dem Sterben gemacht haben oder er möchte dem Leser durch sein Buch die Möglichkeit geben, mit diesem ernsten Thema besser umgehen zu können.
Ein Grund warum Jan-Olav seinem Sohn diesen Brief schreibt könnte der sein, dass Georg erst vier Jahre alt war, als sein Vater starb und er wusste genau, dass sein Sohn später möglicherweise kaum noch Erinnerungen an ihn hat. Zu Beginn des Buches, als Georg seine Familie vorstellt, beschreibt er Jørgen als seinen „neue[n] Vater“ (S.10, Z. 14), aber durch den Abschiedsbrief bekommt Georg nochmal die Möglichkeit seinen eigentlichen Vater besser kennenzulernen und mehr über ihn zu erfahren, sodass er diesen nicht vergessen wird. Gleichzeitig konnte Jan-Olav durch seinen Abschiedsbrief und die Fragen, die er seinem Sohn stellt, sehr viel mit auf seinen Weg geben, denn er „konnte [seinem Sohn zwar] keine Antworten mehr geben[,] aber er konnte [ihm] die richtigen Fragen stellen“ (S. 2, Z. 9ff.). So nahm sich Georg, nachdem er den langen Brief seines Vaters gelesen hat vor, das Geigenmädchen aus seiner Musikschule anzusprechen (S. 186, Z. 9).
„Das Orangenmädchen“ ist ein rührende Liebesgeschichte sowie die Geschichte eines verantwortungsbewussten Vaters, der noch nach seinem Tod für seinen Sohn da sein möchte und ihm viel mit auf seinen Weg gibt. Jostein Gaarder behandelt das ernste Thema Tod mit einer leichter Hand und bringt seine Leser sowohl zum Nachdenken wie auch zum Weiterdenken, denn man kann nicht nur vieles über den Tod lernen, sondern auch über das Leben, in dem wir alle ein „Gewinnerlos“ (S. 188, Z. 6) sind.
Meiner Meinung nach ist dieses Buch auch für Erwachsene sehr gut geeignet und lädt mit seinen gerade mal 188 Seiten dazu ein, es in einem Rutsch zu lesen. In dem Buch wird keine große Spannung erzeugt und die Geschichte „plätschert“ vor sich hin, jedoch wird dies auch nicht die Absicht des Autors gewesen sein, denn er wollte mit seinem Roman den Leser viel mehr zum Nachdenken anregen. Die wilden Spekulationen von Jan-Olav, wer das „Orangemädchen“ ist, oder was es mit so vielen Orangen wohl anstellt, übernehmen an manchen Stellen zu sehr die Oberhand und lassen den Vater in einem merkwürdigen Licht dastehen. Trotzdem kann ich den gefühlsintensiven Roman von Jostein Gaarder nur weiterempfehlen und die Geschichte lässt sich durch die einfache Sprache sehr gut lesen.
 
Melissa Lochner


Zu Beginn des Jugendromans „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder ist Georg 15 Jahre alt und lebt gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und seiner Halbschwester in Oslo. Sein leiblicher Vater ist gestorben, als Georg erst vier Jahre alt war, weswegen sich der Junge nur schwer an ihn erinnern kann. Die einzigen Erinnerungen die ihm bleiben, sind Videos und Fotos. Doch auf einmal dreht sich das Blatt, als seine Großeltern in dem alten roten Karren des Vaters einen Brief finden. Diesen hat der Vater kurz vor seinem Tod an seinen Sohn geschrieben, weil Georg damals noch zu jung war, um die Ereignisse zu verstehen. In ihm wird die Geschichte des Orangenmädchens erzählt und auch die schönsten und letzten Vater-Sohn-Erlebnisse. Aber am Ende des Briefes stellt er seinem Sohn eine ganz entscheidende Frage, welche sein weiteres Leben durchgehend prägen wird.
Der Roman ist sehr schnell und gut verständlich zu lesen, da weder komplexe Satzstrukturen noch Fremdwörter Verwendung finden. Das einzig Komplizierte ist der Gebrauch einiger Fachwörter beispielsweise in den Szenen, in denen von dem Hubble-Teleskop erzählt wird. Diese sind aber trotzdem für jedermann gut verständlich und für die wesentliche Handlung eher nebensächlich.
Jostein Gaarder unterrichtete als Lehrer Literaturwissenschaften, Philosophie und Religion und arbeitete unter anderem auch in der Erwachsenen- und Kinderbildung. Dadurch dass er selbst Vater von zwei Söhnen ist, ist ihm die Verantwortung eines Vaters gegenüber seinen Kindern sehr bewusst. Diese Thematik wird auch in dem Werk „Das Orangenmädchen“ aufgegriffen: Hier konnte der Vater von Georg zunächst keinen direkten Einfluss auf seinen Sohn ausüben, da er so früh gestorben ist. Durch den Brief gelingt es ihm jedoch das Leben des Sohnes ein wenig zu beeinflussen. Mit seinem Buch „Sofies Welt“, das 1993 veröffentlicht wurde und für das er ein Jahr später den Literaturnobelpreis gewann, wurde er weltweit bekannt. Nun ist er freier Schriftsteller und schreibt Romane und Erzählungen für Erwachsene und Kinder. Das Roman „Das Orangenmädchen“ wurde 2008 als norwegisch-deutsch-spanische Koproduktion verfilmt.
Ich finde dieses Buch wunderschön, da es durchgehend spannend, berührend, traurig und einfach menschlich ist. Meiner Meinung nach ist dies ein Buch, durch das man einerseits emotional ergriffen wird und sich andererseits jedoch einmal ernsthafte Gedanken über die Fragen machen kann, die darin gestellt werden. Man ist nicht in der Lage dieses nach dem Lesen auf die Seite zu legen, da einen die aufgeworfenen Fragen auch noch danach beschäftigen und man über vieles rätselt. Es ist durchaus möglich, dass „Das Orangenmädchen“ die weitere Lebensweise/-philosophie des Lesers entscheidend beeinflusst. Dieses Buch hat auf jeden Fall den Titel eines Lieblingsbuches verdient und ist sehr empfehlenswert.
 
Anna Reus

 

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen


Paolo Giordano, Die Einsamkeit der Primzahlen, München 2009 (364 Seiten, 19,95€ bei Blessing)


Der 30-jährige Autor Paolo Giordano beschreibt in seinem Roman mit einem unglaublichen Feingefühl für Details eine scheinbar unvollendete Liebesgeschichte zweier unscheinbarer Menschen.
Alice und Mattia haben etwas Schattenhaftes an sich, das beide nicht greifbar erscheinen lässt, wie zwei zerbrechliche Konstruktionen, weit entfernt von der Wirklichkeit. Sie haben ihre Makel und Schwächen, ausgelöst durch traumatische Ereignisse in der Kindheit. Durch seine angenehme Sprache und seine einfache Art zu schreiben, gelingt es dem Autor, dem Leser die komplexen Entwicklungen zu verdeutlichen, die Alice und Mattia seit ihrer Kindheit durchleben mussten.
Diese ganzen Vorgänge der Psyche sind für den Leser schwer nachzuvollziehen und machen es auch für die Protagonisten kompliziert, sich an ihr Umfeld anzupassen. Somit weht durch die gesamten 364 Seiten ein Hauch von Weltfremdheit, bei dem es schwerfällt, sich in die Rolle von Alice oder Mattia hineinzuversetzen. Denn die beiden fühlen sich selbst fehl am Platz und scheinen nur dank der gegenseitigen Hilfe in einer Welt durchzuhalten, in der sie von jeder anderen Person missverstanden werden.
Alice wurde von ihrem Vater zum Skifahren gezwungen. Eines Tages „machte [sie] sich in die Hose“ (S.16, Z.21) und floh vor der Gruppe des Skikurses. Sie erlitt einen Unfall, bei dem sie lange alleine und hilflos im Schnee lag. Seither ist eines ihrer Beine schwer beweglich, weshalb sie von ihren Mitschülern gemieden wird.
Mattias Zwillingsschwester Michaela ist geistig zurückgeblieben. Seine Mutter wollte, dass er sich in der Schule um sie kümmert. Er schämt sich für sie und wird von allen anderen Kindern ausgeschlossen. Als sie eines Tages zu einem Kindergeburtstag eingeladen werden, lässt er Michaela im Park zurück, in der Nähe eines Flusses. Michaela wird nicht mehr gefunden. „Das Bild, wie Michaela […] wie ein Kartoffelsack in den Fluss rutscht […]“ (S.41, Z.7ff.), konstruiert Mattia in seinem Kopf und fühlt sich schuldig.
Alice und Mattia lernen sich in Italien in der Schule kennen. Zu Beginn trauen sie sich kaum, aufeinander zuzugehen, bis sie sich enger befreunden und merken, wie wichtig sie füreinander sind. Doch bevor sie den Sprung auf die nächste Ebene ihrer Beziehung schaffen, trennen sich ihre Wege. Während dieser Zeit können sie sich trotzdem nicht vergessen. Ihre Lebenswege verlaufen immer direkt nebeneinander. Eben wie zwei Primzahlen sind sie „sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können“ (S.156, Z.19f.). Und auch später schaffen sie es nicht mehr, für ihre Liebe zu kämpfen oder sich aus ihrem nun aufgebauten Leben zu lösen, auch wenn sie sich dort, in diesem Leben, immer innerlich zerrissen fühlen. Denn sie sind nur in der Nähe des Anderen vollständig und haben immer eine Verbindung zueinander. Diese wird nur am Ende getrennt. Denn nach einem letzten Annäherungsversuch entscheiden sie sich endgültig für die Unabhängigkeit. Durch diese Befreiung erlangen beide einen inneren Frieden. Sie bekommen so die Chance auf einen Neuanfang, aber nicht gemeinsam, wie von mir, einer hoffnungslosen Romantikerin, erhofft, sondern getrennt.
Trotz ihres Unmuts und ihrer Motivationslosigkeit im Hinblick auf die Zukunft erfahren beide Protagonisten viele Veränderungen im Laufe der Zeit. Diese runden Charaktere machen das Buch interessant. Besonders auffällig sind die Veränderungen in der Kindheit. Der Autor beschreibt äußerst detailliert, welche Konsequenzen ihr Trauma sowohl in Bezug auf ihr Verhalten als auch auf ihr Denken mit sich zieht und wie sie selbst im erwachsenen Alter unfähig sind, die Erlebnisse zu verarbeiten. Sie haben lediglich gelernt, mit den Folgen umzugehen. Hier zeigt der Autor die Problematik von Mattias selbstverletzendem Verhalten und der Magersucht, in die sich Alice flüchtet.
Um das grundsätzliche Thema, nämlich die Psyche der beiden, baut der Autor eine komplexe Liebesgeschichte auf. Als Leser lernt man bewusste und unbewusste Gedankengänge kennen, über die sich die Mehrheit zuvor wahrscheinlich keine Gedanken gemacht hat. Man ist erstaunt, wie der damals 25jährige Autor fähig ist, dem Leser geschickt, selbstverständlich und realistisch dieses äußerst komplexe Thema darzustellen. Manchmal erschrickt man fast über die Schamlosigkeit und Menschlichkeit, die manche Handlungen banal erscheinen lassen, obwohl dahinter ein verborgener Schrei der Hilflosigkeit steckt. Gespannt wartet man also immer auf die nächste Handlung unter Einfluss der psychischen Störungen und wird immer mehr in den Bann gezogen von Alices und Mattias Schicksal.
Allein aufgrund der schwierigen Thematik ist das Buch keinesfalls eine einfache Abendlektüre. Dies wird aber durch die unbekümmerte und angenehme Ausdrucksweise des Autors ausgeglichen und führt den Leser sicher durch die Handlung. Diese scheint zu Beginn ein wenig verwirrend, nicht zuletzt wegen der Zeitsprünge, wird aber vor allem gegen Ende unmerklich spannender. Die Geschichte erfährt einige unerwartete Wendungen, wobei letztendlich noch einige Fragen unbeantwortet bleiben.
 
Anna Horn


„Primzahlen sind nur durch 1 und durch sich selbst teilbar. Sie haben ihren festen Platz, eingeklemmt zwischen zwei anderen, in der unendlichen Reihe natürlicher Zahlen, stehen dabei jedoch ein Stück weiter draußen. Es sind misstrauische, einsame Zahlen. Deshalb fand Mattia sie auch wunderbar und dachte manchmal, dass sie irrtümlich in dieser Folge, aufgereiht wie Perlen einer Halskette, gelandet waren [...]“ (S. 155f.)
Und in eben dieser Rolle findet sich Mattia seit seiner Kindheit auch in der reellen Welt wieder, als Außenseiter, als Primzahl. In der dritten Klasse, aus dem Wunsch heraus, „normal“ zu sein, und endlich einmal dazuzugehören, lässt er seine schwerbehinderte Schwester Michela alleine in einem Park zurück, um ohne sie zu seiner ersten Einladung auf einen Kindergeburtstag zu gehen und verliert diese dadurch für immer. Dieser Verlust stürzt ihn in tiefe Verzweiflung und verursacht bei ihm starke Schuldgefühle. Als Folge dessen fügt sich Mattia regelmäßig Verletzungen an Händen und Armen zu, um sich selbst zu bestrafen. Der hochintelligente Junge kapselt sich immer mehr von seiner Außenwelt ab und flüchtet sich in eine Ersatzwelt, die Welt der Mathematik mit ihren klaren Strukturen und Gesetzen.
Doch als er die Schule wechselt, lernt er Alice kennen, ebenfalls eine Außenseiterin, und zwischen den beiden entsteht eine Freundschaft, basierend auf Distanz und Nähe zugleich.
Auch Alice leidet unter einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit: Von ihrem ehrgeizigen Vater zu einem Skikurs gezwungen, hat sie im Alter von sieben Jahren einen Skiunfall, nach dem eines ihrer Beine gelähmt ist. Alice lehnt ihren Körper immer mehr ab, sie findet sich hässlich und straft sich selbst durch Bulimie. Auch sie „verletzt“ ihren Körper. Sie will dazugehören und genauso hübsch und schlank wie die anderen Mädchen sein.
Verbunden durch diese Schicksalsschläge, baut sich ein tiefes Vertrauen zwischen beiden auf, und beide wissen, dass sie den anderen in ihrem Leben brauchen. Doch obwohl ihre Freundschaft auch ohne viele Worte und Gesten bestehen kann, zieht sich etwas wie eine unsichtbare Grenze zwischen sie und verhindert, dass sich die beiden wirklich nahe kommen. Zwangsläufig trennen sich ihre Wege, als Mattia wegzieht, weil er eine Stelle als Mathematiker an einer Universität angeboten bekommt. Alice lernt in dieser Zeit einen jungen Arzt kennen, den sie heiratet, doch ihre Ehe geht in die Brüche und als Mattia sie besuchen kommt, lassen sie die letzte Chance für sie, eine gemeinsame Zukunft zu beginnen, verstreichen: „In einem Seminar im zweiten Semester hatte Mattia gelernt, dass einige Primzahlen noch spezieller als die anderen sind. Primzahlenzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinander stehen, oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 oder 41 und 43 […] Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlenzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.“ (S. 155f.)
Und obwohl man sich wünscht, sie würden zusammenkommen, weil sie sich lieben, wird dem Leser am Ende das Gefühl vermittelt, dass es so sein muss, und dass es gar nicht anders hätte sein können.
Die vielen treffenden mathematischen Symbole, die Giordano in seinem Roman verwendet, sind wohl auf seine Laufbahn als Physiker zurückzuführen. Sein Roman spiegelt seine eigene Faszination durch die Welt der Zahlen wider, ebenso wie seine Schreibweise, die sehr strukturiert, fast akribisch konstruiert zu sein scheint. Mit der Schilderung zweier sich ähnelnder Lebensgeschichten von Außenseitern, kritisiert er die Oberflächlichkeit der Gesellschaft, in der es nur noch von Bedeutung zu sein scheint, hübsch zu sein, hip zu sein und dazuzugehören. Keiner der Außenstehenden will sich auf die Probleme derer einlassen, die nicht dazugehören.
Giordano behandelt zwar sehr schwierige Themen, wird diesen aber durch eine sehr einfühlsame Herangehensweise, durch seine geschickten Vergleiche und durch seine teils sehr drastischen Veranschaulichungen gerecht. Der Leser erfährt, wie sich traumatische Erlebnisse auf die Psyche auswirken können, wie sie Menschen, Familien und ihre Beziehungen zueinander tiefgreifend verändern und bestimmen, und schließlich wie diese Erlebnisse oft, gerade weil sie nicht angesprochen werden, trennend wirken, sich dadurch eine Grenze zwischen vorher Vertrautem aufbaut.
Obwohl das von Giordano gewählte Thema wohl eher eine erwachsene Leserschaft als Zielgruppe besitzt, war es nach seiner Veröffentlichung 2008 das meistverkaufte Buch in Italien und hatte eine große Bandbreite an Lesern ziemlich jeden Alters. Mit 27 Jahren bekam er für seinen Debütroman den wichtigsten Literaturpreis Italiens, den Premio Stega. Auf die Frage hin, ob die Ursache für die Beliebtheit seines Werkes in der resignativen Grundstimmung seiner Generation liege, antwortet der Autor in einem Interview des Spiegel online, dass die Traurigkeit der – wie er sie nennt – „Generation Praktikum“ schlimmer sei, als das Unglück seiner Protagonisten. Da viele seiner Freunde in Wirklichkeit keine Chancen für ihre Zukunft hätten, sei die Traurigkeit dieser jungen Leute nicht poetisch sondern real (Quelle). Paolo Giordano hat also mit seiner Thematik den Nerv einer zukunftslosen Generation getroffen, die sich in seinem Werk widerspiegelt.
Mir hat das Buch gefallen, weil ich unvoreingenommen  angefangen habe, es zu lesen. Es ist kein Roman für Leser, die eine Liebesgeschichte oder ein „einfaches“ Thema erwarten, sondern eine anspruchsvolle Lektüre, die dem Leser viele neue Impulse geben kann. Was mich persönlich daran gehindert hat, das Buch wegzulegen, ist der sofortige schnelle Einstieg in die Geschichte. Schon in der ersten Szene zieht Giordano den Leser mitten ins Geschehen. Durch seine klaren und prägnanten Formulierungen gelingt es dem Leser gut, sich in die Gedankenwelt und in die Gefühle der Protagonisten hineinzuversetzen, obwohl diese nicht die typischen Helden sind, die man in einer Geschichte erwartet. Außerdem gefällt mir, dass die Verzweiflung der Hauptpersonen die Geschichte zwar sehr prägt, aber trotzdem nicht dominiert. Da es immer wieder Hoffnungsschimmer gibt, wirkt die Geschichte nie völlig bedrückend. So kann ich sagen, dass dieses Buch, besonders wenn man sich für die Psyche des Menschen interessiert, sehr lesenswert und bereichernd ist und würde es jedem Interessierten weiterempfehlen.
 
Hanna Bachmann


„Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlenzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.“ Dieses Zitat stammt aus dem Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“, geschrieben von dem italienischen Autor Paolo Giordano. Der Roman mit dem Originaltitel „La solitudine dei numeri primi“ wurde 2008 veröffentlicht und von Bruno Genzler ins Deutsche übersetzt.
Da die Geschichte aktuelle Probleme der Gesellschaft aufgreift, kann meiner Meinung nach auf keine spezifische Zielgruppe geschlossen werden. Sein Werk ist der Gattung der Epik, speziell der Prosa einzuordnen, da es Gefühle bildhaft darstellt und genau beschreibt. Das Buch erzählt vom Prozess des Erwachsenwerdens zweier Kinder, die von unterschiedlichen, aber gleichermaßen ungewöhnlichen Schicksalsschlägen in ihrer Kindheit geprägt sind. Eine dieser Personen ist Alice Della Rocca. Sie hatte in früher Kindheit einen Skiunfall, der ein steifes, gefühlloses Bein zur Folge hatte. Diese körperliche Einschränkung führt dazu, dass sie sich in ihrer Jugend durch das Humpeln entstellt fühlt. Um diesen Makel auszugleichen, möchte sie den Rest ihres Körpers perfektionieren. Dabei rutscht sie jedoch in den Teufelskreis einer Essstörung ab, der sie nicht mehr loslässt. Auf dem Gymnasium lernt sie Mattia Ballosino kennen. Er ist ebenfalls ein Außenseiter und kennt das Gefühl der Einsamkeit, wie Alice, sehr gut, was sie letzten Endes auch verbindet. Trotzdem ist seine Vergangenheit eine komplett andere. Als Grundschulkind hatte er eine Zwillingsschwester namens Michela. Äußerlich waren sich die beiden sehr ähnlich. Michela hatte „die gleichen Augen […], [Mattias] Nase, exakt [Mattias] Haarfarbe “ (S.34). Doch  der Unterschied hätte, wenn man ihre geistigen Fähigkeiten miteinander vergleicht, nicht gravierender sein können. Mattia ist ein hochintelligenter Charakter, der soziale Kontakte grundlegend ablehnt und kein Freund von vielen Worten ist. Michela ist geistig behindert und lernt niemals sprechen. Mattia liebt seine Schwester, obwohl sie ihm das Leben erschwert und sie ihn in ihrer Jugend häufig in Verlegenheit bringt (vgl. S.32). Als er sie eines Abends, nachdem er sie (ohne Wissen seiner Mutter) im Park abgesetzt hatte, um ungestört auf eine Geburtstagsfeier zu gehen, dort wieder abholen will, ist sie spurlos verschwunden. Die Schuldgefühle treiben ihn dazu, sich zu ritzen und sich endgültig in seine Leidenschaft, die Zahlen, zu stürzen.
Zwischen Alice und Mattia entsteht eine enge und trotzdem distanzierte Freundschaft. Sie sind sich sehr wichtig und verbringen viel Zeit zusammen. Ihre seltsame Beziehung wird offensichtlich, als sie z. B. „auf Alices Bett [liegen], sie mit dem Kopf am oberen, er am unteren Ende, beide mit unnatürlich angewinkelten Beinen, um sich mit keiner Körperstelle zu berühren“ (S.142). Die Ziele dieser Zusammenkünfte sind banale, wie „einfach nur dort liegen und zu warten, dass der Sonntagnachmittag [vorübergeht] und der Zeitpunkt gekommen [ist], wieder etwas Notwendiges zu tun, wie zu Abend zu essen, zu schlafen und eine neue Woche zu beginnen“ (S.142) Dies wirft ein sehr eigenartiges Licht auf die ganze Situation. Hier wird die Bedeutung des Buchtitels klar. Im Buch erklärt Mattia ausführlich die Existenz der Primzahlen. Nun kann die Beziehung von Mattia und Alice definiert werden. Sie sind Mattias Meinung nach Primzahlzwillinge, die sehr weit hinten [stehen] und „zwischen denen immer eine gerade Zahl [steht], die verhindert, dass sie sich [berühren]“(vgl. S.155f.). Für jeden, den Leser und auch für die restlichen Charaktere im Buch, ist es offensichtlich, dass sie beide zusammengehören (vgl. S.117), aber trotzdem schaffen die beiden es nicht ihre Beziehung dauerhaft zu vertiefen.
Der Roman ist sowohl durch Teilüberschriften, die die Geschichte in Zeitabschnitte einteilen, als auch durch Kapitel gegliedert. Die Überschriften sind jedoch erst nach dem Lesen des jeweiligen Kapitels einigermaßen verständlich, aber selbst dann noch etwas verworren. Hiermit bestätigt der Autor noch einmal diese komplizierte Welt, in der die beiden leben und die sie an ihre Grenzen treibt.
Der Autor benutzt Alltagssprache und drückt Gefühle oft mithilfe von Metaphern und anschaulichen Adjektiven aus. So zum Beispiel wenn Mattia der ihm noch relativ unbekannten Alice erklärt, „dass er [gerne lerne], weil er dabei allein sein [kann], weil alle Dinge, die man [lernt] bereits tot, kalt und durchgekaut [seien]“ (S.110). Die Verwendung von bildhaften Adjektiven bestätigt nochmals die Vermutung des Lesers, dass Mattia sich das spurlose Verschwinden seiner Schwester nicht verzeihen kann und in einer tiefen Depression steckt. Paolo Giordano bestückt die Denkweise Mattias zusätzlich noch mit einer weiteren ungewöhnlichen Note. Kein normaler Junge würde die Lippen eines Mädchens, die „schmal und klar abgesetzt [sind]“ (S.80) mit den Worten beschreiben: „[…] als wäre ihr Mund wie von einem Skalpell gezogen“ (S.80).  Auch hier wird sein tiefsitzendes Problem verbildlicht.
Bei Alice verwendet er zunächst die ihrem Charakter angemessene Alltagssprache. Später aber, als sie an einer Essstörung leidet, ändert sich sowohl ihr Verhalten als auch ihre Ausdrucksweise und Reaktion auf Bemerkungen. Sie wird gegenüber Bemerkungen von Leuten, die sie, wenn auch nur indirekt, auf ihr Essverhalten ansprechen sehr sensibel und blockt diese sofort ab. Hier verwendet Giordano die typische Ausdrucksweise einer Süchtigen. Ihre Rechtfertigungen basieren auf Sätzen wie „Ich hatte eben keinen Hunger“ (S. 259). Ihre Reaktionen auf Anspielungen belaufen sich auf Gegenanschuldigungen, mit denen sie den Mitmenschen verletzten möchte, nur um von sich abzulenken (vgl. S.260).
Diese ganzen Aspekte und all die Details, mit denen er Gefühle und Verhalten beschreibt, lassen den Roman sehr realistisch und dramatisch wirken. In seinem Werk erkennt man oft den Italiener Paolo Giordano selbst. Paolo ist, wie Mattia, von Kindheit an ein Freund der Mathematik, da ihn klaren Strukturen und Ordnungen fast magisch anziehen. Er durchdachte schon als Kind alle Dinge sehr genau und möchte in seiner Erscheinung bis heute nicht weiter auffallen, sondern einfach sein Leben leben (Quelle).
In Teilaspekten kann sich sicher jeder mit einer Figur aus dem Roman identifizieren. Der Roman spricht eine immer aktuelle Problematik an, sodass das Buch nie aus der Mode kommt. Ich selbst habe das Buch als etwas verstörend empfunden, auch wenn der Zusammenhalt und die innere Verbundenheit zwischen den beiden Hauptcharakteren mich beeindruckten. Das „Verstörende“ basierte zunächst auf dem Druck, den all die detailliert aufgeführten Probleme, die dazu führten sich in den Charakter hineinversetzen zu können, aufbauen. Die Hauptursache war jedoch das Ende der Geschichte. Hier zerschlägt der Autor all die Hoffnungen des Lesers auf ein Happy End und bringt ihn zum Nachdenken, was man mit einer Romanfigur gemeinsam hat und ob man etwas in seinem Leben verändern muss, um nicht in dieser Einsamkeit zu enden. Ich konnte das Buch nicht in einem Zug durchlesen, da es mich auf emotionaler Ebene zu sehr aufgewühlt hat. Ich würde das Buch nur Personen empfehlen, die sich gerne mit ernsteren Themen in der Literatur befassen. In diesem Buch ist nur wenig Romantik oder Witziges zu finden. Trotzdem ist das Buch wunderbar geschrieben und sehr emotional.
 
Maria Anna Kehrer


In „Die Einsamkeit der Primzahlen“ begleitet der Autor Paolo Giordano Mattia und Alice, deren Lebensgeschichten fast parallel verlaufen, die sich näher zu kommen scheinen, um am Ende doch wieder eigene Wege zu gehen. Beide Geschichten nehmen ihren Ursprung in einer traumatischen Kindheitserfahrung, die die Protagonisten stets überschatten wird.
Alice soll gegen ihren eigenen Wunsch, aber nach dem Willen ihres Vaters Skifahren lernen; sie verunglückt und wird zum Krüppel, der für alle erkennbar humpelt. An diesem Tag verliert sie nicht nur das Vertrauen in ihren Vater, sondern auch den Anschluss an ein normales Leben mit gleichaltrigen Freunden und Freundinnen.
Mattia wiederum will ohne seine geistig zurückgebliebene Zwillingsschwester auf eine Geburtstagsfeier gehen und lässt sie in einem Park zurück. An seinen Befehl „Du bleibst also hier sitzen und wartest auf mich“ kann sie sich nicht halten. Als Mattia wieder zurückkommt und nach ihr sucht, ist sie verschwunden. Jeder Versuch, sie zu finden, scheitert, ihr Schicksal bleibt ungewiss. Und mit ihr entschwindet auch ein Teil von Mattias Persönlichkeit.
Bei beiden Protagonisten zeigen sich die seelischen Verwundungen auch früh körperlich. Während Alice ihrem Körper regelmäßig Nahrung entzieht und magersüchtig wird, zerstört Mattia bewusst seine Hände. Um seinen seelischen Schmerz zu überdecken, fügt er sich körperlichen Schmerz zu, erstmals direkt nach Michelas Verschwinden: „Als er [sich die Glasscherbe] in die Hand stach, spürte er keinen Schmerz, ja, er merkte es kaum. Dann begann er den Glassplitter im Fleisch hin und her zu drehen, damit er noch tiefer eindrang.“ (S. 41)
Auf der Geburtstagsfeier von Viola, einer Klassenkameradin von Alice, kommen sich die beiden Außenseiter näher, magisch angezogen vom Leid und der Andersartigkeit des Gegenübers.  Allerdings ist ihnen dies zu Beginn kaum bewusst, es sind vielmehr „die anderen, die zuerst bemerkten, was Alice und Mattia erst viele Jahre später begreifen sollten. Sie lächelten nicht und blickten in verschiedene Richtungen, als sie das Zimmer betraten, doch hielten sie einander fest an den Händen, und es war so, als flössen ihre Körper durch die sich berührenden Arme und Finger unablässig ineinander über.“ (S. 117)
Die aufkeimende Hoffnung des Lesers, dass sie gemeinsam eine Ausweg aus der Einsamkeit finden könnten, wird im weiteren Verlauf der Geschichte jedoch rasch enttäuscht. Alice flüchtet in die Fotografie und in die Ehe mit einem Arzt, während Mattia, der geniale Mathematiker, die Welt um sich herum mit Formeln und Zahlen zu kontrollieren versucht. Von ihm stammt auch der Vergleich mit den „Primzahlzwillingen“ (S. 155), der dem Roman seinen Titel gegeben hat: „Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.“ (S. 156)
So eindrucksvoll wie die Einsamkeit, das Leid und die Selbstzerstörung der Protagonisten beschrieben werden, so detailliert zeichnet der Autor auch die Nebenfiguren im Roman. Manche leiden unmittelbar unter der Unnahbarkeit von Mattia und Alice, andere kämpfen mit Problemen ganz anderer Natur wie zum Beispiel David, der versucht, mit seiner Homosexualität klar zu kommen.
Alle Figuren sind dabei klar entworfen, und ihre Handlungen und Gedanken werden in einfachen, knappen, teilweise schon lakonisch anmutenden Sätzen beschrieben, die ganz ohne Schnörkeleien auskommen. Nichts lenkt vom Wesentlichen ab, die höchst dramatische Geschichte um die beiden Jugendlichen wird nüchtern und unsentimental erzählt. Gerade dies macht ihr Leiden so glaubhaft und nachvollziehbar.
Insgesamt ist dem italienischen Schriftsteller und Mathematiker damit ein Debütroman gelungen, der nicht nur ein jugendliches Publikum zu fesseln mag, selbst wenn dieses sich natürlich am besten mit den Protagonisten identifizieren kann.
 
Iris Wagner

 

Katharina Hacker: Die Habenichtse


Katharina Hacker, Die Habenichtse, Frankfurt 2011 (Erstveröffentlichung 2006; 309 Seiten, 9,99€ im Fischer Verlag).


Der Roman behandelt vor allem problematische Themen, wie Gewalt, menschliche Triebe und Schuld einzelner Personen. Die beiden Protagonisten, Isabelle und Jakob, um die 30 Jahre, treffen sich nach zehn Jahren in Berlin wieder. Sie heiraten und ziehen zusammen nach London, wo sie beide ihrer Arbeit nachgehen. Jakob bekommt einen Platz als Rechtsanwalt in London, den eigentlich sein Freund antreten wollte, der aber bei dem Anschlag auf das World Trade Center 2001, während Jakob in Berlin war, umgekommen ist. Obwohl sie ein glückliches Leben führen könnten und nicht viel Leid erfahren, sind sie nicht mit ihrem Leben zufrieden und ihre Beziehung verschlechtert sich schon nach kurzer Zeit: Jakob ist von seinem Chef, Bentham, angetan und Isabelle beginnt eine Affäre mit dem Drogendealer und Kleinkriminellen Jim, der sie jedoch nur unterwirft und demütigt. Im Nachbarhaus von Isabelle und Jakob wohnen Sara und Dave, zusammen mit ihren gewalttätigen Eltern, von welchen die beiden Kinder täglich misshandelt werden.
Das Buch ist so aufgebaut, dass die Handlung zwischen den drei Perspektiven der verschiedenen Personen wechselt: Zum einen aus der Sicht von Isabelle und Jakob und deren Freundes- und Bekanntenkreis, dann aus dem Blickwinkel von dem Drogendealer Jim und zuletzt aus der Sicht von Sara und Dave und deren gewalttätigen Eltern. Die Perspektiven gehen teilweise ineinander über, da alle Personen in London wohnen und auch Bekanntschaft untereinander schließen. Auffällig in der Sprache sind vor allem die sehr langen Sätze, die meistens aus sehr vielen aneinander gereihten Hauptsätzen bestehen. Dies macht das Buch oftmals sehr langweilig, jedoch werden gleichzeitig die Gedankengänge der Personen sehr genau erkennbar. „Jim sah, daß ihre Turnschuhe dreckig waren, der halblange Mantel, den sie nicht zugeknüpft hatte, da die Sonne schien, schlug gegen ihre Schenkel, kräftige, nicht allzu lange Schenkel, er bildete sich ein, das Geräusch zu hören, ein leises Flappen von Stoff“ (S.153, Z.1ff.). So wird beispielsweise Isabelle von Jim gedanklich beschrieben, sodass der Leser sich ein deutliches Bild von der Person machen kann, was in manchen Fällen zu genau, unwichtig und doch nur oberflächlich erscheint. Der Roman enthält zudem einige Textpassagen in englischer Sprache, da Jakob und Isabelle nach London ziehen und die Sekretärin des zukünftigen Chefs von Jakob, englisch spricht. Auffällig ist auch, dass zwar wörtliche Rede verwendet wird, diese jedoch ohne Gänsefüßchen dargestellt ist, was manchmal zu Verwirrungen führt. Wichtig ist, dass Isabelle und Jakob jedes Geschehen nur passiv betrachten, so beispielsweise den Streit in der Nachbarschaft hören, jedoch nie irgendetwas dagegen unternehmen, sodass sie sich in jeder Hinsicht schuldig gegenüber anderen Menschen machen. Genau diese Teilnahmslosigkeit am Leben drückt auch der Unterlass von Gänsefüßchen aus, da hierdurch zunächst der Eindruck entsteht, dass gar keine wörtliche Rede enthalten ist. Im Gegensatz dazu zeigt sich Jim, der Isabelle zwar unterdrückt und demütigt, an einigen Stellen sehr emotional, sodass seine Verzweiflung über seine Lebenssituation zum Vorschein tritt. So sagt Jim an einer Stelle zu Isabelle: „Ich bin der Winter, ich bin der Tod“ (S.266, Z.21f.). Dabei wird gleichzeitig seine gewalttätige Art, jedoch auch sein Leid, dargestellt. Dies kennzeichnet auch den wesentlichen Unterschied zwischen Jim und Sara zu Isabelle und Jakob. So führen Jim und Sara ein nahezu hoffnungsloses Leben, versuchen jedoch trotz allem immer wieder neuen Mut zu fassen und das Leben, so weit es geht, zu „genießen“. Dagegen haben Isabelle und Jakob materiell alles, stehen sich aber, durch ihre Unzufriedenheit und Selbstverständlichkeit zu leben, selbst im Weg glücklich zu werden bzw. aktiv zu handeln. Besonders durch die Sprache wird auffällig, dass Isabelle und Jakob die eigentlichen „Habenichtse“ sind, da sich selbst jeder vollkommen fremd wird und sie somit von innen heraus alles verlieren, wie auch an dem Gedankengang Isabelles verdeutlicht wird: „[…] sie stand da, zitternd, wünschte, sie könnte dem eigenen Körper ausweichen, den sie vor sich sah wie auf den Fotos von Alexa, nackt und fremd“ (S.303, Z.7ff.).
Katharina Hacker erwähnt im Hintergrund des Romans das tragische Ereignis vom 11.September 2001, der Anschlag auf das World Trade Center. So kommt beispielsweise im Roman Jakobs Freund bei diesem Attentat ums Leben, wohingegen sich Jakob zu dieser Zeit auf einer Party in Berlin befindet, auf der er Isabelle nach zehn Jahren wieder trifft. Auch bekommt er anschließend die Arbeitsstelle in einer Rechtsanwaltskanzlei zugesprochen, die zuvor eigentlich für seinen Freund bestimmt war. Hieran wird sofort die Teilnahmslosigkeit gezeigt, da Jakob nach sehr kurzer Zeit wieder dem Alltagsleben nachgeht und sich kein einziges Mal mehr Vorwürfe oder Gedanken über das tragische Unglück macht.
Publishers Weekly schrieb zu diesem Roman: „[…] Die Prosa Hackers ist herausragend. Auf bewundernswerte Weise erkundet sie unser modernes urbanes Leben, von den rastlosen Habenden bis zu den verzweifelten Habenichtsen.“ Ich selbst würde die Prosa Hackers nicht wirklich als herausragend bezeichnen. An manchen Stellen empfand ich gerade die viel zu genaue Beschreibung der Vorgänge oder Personen ziemlich verwirrend. Doch werden dadurch natürlich viele Emotionen und Beweggründe klar dargestellt, wobei ich sagen muss, dass manchmal zu viele oberflächliche Beschreibungen, die nicht wirklich das Innere der Personen schildern, dargelegt werden. Dies wäre jedoch auch darauf zurückzuführen, dass die Autorin dies so beabsichtigt hat, um klar darzustellen, dass Jakob und Isabelle mit nichts zufrieden sind und kein Mitleid für andere empfinden. Auch sehe ich gewissermaßen, dass Isabelle und Jakob eine „Wandlung“ von den Habenden zu den Habenichtsen durchmachen. So bezieht sich der Buchtitel zwar auf alle dargestellten Figuren, jedoch besonders auf Isabelle und Jakob, da sie so unzufrieden sind, dass sie letztendlich immer mehr verlieren, vor allem ihre wahre Liebe zueinander und ihr Vertrauen - auch zu anderen Menschen.
Persönlich finde ich, dass die Sprache weitgehend gut gewählt ist, da hierdurch wirkliche Eindrücke zurückbleiben. Vor allem die Gewaltszenen und das Leiden der Menschen vergisst man nicht so schnell. Jedoch sind meiner Meinung nach manche Textpassagen zu genau beschrieben. So kommen Stellen in dem Roman vor, welche ich am liebsten überflogen hätte, da K. Hacker hierbei sehr perverse Szenen und die menschlichen Begierden und Triebe viel zu genau darstellt. Besonders der Schluss gefällt mir überhaupt nicht, da dieser viel zu abgehackt das Buch beendet, was sicherlich auch bei manchen Lesern einen positiven Eindruck hinterlässt. Was mich am meisten begeistert hat, war die Schilderung aus drei verschiedenen Perspektiven, was zunächst den Einstieg in das Buch erschwert, jedoch die Unterschiede der verschiedenen Personen sehr gut wiedergibt. Besonders dadurch kann man Isabelle und Jakob mit den anderen Figuren vergleichen. Die Handlungsgeschichte des Buches ist mir persönlich zu gewalttätig und leidvoll. So sind zu viele brutale Themen, wie beispielsweise die Misshandlung Saras oder verschiedene Totschläge usw., enthalten. Für mich gehört der Roman nicht zu den besten Büchern, die ich gelesen habe, jedoch ist auch bei mir ein fester Eindruck von der doch sehr realistischen Handlung geblieben und hat mich oftmals zum Nachdenken angeregt. Da der Roman teilweise ziemlich fesselnd geschrieben ist, ist es Ansichtssache, ob man sich für die Thematik begeistern kann oder nicht. Ich kann das Buch nur Jugendlichen und Erwachsenen empfehlen, denen ausführliche Schilderungen gut gefallen und die sich gerne mit problematischen Themen und Gewaltszenen auseinandersetzen.
 
Saskia Mühlon
 

Valium für die Leser

„Alles nur geklaut“, dieser Songtitel der „Prinzen“ trifft leider auch für diese Überschrift zu, die sich ein dem Roman überaus wohlgesonnener Rezensent bei Amazon einfallen hat lassen, die  jedoch in idealer Weise die Wirkung des Buches auf die meisten Leser aufzuzeigen scheint, das aus mir völlig unerfindlichen Gründen den Deutschen Buchpreis 2006 bekommen hat.
Worum geht es in diesem bei seinem Erscheinen vom deutschsprachigen Feuilleton hochgelobten Roman?  Eigentlich um drei verschiedene Handlungsstränge, die sich immer mehr aneinander annähern und schließlich zusammengeführt werden: Jakob und Isabelle, zwei gut aussehende  und erfolgreiche Yuppies Anfang 30, kennen sich aus ihren Freiburger Studentenjahren, in denen sie ein kurzes gemeinsames sexuelles Abenteuer hatten.  Am 11.9.2001 treffen sie sich in Berlin bei einer Party wieder, verlieben sich ineinander und beschließen, zu heiraten. Jakob ist inzwischen Anwalt in einer Berliner Kanzlei für Restitutionsfälle, Isabelle Mitinhaberin einer Grafikagentur. Aufgrund des Termins der Party entgeht Jakob dem sicheren Tod im WTC, da er eigentlich an diesem Tag dort arbeiten hätte müssen. Stattdessen bekommt er sogar den lukrativen Job seines Kollegen Robert, der beim Terroranschlag des 11. Septembers ums Leben kam, bei einer englischen Partnerkanzlei in London. Das junge Paar mietet sich ein schickes Reihenhaus im Londoner Norden, lebt jedoch  immer zielloser aneinander vorbei.  Im zweiten Handlungsstrang geht es um Sara und Dave,  zwei Londoner Kinder aus der Unterschicht, die mit Jakob und Isabelle Wand an Wand leben und von ihren Eltern total vernachlässigt und misshandelt werden. Schließlich geht es in einem dritten Handlungsstrang um den Kleinkriminellen Jim, einen Dealer, der in derselben Straße wie Jakob und Isabelle in Kentish Town wohnt.  Jim sucht seine Freundin Mae, die er in einem Anfall von Eifersucht schwer mit einem Messer verletzt hat,  und trifft auf der Straße zufällig Isabelle, die sich von ihm sexuell angezogen fühlt und sich auf Treffen mit ihm einlässt, von denen Jakob nichts weiß. Dieser ist jedoch auch kein Kind von Traurigkeit und hat wiederum sexuelle Erlebnisse, die er Isabelle verschweigt. Jakob und Isabelle bekommen von den schlimmen Ereignissen im Nachbarhaus etwas mit,  unternehmen jedoch nicht das Geringste. Schließlich spitzt sich die Situation zu, als Jim Sara und Isabelle wie Geiseln in seine Wohnung einsperrt …
Kein uninteressanter Plot, den sich Katharina Hacker da zusammenkonstruiert hat und der auch in der Tatsache, dass sich die einzelnen Handlungsstränge, wenn auch arg langsam, dennoch unerbittlich wie zwei  Züge auf einer eingleisigen Strecke aufeinander zubewegen, den Leser fesseln und überzeugen kann. Denn dieser erkennt bald, dass sich die Lebenslinien dieser Figuren schicksalshaft kreuzen werden.  Wer jedoch den hier vorgestellten Roman aufgrund dieses Spannungselementes lesen will, wird auf eine harte Probe gestellt, da sich die Ereignisse so kaugummiartig zäh hinziehen, dass wohl viele Leser nicht über die Hälfte des Romans hinausgekommen werden (siehe dazu die einschlägigen Rezensionen unter amazon.de).  Als der Roman nach einer ewig erscheinenden Flaute in der zweiten Hälfte dann doch etwas Fahrt aufnimmt und sich endlich ein erfrischenderes Lüftchen regt, möchte man freilich  noch wissen, was mit den herzlich unsympathischen Yuppies Jakob und Isabelle passiert, um schließlich festzustellen, dass eigentlich nichts mit ihnen passiert, was den ersten Satz des Buches „Alles wird anders“ (S. 7) kräftig konterkariert. Zugegebenermaßen könnte der jedoch von Hacker ironisch gemeint sein …
Was könnte nun ein nicht an der Handlung an sich interessierter Leser aus diesem preisgekrönten Werk an Freude und Erbauung ziehen? Mit Recht wurde von verschiedener Seite bereits darauf hingewiesen, dass die Habenichtse im Roman nicht unbedingt nur die im Roman beschriebenen Protagonisten der Londoner Unterschicht sind, sondern gerade Jakob und Isabelle als Vertreter einer  menschlich verarmten und ziellosen Yuppie-Generation, die Hacker hier in den Fokus nimmt. Sie sind die eigentlichen Habenichtse, leere Figuren, die wie blutleere Untote unter anderem mit leicht pervers erscheinenden sexuellen Abenteuern ihre nichtige Existenz zu füllen versuchen. Da wünscht man sich an manchen Stellen des Buches doch einen Bruce Willis herbei, der diesen Schatten großkalibrig den Garaus macht! Doch ohne ihn hat der Leser ein entscheidendes Problem: Mehr als 300 Seiten über völlig nichtssagende (Isabelle und Jakob) bzw. extrem unsympathische und andauernd verschwitzte Zeitgenossen, wie Jim einer ist, lesen zu müssen, ist eine echte Überdosis an Valium für den Leser. Leider wird das Buch auch nicht dadurch besser,  dass das Ganze mit möglichst vielen aktuellen Themen wie 11. September, Irakkrieg, Big Brother, hippes Leben in London („Primerose Hill ist posh“ (S.86)) gewürzt ist, nicht zu vergessen dabei auch mit dem bei  Hacker aufgrund ihres Judaistikstudiums unvermeidlichen Thema „Juden und Deutschland“, das nur leider in endlosen langweiligen Tiraden über irgendwelche Anwälte wie Mr. Bentham, über dessen Stricherneigungen wir nebenbei mehr als wünschenswert informiert werden,  und deren durchzusetzende Restitutionsansprüche abgehandelt wird.
Muss es uns interessieren, dass Isabelle unreife Avocados kauft und sie wie immer zum Reifen „auf die Fensterbank legt“ (S. 140)? „Die kleinen, überflüssigen Dinge fehlen hier, dachte Isabelle, während sie abstaubte.“ (S. 150). Diesen Vorwurf kann man dem Roman nun wirklich nicht machen, sie sind so überreich vorhanden, dass das Durchhaltevermögen des Lesers schon arg strapaziert wird!
„Sie könnten im Garten Tee trinken, unter einem Kirschbaum, einem Nußbaum, unser Leben, wollte er ihr sagen, und daß sie daran denken solle, an den Garten und wie sie Tee trinken würden, unter einem Kirschbaum oder Nußbaum, von der Küche mit dem Tablett direkt in den Garten, der Kirschbaum in voller Blüte.“ (S. 26) Leider ist es dieser, nennen wir ihn vorsichtig einmal eigenartige Stil der „begabtesten Autorin ihrer Generation“ (so Friedman Apel in seiner FAZ-Rezension des Buches vom 25.3.2006), der die Lektüre dieses Buches an vielen Stellen geradezu ungenießbar macht und die hin und wieder aufblitzenden treffenden Beobachtungen und stilistisch gelungenen Aperçus vergessen lässt.
Nichtsdestotrotz lohnt sich die Lektüre an einigen Stellen dann doch: Es ist schon beeindruckend, wie die Autorin sich in einen widerlichen Drogendealer oder ein behindertes Mädchen hineinversetzen kann und uns an deren Gedankenfetzen und -flut teilhaben lässt. Diese großartigen Passagen, die dem Leser aufgrund der Brutalität der Ereignisse und der verschimmelten und stinkenden Wohnungen, die geschildert werden, einiges an Stehvermögen abverlangen, zeigen, wozu Frau Hacker fähig wäre, wenn sie nur wollte. „Schuld durch Unterlassung“? Kritiker dieses Buches haben dieses Thema als Grundproblem der Protagonisten Isabella und Jakob ausgemacht. Im Roman „Die Habenichtse“ wäre allerdings häufig weniger mehr gewesen! Eine nicht uneingeschränkt zu empfehlende Lektüre, auf keinen Fall für laue Sommertage!
 
Raimund Trosbach

 

Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. – Zwei Leben


Eric-Emmanuel Schmitt, Adolf H. – Zwei Leben (Im Original: La Parte de l’autre), Paris 2001 (510 Seiten, 9,95€ bei Fischer, 2010)


Mit „Adolf H. – Zwei Leben“ beschreibt Schmitt zwei parallel laufende Biographien: Die Biographie des Diktators Adolf Hitler, der an der Kunstakademie mit seiner Bewerbung gescheitert ist, und die fiktive Biographie des Kunstmalers Adolf Hitler, der aufgenommen worden ist. Die Thematik „Was wäre geschehen, wenn die Kunstakademie Adolf Hitler aufgenommen hätte?“ erlaubt es Schmitt, Hitler seinem Publikum als Menschen, „[b]anal wie du und ich“ (485), darzustellen. Laut Schmitt ist es eine „[g]efährliche Naivität“ (485), Hitler als ein menschenfernes Ungeheuer zu sehen. Deshalb wird es zu einem wichtigen Thema, Hitler zu verstehen, was aber nicht rechtfertigen bedeutet. Geschickt verpackt in diesen Rahmen stellt Eric-Emmanuel Schmitt so Umstände, Faktoren und Reize dar, die einen Mensch in seiner Entwicklung beeinflussen.
Der an der Kunstakademie gescheiterte Adolf Hitler wird durch diese Niederlage und die schwere Kindheit zu einem verschlossenen, aber von sich selbst überzeugtem Charakter, der viele Probleme in Wien erfährt, schließlich sogar auf der Straße landet. Überzeugt von Deutschland meldet er sich, nachdem er durch einen Hungerstreik bei der österreichischen Armee als kampfunfähig begutachtet worden war, bei der deutschen Armee und kämpft, die Heimat liebend wie kein anderer, an der Front, jeden Angriff überlebend. Der sich immer mehr steigernde narzisstische Charakter pflastert Hitlers Weg zum Diktator, zum Führer Deutschlands.
Der an der Kunstakademie aufgenommene Adolf Hitler zeigt andererseits humane Eigenschaften, nachdem er von dem jüdischen Arzt Sigmund Freud, der die Psychoanalyse betreibt, von seiner schrecklichen Kindheit geheilt worden war. Als auch der Kunststudent den Krieg an der Front überlebt, wird sein Leben von Freundschaft, Liebe und Schicksalsschlägen bestimmt.
Schmitt trennt diese beiden verschiedenen Biographien förmlich durch Absätze, die es fast immer möglich machen, den Handlungsvorgang genau nachzuvollziehen und nichts durcheinander zu bringen. Durch aufklärende, schroffe oder rätselhafte Aussagesätze am Ende eines Abschnittes wird die Spannung aufrechterhalten, der Leser wird, bildhaft ausgedrückt, hungrig auf die Fortsetzung. Auch wird der Lesefluss durch alternierende Passagen garantiert, die zwischen Rede, Beschreibung oder Erklärung wechseln. Kursiv gedruckte Gedankengänge machen es dem Leser außerdem möglich, die einzelnen Charaktere deutlich zu verstehen und sie somit deutlich voneinander zu unterscheiden. Mit hypotaktischem Satzbau, der zusätzlich durch Ellipsen verstärkt wird, beschreibt der Autor die harten Fakten des Kriegsalltags und lässt sie den Leser begreifen. („Gebrüll.[..]Geschrei. Verwirrung. Schüsse. Schläge. Fluchten.“ (286)) Die Gefühle des Kunstmalers Adolf H. sind im Gegensatz hierzu meist parataktisch dargestellt, was auch hier die Humanität des Letzteren untermalt und der Intention des Autors, „Hitler zu verstehen“, nachgeht. Durch häufige Repetition wichtiger Gedanken oder Tatsachen brennt Schmitt sie dem Leser förmlich ein. Auch bildhafte, metaphorische Phrasen erlauben es dem Publikum, das Unbegreifliche – Hitler – ein bisschen besser zu begreifen. So werden die Reden Hitlers als sexueller Akt bezeichnet, da der Diktator die eigentliche Sexualität strikt verweigerte. Hitler befriedigt als Ersatz die Menge: „[Die Menge] stöhnt. Er wechselt den Rhythmus. Sie schnurrt und klagt zugleich. Er beschleunigt. Das Herz geht hoch. Sie kommt.“ (356) Durch diese eher schlichte stilistische Ausprägung, die aber geschickt gewählt ist, und eine insgesamt durchschnittliche Sprachebene verfolgt Schmitt abermals sein Ziel: Hitler zu verstehen, nicht aber seine Handlungen zu rechtfertigen.
Eric-Emmanuel Schmitt wandte sich nach seinem Erfolgsbuch „Evangelium nach Pilatus“, das über Jesus erzählt, nun vom Guten dem Bösen zu. „Dem Licht folgt der Schatten.“ (485) Gerade weil Hitler oft ein Tabuthema ist, will er darüber berichten, er will die Menschen verstehen lassen. Obwohl er selbst 1960 geboren ist, kein Deutscher und kein Jude ist, hat ihn das Thema des Dritten Reiches seit der Kindheit nicht mehr losgelassen (vgl. 481-482). 
Hitler verstehen. Mit diesem meiner Meinung nach berechtigten Ziel erreicht Schmitt natürlich aber auch, gerade in der Biographie des Kunstmalers oder teilweise auch in der des Diktators, dass Sympathien für die Person Hitler geweckt werden. Das menschliche, liebende und immer wieder Schicksalsschlägen ausgesetzte Wesen des Kunstmalers macht ihn zwar verständlich, aber genau das Verstehen kann auch falsch interpretiert werden. Trotz des Mitgefühls mit dem Kunstmaler sollten die beiden Biographien dennoch nachhaltig klar getrennt werden, was meiner Meinung nach eine gewisse Reife und Verstand voraussetzt. Auch wenn nicht beabsichtigt, besteht die Gefahr zur Verharmlosung Hitlers durch die zweite Biographie. Ein weiterer Kritikpunkt besteht in dem plötzlichen Sprung des werdenden Diktators in das Antisemitische. Schmitt betont, dass Hitler erst nach dem Krieg judenfeindliche Gedanken bekommt und vorher judenfreundlich lebt. Aufgrund der Hypnose durch den Arzt Forster und der darauffolgenden Vision, dass die Juden wegen der jüdischen Offiziere an der Niederlage des Krieges Schuld tragen, stellt sich mir diese Sicht als unglaubwürdig dar. Kann Hitler durch Hypnose in einer Nacht einen so tiefsitzenden Hass auf die Juden entwickeln? – Meiner Meinung nach diskussionswürdig. Dies bestätigt sich, da Schmitt in seinem Nachwort erklärt: „Auch wenn ich nicht glaube, daß diese Hypnose Hitler tatsächlich verändert hat, interessiert sie mich dennoch, […].“ (498) In der Visionsszene wird aber genau das Gegenteil dargestellt: Hypnose, Vision, Judenhass. An das Thema anknüpfend ist es auch fraglich, ob der Kunstmaler Adolf H. durch die Psychoanalyse Freuds von der durch seinen Vater verursachten schrecklichen Kindheit fast ohne Spuren geheilt werden kann. Kleine Auswirkungen hat eine solche Kindheit meiner Meinung nach trotzdem noch auf ein Leben. Der Kunstmaler Adolf H. scheint sie aber regelrecht vergessen zu haben. Etwas enttäuschend war die Biographie des Kunstmalers Adolf H., aber auch geprägt von der hohen Erwartung. Zwar hat Schmitt sein Ziel erreicht, einen menschlichen Adolf H. zu konstruieren, jedoch wirkt die Handlung oft oberflächlich und sinnlos, geprägt von Liebe und Sexualität oftmals zu sehr in die Länge gezogen. Auch die politischen Ereignisse werden mit Ausnahme des Blitzkrieges gegen die Polen, einem autoritären Staat und der technischen Fortschritte der Deutschen vernachlässigt. Gerade in Bezug auf die politischen Geschehnisse ohne den Diktator Hitler hätte Schmitt dies mehr vertiefen können, ja sogar müssen.
Allerdings gelingt es Schmitt sehr gut, seinem Ziel nachzugehen. Gerade durch diese menschliche Seite, die sich in der Biographie des Kunstmalers finden lässt, bringt er dem Leser sein Ziel, Hitler zu verstehen, nahe. Durch die vielen bewusst gewählten Gegensätzlichkeiten zwischen den zwei Personen Hitler stellt der Autor hier sehr gut dar, dass es oft die Umstände sind, die einen Menschen zum Ungeheuer werden lassen und dass man Hitler deshalb nicht völlig von sich distanzieren darf. Beispiele der Gegensätze: Der Diktator ist verschlossen, der Kunstmaler hegt die Freundschaft mit 2 Studenten, schreibt rührende Briefe. Der Diktator sieht Sexualität als eigene Schwäche an, der Maler lernt sie schnell zu schätzen und hat später sogar eine Familie. Die Geliebten des Diktators sind ihm unterwürfig, bringen sich wegen ihm um, der Maler allerdings sieht seine Geliebten durch tödliche Krankheiten sterben. Mit diesen Paaren gelingt Schmitt die Distanzierung der beiden Figuren gut. Wie oben schon erwähnt, ist das Buch nicht langweilig, Schmitts stilistisches Können lässt den Lesefluss aufrechterhalten und das obwohl die Biographie des Diktators von Fakten geprägt ist. Die Biographie des gescheiterten Malers bietet außerdem einen groben, guten Überblick über das Leben Adolf Hitlers, von der Machtergreifung bis zum Selbstmord. Schmitt ist es auch gelungen, eine Nachwirkung zu erzielen, sodass ich mich auch nach dem Lesen gedanklich mit dem Inhalt auseinandersetze. Durch sein 30-seitiges Nachwort bringt Schmitt außerdem seine Intentionen klar zum Ausdruck und beugt so gefährlichen Fehlinterpretationen vor.
Fazit: Sicherlich kein Meisterwerk, aber ein gelungenes Buch, um sich einen groben Überblick über das Leben des Diktators und die Umstände, die ihn zu diesem grausamen Handeln bewegt haben, zu verschaffen. Man kann Hitler besser verstehen und die Gefahr der Rechtfertigung ist eher gering. Die Lektüre wird nicht langweilig und ist gut verständlich. Wer sich allerdings große politische Ausführlichkeit von der fiktiven Biographie erwartet, bleibt enttäuscht. Mit einer gewissen Reife des Lesers ist dieses Buch sicherlich trotzdem sehr empfehlenswert. 
Anhang: Friedrich Nietzsche wird von Schmitt in Bezug auf die antisemitische Propaganda als eine führende Kraft bezeichnet. Im aktuellen Religionsunterricht aber wurde uns gelehrt, dass der Nationalsozialismus Nietzsches Gedanken des „Übermenschentums“  missbraucht und für ihre Zwecke auslegt. Nietzsche soll daher kein Antisemit gewesen sein. Somit wäre die Aussage Schmitts falsch. (Da ich weder die genaue Seitenzahl wiederfinde und auch keine konkrete Quelle außer dem Unterricht vorlegen kann, bleibt das sozusagen eine Theorie und ich habe es deshalb nur in den Anhang gestellt.)
 
Julius Wagner
    

„Adolf Hitler durchgefallen“ war der Satz, der das Leben für Adolf Hitler am 8. 10. 1908 komplett veränderte. Doch wäre alles ganz anders gekommen, wenn er damals die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie geschafft hätte? Mit dieser Frage beschäftigt sich Eric-Emmanuel Schmitt und erzählt in seinem Roman die Geschichte Adolf Hitlers, wie sie sich wirklich zugetragen hat. Parallel dazu schildert er das Leben Adolf Hitlers, nachdem dieser an der Kunstakademie aufgenommen wurde.
Mit nur einem einzigen Satz bricht für Hitler eine Welt zusammen. Er sieht sich als Künstler, doch nun muss er sich mit dem Malen von Postkartenmotiven über Wasser halten. Nachdem er als Soldat im 1. Weltkrieg verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird, hypnotisiert ihn ein Arzt, wodurch Hitler nach der Hypnose wie verwandelt ist und beschließt Politiker zu werden. Mit seinem Plan verändert er das Leben Millionen von Menschen und prägt gleichzeitig die Geschichte Deutschlands. Ob Schicksal oder nur Zufall, er überlebt sämtliche Angriffe und Anschläge, die ihm gelten und kann somit ungehindert seine Pläne ausführen.
Neben dem wahren Leben Hitlers erzählt Eric-Emmanuel Schmitt, wie Adolf Hitler bei der Kunstakademie aufgenommen wird, sodass er sich zu einem bekannten Künstler entwickeln kann. Mit seinen beiden Freunden Bernstein und Neumann wird er zum 1. Weltkrieg eingezogen. Durch harte Schicksalsschläge, unter anderem den Tod seines Freundes Bernstein im Krieg, wird er zum Pazifisten, nicht zuletzt weil er selbst im Krieg schwer verwundet wird. Nach seiner Genesung trifft er die Französin Elf-Uhr-Dreißig, die er kennen- und lieben lernt. Doch ihr plötzlicher Tod veranlasst ihn, seine Künstlerlaufbahn niederzulegen. Nach einiger Zeit lernt er Sarah Rubinstein kennen, aus deren Beziehung die Zwillinge Rembrandt und Sophie hervorgehen. Nach Sarahs Tod wandert er nach Amerika aus, wo er 1970 stirbt.
„Keine politische Lösung, keine Verhandlungen, ich werde niemals kapitulieren. Solange ich noch einen Soldaten habe, werde ich kämpfen. Wenn mich der letzte Soldat im Stich lässt, werde ich mir eine Kugel in den Kopf jagen. Allein durch meine Person schütze ich Deutschland vor einem schandbaren Waffenstillstand. Allein durch meine Person bewahre ich Deutschland vor der Katastrophe.“ (S. 456). Schwer vorstellbar, dass ein Mensch solch eine Einstellung haben kann. Diese Stelle ist eine der markantesten für mich in diesem Buch. Sie zeigt, wie fixiert Adolf Hitler auf den Sieg war und wie überzeugt er selbst von seiner Person war – er sah sich als Retter. Eric-Emmanuel Schmitt gelingt es sehr gut, die Person Adolf Hitler und vor allem seinen Charakter mithilfe solcher Zitate darzustellen.
Mich fasziniert an diesem Buch, dass es dem Autor gelungen ist, das fiktive Leben Hitlers so real darzustellen, als hätte es sich wirklich auf diese Weise zugetragen. Genau so überrascht war ich, wie detailliert das reale Leben Hitlers geschildert wird, jedoch werden manche Handlungen unnötig in die Länge gezogen oder auch Handlungen mit eingebaut, die in meinen Augen irrelevant erscheinen. 
Ich bin jedoch der Meinung, dass dieses Buch nicht für jedermann geeignet ist. Man sollte über ein gewisses Hintergrundwissen verfügen, vor allem, wenn es um das reale Leben von Adolf Hitler geht. Außerdem birgt auch die Sprache einige Hindernisse mit Fremdwörtern und Fachvokabular, zum Teil mit sehr verschachtelten Sätzen, die den Leser ab und an dazu veranlassen, eine Passage erneut zu lesen.
Nationalsozialismus und Antisemitismus sind nicht nur wichtige Themen im Schulfach Geschichte,  auch viele Autoren setzen sich noch heute mit den Geschehnissen in ihren Büchern auseinander, obwohl für viele Menschen, vor allem die Person Adolf Hitler, ein „Tabuthema“ (S. 486) ist, wie der Autor dieses Buches selbst sagt. Außerdem behandelt dieses Buch Themen wie Psychologie, Krieg und wohin autoritäre Macht führen kann – nämlich in unermessliches Leid. Der Autor selbst hat dieses unermessliche Leid zwar nicht miterlebt, aus der persönlichen Geschichte aber, die sich ebenfalls in diesem Roman befindet, geht hervor, dass er, nachdem er einen Film über die Geschehnisse des Nationalsozialismus gesehen hat, sich immer wieder die Frage stellte, wie ein Mensch zu solch einem „Monstrum“ werden kann. Er selbst sagt: „… Ausschwitz, die Zerstörung Berlins und das Feuer von Hiroshima sind von jenem Tag an Teil meines Lebens.“ (S. 482) Mit diesem Roman versucht er, die Eindrücke zu verarbeiten und zu begreifen, dass Hitler auch nur „ein gewöhnlicher Mensch […] wie du und ich“ (S. 485)  war.
Der Roman ist auf keinen Fall ein Buch, das man „mal schnell nebenbei lesen kann“. Es fordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers, um die Zusammenhänge klar verstehen zu können. Ich kann das Buch vor allem an Leute weiterempfehlen, die sich für die Geschichte zu dieser Zeit bzw. die „Geschichte der Deutschen“ interessieren.
 
Andrea Volz


In seinem Roman „Adolf H. – Zwei Leben“ erzählt der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt eine Geschichte, die ihren Anfang am 8. Oktober 1908 hat. Auf der einen Seite seiner Geschichte zeigt er den Verlauf, wie in fast jeder kennt: Adolf Hitler wird an der Kunstuniversität abgelehnt und macht seinen Werdegang als deutscher Diktator des Dritten Reiches, verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg und in Folge dessen für den Tod von 50 Millionen Menschen. Parallel zu diesem Lebenslauf erzählt Schmitt wie es gewesen sein könnte, hätte die Kunstuniversität diesen Mann, von ihm stets als Adolf H. bezeichnet, eine Zusage erteilt. Adolf H. macht seine Laufbahn als Maler, er kämpft ebenfalls im Ersten Weltkrieg, jedoch für Österreich. Die Weltgeschichte jedoch nimmt eine ganz andere Laufbahn. Knapp beschrieben sieht man, dass statt einer nationalsozialistischen eine konservative Regierung in Deutschland die Oberhand gewinnt und Ludwig Beck Reichskanzler wird. Deutschland erobert lediglich Polen und verlangt seine Gebiete zurück, es kommt kein Zweiter Weltkrieg zustande.
Die Übersetzung des französischen Originals kommt ohne viele Fremdworte aus. Der Roman ist in einer sehr einfachen und sehr verständlichen Sprache verfasst und daher auch gut zu lesen. Das wichtigste Merkmal meiner Meinung nach ist, dass der Schriftsteller Schmitt sehr viel mit Gedankengängen arbeitet, er lässt seine Charaktere etwas sagen und fügt sofort den Gedankengang hinzu, den der jeweilige Charakter in diesem Moment vollzogen hat. Schön zu sehen am Beispiel: „Nun haben sich die Dinge anders entwickelt, und wir werden wohl ein paar Jahre brauchen, um die Russen zu besiegen. Er dachte: Wir werden die Russen nie besiegen. Die vereinigten Staaten waren so unvorsichtig, sich in den Konflikt einzumischen, und werden nun von den Japanern vernichtet werden. Er dachte: die Japaner haben gegen die Amerikaner Keine Chance.“ (S. 422-423).
Des Weiteren fällt auf, dass Eric-Emmanuel Schmitt sehr häufig mit Dialogen arbeitet, um dem Ganzen eine gewisse Lebendigkeit zu verleihen, grade in Momenten, in den beispielsweise Streitigkeiten aufkommen oder wichtige Entscheidungen getroffen werden. Zudem hat der Autor eine gewisse Neigung Dinge sehr sehr genau zu beschreiben, was bestimmten Stellen einen gewissen Nachdruck verleiht.
Ich selbst finde den Ansatz des Buches sehr gut, er befasst sich damit nicht direkt mit der anscheinenden Inkarnation des Bösen, Adolf Hitler, sondern er beschäftigt sich damit, ob diese Boshaftigkeit wirklich angeboren ist oder es jedem und jeder von uns passieren kann, in solch eine Rolle zu rutschen?! Jedoch macht es sich der Autor meiner Meinung nach zu einfach. Er verschiebt damit fast die komplette Schuld eines solchen Ereignisses wie dem Zweiten Weltkrieg auf eine berechtigte Absage einer Kunstuniversität an einen jungen Künstler. Es hätte noch so viele Wege geben können, sich anderweitig weiterzuentwickeln, als zu so einem Menschen zu werden. An diesem Buch stört mich am meisten, dass reine Phantasie mit einem wahren Lebenslauf parallel gesetzt wird, und man durch die abwechselnde Erzählweise häufig zwischen den Personen verrutschen kann und so die zwei voneinander unabhängigen Personen etwas verschmelzen können.
Jedoch ist es ein so schwieriges und komplexes Thema, mit dem sich Eric-Emmanuel Schmitt befasste, dass es für mich verständlich ist, den meisten Erwartungen an ein solches Buch nicht gerecht werden zu können.
 
Rene Sendelbach


Eric-Emmanuel Schmitt beschreibt in seinem Roman „Adolf H. – Zwei Leben“ parallel zum uns bekannten Leben des Diktators Adolf Hitler das Leben des Adolf H., wenn dieser am 8. Oktober 1908 an der Wiener Kunstakademie aufgenommen worden wäre. Zunächst fällt dieser beim Zeichenunterricht mit Aktmodellen in Ohnmacht, überwindet seinen diagnostizierten Ödipuskomplex dann aber durch eine Therapie bei Sigmund Freud und durch seine zahlreichen Liebschaften in Wien. Durch den Ausbruch des Krieges im Jahr 1914 wird Adolf an die französische Front geschickt und dadurch zum Pazifisten. Nach dem Krieg geht er nach Paris und wird dort ein angesehener Maler in der Kunstrichtung des Surrealismus.  Aufgrund des Todes seiner französischen Geliebten wendet sich Adolf von der Malerei ab und zieht nach Berlin. Erst die Parfümeurin Sarah Rubinstein, die er schon aus Paris kennt, später heiratet und Zwillinge mit ihr bekommt, ermutigt ihn wieder zu malen, sodass Adolf in den 40er und 50er Jahren zu einem weltberühmten Künstler wird. Nach dem Tod von Sarah zieht er nach Kalifornien und stirbt dort 1970 friedlich in einem Krankenhaus.
Die beiden Erzählebenen trennt Schmitt formal nur durch Absätze. Sprachlich nennt er Adolf Hitler in der Variante, in der er an der Kunstakademie angenommen worden ist, Adolf H., während er in der Variante, in der er abgelehnt worden ist und Diktator wird, ausschließlich Hitler genannt wird, so wie er auch heute nach dem Zweiten Weltkrieg und der Judenverfolgung oft noch genannt wird und was daher eher abfällig klingt. Außerdem fällt auf, dass Schmitt sich viel mehr in die Rolle des Adolf H. hineinversetzten kann und konsequent aus seiner Perspektive erzählt, während er sich in der Version des Hitlers in jeden Charakter hineinversetzen kann.
Nachdem Eric-Emmanuel Schmitt als Kind einen Film über die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges gesehen hat, haben diese ihn nicht wieder losgelassen und waren „von jenem Tag an Teil [seines] […] Lebens“ (S. 482, Z.30f.). Aber nicht nur deshalb schrieb er „Adolf H. – Zwei Leben“, sondern auch aufgrund seines Humanismus, der nur dann von Bestand ist, wenn er sich nach seinem Theaterstück „Evangelium nach Pilatus“, indem er die Versuchung der Liebe erforscht hat, der Versuchung des Bösen nähert (Vgl. S.485, Z.2ff.).
Eric-Emmanuel Schmitt hat meiner Meinung nach die Intention, darzustellen, wie divergent der Lebensweg von Adolf Hitler, das politische Weltgeschehen und damit die ganze Geschichte gewesen wäre, wenn er an der Kunstakademie angenommen worden wäre, erfüllt. Man erkennt in dem Roman von Anfang an, wie die beiden Handlungsstränge immer mehr auseinandergehen und wie Adolf Hitler sich zu einem anderen Menschen entwickelt, auch durch den Einfluss der Gesellschaft, die erheblich auf das Verhalten eines Menschen einwirken kann.
Durch innere Monologe Hitlers wird sein Größenwahn sehr deutlich. Er „träumte [lieber] […], was er tun würde, als daß er es tat“ (S.98, Z.34). Er „entwickelte in seinem Schädel die Sage von seinem Leben, welche von tausend Lobeshymnen, tausend berauschenden Komplimenten, viel Ehr und Ruhm säuseln würde, weltweit“, (S.98, Z.35ff) da er „ein für allemal beschlossen [hatte], daß er ein genialer Maler sei, und dies, noch bevor er einen einzigen Pinselstrich getan hatte“ (S.99, Z.28ff.).
Teilweise zieht Schmitt das Buch jedoch unnötig in die Länge, was zum Beispiel Adolf H.s Ohnmacht, wenn er ein Aktmodell sieht oder seine anschließende Affäre mit Ariane, genannt Stella, betrifft, was beides nicht wesentlich für seinen weiteren Lebensweg ist und die Spannung dadurch abreißen lässt. Generell wird das Buch meiner Meinung nach erst richtig spannend, wenn Adolf Hitler sich im Krieg befindet und des Öfteren deutlich wird, dass es noch viel mehr Möglichkeiten gegeben hätte, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 zu verhindern, wenn er zum Beispiel bei dem Gasangriff im Krieg nicht nur verletzt worden, sondern umgekommen wäre. Vorher ist der Leseprozess meiner Meinung nach eher langwierig.
Schmitt ist es aber auch „ziemlich egal, ob es gefällt oder nicht“, (S.509, Z.14) da er „nicht auf Vergnügen […], sondern auf Verstehen“ (S. 485, Z.7f) aus war. Er hat „durch das Schreiben dieses Buches […] viel gelernt“ (S.509, Z.22), und auch als Leser kann man einiges lernen, wenn man in Hitler keine Ausnahmeerscheinung mehr sieht, sondern begreift, dass er ein gewöhnlicher Mensch war (Vgl. S.485, Z.12ff.).
Abschließend ist der Roman „Adolf H. – Zwei Leben“ jedem zu empfehlen, der sich wirklich für den Zweiten Weltkrieg und das Leben des Adolf Hitler interessiert und bestenfalls auch schon Vorkenntnisse hat, ansonsten ist es wahrscheinlich eher weniger mitreißend und nicht gut nachvollziehbar. Insgesamt wäre das Buch leichter zu lesen gewesen, wenn Eric-Emmanuel Schmitt gerade am Anfang einige Fremdwörter weniger verwendet hätte.
 
Maxine Röser


„Warum tue ich mir das an?“, fragt sich Eric-Emmanuel Schmitt im Anhang seines Romans „Adolf H. - Zwei Leben“, der vom Autor angefügt wurde, um die Probleme zu erläutern, die er sich mit dem Schreiben dieses Buchs über den realen und einen Parallelwelt-Hitler selbst auferlegt hat.
„Warum tust du mir das an?“, frage ich genervt zurück. Doch ich bekomme keine befriedigende Antwort.
 

Was wäre, wenn...?

Was wäre, wenn Adolf Hitler die Aufnahmeprüfung zur Kunstakademie in Wien geschafft hätte? Diese Frage stellt sich Schmitt, wie anscheinend schon viele andere vor ihm. Und er findet darauf auch eine Antwort. Seine Antwort.
Schmitt wechselt zwischen Abschnitten über den „echten“ Hitler und solchen über seinen erfundenen, netten Adolf H. in einer Art Parallelmontage.
Adolf H. durchschreitet in diesem stellenweise extrem konstruiert wirkenden Szenario (...er trifft Menschen wie Chaplin, Keaton, Breton und, wie krank ist das denn bitte, Max Jacob, der in der Realität wie seine Familie auch im Holocaust umkam...) ein Leben, das dem seines „realen“ Pendants kaum ähnelt. Es wird mir beispielsweise gezeigt, wie Hitlers Beziehung zu Frauen tatsächlich war, und wie hingegen Adolf H., aufgrund diverser Ohnmachtsanfälle bei einem Aktzeichenkurs während des Studiums von den Kommilitonen verspottet,  durch die darauffolgenden Behandlung bei Dr. Freud (ja, bei DEM Dr. Freud) von seiner Frauen-Phobie geheilt wird. Außerdem erfahre ich, wie Hitler den Ersten Weltkrieg erlebt und dabei die Juden hassen lernt. Adolf H. hingegen wird während des Kriegs in seiner Liebe zu Freunden gestärkt und findet sogar durch eine besonders herzliche Krankenschwester zumindest annähernd zu Gott.
Diese Montage zieht sich durch die gesamte Lebensgeschichte der zwei Hitler, wobei bemerkt werden muss, dass Schmitt trotz der angeblichen Geschichtstreue bei der Darstellung der echten Geschehnisse hin und wieder Fehler unterlaufen sind.
Letztendlich stirbt Schmitts falscher Hitler 1970 nach einem relativ erfüllten Leben.
 

Will ich das wissen?

„Will ich das wissen?“, so lautet die Frage, die ich mir nach fast jedem zweiten Satz dieses Romans stelle. Und so wird für mich das Lesen zur Qual, wobei man mich nicht falsch verstehen darf. Handwerklich ist das Buch sicher solide geschrieben, die Sprache ist klar und flüssig lesbar, die Geschichtchen des Adolf H. sind teilweise unterhaltsam und harmlos, blendet man den historischen Hintergrund aus, sicherlich auch stellenweise recht lustig. Nur kann ich das leider nicht. Ich kann nicht ausblenden, wer Adolf Hitler wirklich war. Ich will mir nicht einreden lassen, dass das Schicksal es halt nun mal nicht so gut mit dem „armen Kerl“ gemeint hat, und dass dieser Mensch nur aufgrund einer Entscheidung vom massenmordenden Wahnsinnigen zum „Schwiegersohn-Hitler“ hätte werden können, den sich alle Mütter für ihre Töchter wünschen würden. Und auch hier darf man mich nicht falsch verstehen. Ich sehe Hitler nicht als das Über-Monster, das ultimative Böse. Hitler hatte, soweit ich das aus diversen Berichten herauslesen kann, mit Sicherheit nette und charmante Züge, egal ob man das nun wahrhaben möchte oder nicht. Anders wäre er vom Volk wohl nie so begeistert akzeptiert und verehrt worden. Ich halte es sogar für wichtig, Hitler als Menschen zu sehen, nicht als die Inkarnation des Bösen. Eine Diabolisierung zum Antichristen wäre alles andere als hilfreich.
Aber will ich wirklich darüber lesen, was ein „Typ-wie-du-und-ich-Hitler“ so alles unternimmt? Will ich mit ihm leiden, mit ihm lachen, mit ihm sein Erstes Mal erleben? Will ich über den schüchternen Adolf H. kichern, der nach und nach zum feurigen Liebhaber wird? Die Antwort  brennt sich mir bei jedem weiteren Satz des Romans mehr und mehr ein: „Nein, das will ich nicht wissen!“ Es ist mir völlig egal, ob Hitler Spaß beim Sex hatte, oder wusste, wie man Frauen befriedigen kann – oder eben auch nicht. Es ist mir egal, ob er eigentlich ein gar nicht so unbegabter Maler war, und nur die nötige Unterstützung brauchte, um seine wahre Kunstfertigkeit erst entfalten zu können. Und Eric-Emmanuel Schmitt muss mir auch nicht zeigen, „ob nicht morgen tatsächlich du es bist oder ich es bin“ (siehe Arbeitsjournal), der zum neuen „Hitler“ wird. Ich weiß, dass es noch viele wahnsinnige Massenmörder geben wird. Aber ich brauche es definitiv nicht, dass man mir so eindringlich zu beweisen versucht, Adolf Hitler sei eigentlich ein Kumpel-Typ mit ein paar Fehlern gewesen und nur eine winzige Entscheidung hätte als Schaltstelle genügt, um Millionen von Menschen das Leben zu retten.
 

Schmitts Ansichten

Das alles liegt vielleicht daran, dass ich Adolf Hitler, also den echten, realen, wahnsinnigen Hitler, unter dessen Namen Morde an und Experimente mit Millionen von Juden, Homosexuellen, Behinderten und anderen Menschen befohlen und durchgeführt wurden, im Gegensatz zu Schmitt nicht als „Halunken“ (siehe Arbeitsjournal) betrachte. Ein Halunke, das ist ein kleiner Gauner, ein Betrüger, ein Dieb vielleicht. Aber das ist nicht Hitler. Bei einem „Halunken“ könnte ich mir vorstellen, dass auch für mich das Konzept dieses Buchs, diese Parallelweltphantasie, funktionieren könnte. Sie könnte mich wahrscheinlich wirklich unterhalten. Aber nicht mit dem Protagonisten Hitler. Denn er war alles andere als ein Halunke.
Auch scheint Schmitt generell andere Schlussfolgerungen zu ziehen und Gedankengänge zu haben als ich. So schreibt er beispielsweise in seinem „Arbeitsjournal“ über die Forschungen und Theorien zu Hitlers Sexualität. Ständig gäbe es zu diesem Thema eine neue Theorie, sie sei aber „immer eine perverse“. Im gleichen Atemzug schreibt er, diese Theorien seien mal „sadomasochistisch […], skatologisch“, oder – und jetzt kommt das, was mich stutzen lässt – „homosexuell“. Ganz ehrlich, ein Buch eines Menschen, der Homosexualität als „pervers“ bezeichnet, muss ich nicht unbedingt lesen. Weiter rechtfertigt er seinen Versuch, Hitler als Mensch und nicht als Dämon darzustellen, damit dass es zwar nachvollziehbar sei, dass Homosexuellen der Gedanke nicht gefallen würde, Hitler sei homosexuell gewesen, jedoch Heterosexuellen auch gleichermaßen der Gedanke nicht gefallen könne, Hitler sei heterosexuell gewesen. Mein lieber Herr Schmitt, im Namen Hitlers wurden heterosexuelle Menschen nicht aufgrund ihrer Sexualität hingerichtet oder der Wissenschaft zu bestialischen Versuchen überlassen. Homosexuelle schon. Es besteht da also ein klitzekleiner Unterschied.
Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, dass Schmitt bei seiner Passion, Hitler als Menschen darzustellen (...er schreibt, er habe „den ganzen Tag geweint beim Schreiben des Briefes von Adolf H. an seine Freunde, als er im Krankenhaus sein Ende gekommen glaubt. Er (Adolf) w[e]rd[e] menschlich.“), wesentlich wichtigere Aspekte aus den Augen verliert.
 

Chaosforschung betreiben

Und so komme ich zu meiner ursprünglichen Frage zurück: „Warum tust du mir das an?“ Schmitts Antwort ist mir mittlerweile klar, er will mir mit seiner Chaosforschung zeigen, dass hinter dem Monster ein Mensch steckt. Aber das muss er mir nicht zeigen, das wusste ich schon zuvor. Alles, was mir bleibt, sind hypothetische Informationen zu einem Mann, über den ich so etwas eigentlich gar nicht wissen will, von einem Autor, der einige Einstellungen hat, die mir von Grund auf unsympathisch sind, und der sich genötigt fühlt, sich nach dem Ende seines Romans in einem Arbeitsjournal für sein Werk zu rechtfertigen.
Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das Buch in den Weiten der elektronischen Bucht oder in der Versenkung verschwinden lassen werde. Aber ich sollte gut über diese Entscheidung nachdenken. Vielleicht verändert sie mein Leben ja grundlegend.
 
Andreas Schmittfull

 

Jan Weiler: Drachensaat


Jan Weiler, „Drachensaat“, Hamburg 2008 (398 Seiten, 9,95€ bei Rowohlt)


„Bernhard, Sie leiden unter dem Zens-Syndrom.“ Mit diesen Worten des „Psychiaters“ Dr. Heiner Zens beginnt für einen der Protagonisten in Jan Weilers Roman „Drachensaat“, Bernhard Schade, ein neuer und folgenschwerer Lebensabschnitt. Und dabei sind folgenschwere Ereignisse in Bernhards Leben nicht gerade Mangelware. Als der glücklich verheiratete Architekt seinem behinderten Sohn, zu dem er ein nicht ganz ungetrübtes Verhältnis hat, zum 16. Geburtstag einen ganz speziellen Vater-Sohn-Abend im Bordell gönnt, und wenig später auch noch indirekt dessen Unfalltod verursacht, findet dieser Abschnitt ein jähes Ende. Wozu das führt, erleben wir gleich zu Beginn des Romans: Bernhards kläglicher Versuch, sich bei den Bayreuther Festspielen medienwirksam eine Kugel in den Kopf zu jagen, was leider als Attentatsversuch missverstanden wird und dem verunglückten Selbstmörder deutschlandweit den Titel als „Irrer von Bayreuth“ einbringt. So landet er schließlich nach Aufenthalten in Krankenhaus und psychiatrischer Klinik in der Villa Unruh, um am Forschungsprojekt des Dr. Zens, dem Spezialisten und Namensgeber für das Zens-Syndrom, teilzunehmen. 
Das Syndrom erschwert es den Patienten, in der menschenfeindlichen modernen Leistungsgesellschaft zurechtzukommen, was irgendwann dazu führt, dass diese durch eine scheinbar verrückte Aktion in Erscheinung treten. Und Bernhard ist nicht alleine damit. Nach und nach erweitert Dr. Zens den Kreis der Gäste in der Villa Unruh um vier weitere Versuchskaninchen, die alle eines gemeinsam haben: Sie alle sind durch Wahnsinnstaten der Öffentlichkeit bekannt geworden. Da ist z.B. die Sachbearbeiterin Rita Bauerfeind, „die fette Frau, die Luft isst“, die v. a. im Internet durch ihre besondere Angewohnheit zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat. Der schwule Busfahrer Ünal Yilmaz verleiht seiner Unzufriedenheit über die Ungerechtigkeit und Unhöflichkeit der Gesellschaft Ausdruck, indem er als Kläger in nicht weniger als 472 Prozessen auftritt. Als er eines Tages beschließt, an den Haltestellen einfach nicht mehr zu halten, bringt ihn das zwei Tage auf die Titelseiten der BILD-Zeitung. Der Postbote Arnold März hat seit seiner Kindheit Angst vor eigentlich allem, unter anderem vor Briefschlitzen, Klingeln und Menschen. Das führt dazu, dass er im Lauf der Jahre tonnenweise Post bei sich zu Hause hortet, von der er glaubt, sie irgendwann noch zuzustellen. Als schließlich das Haus unter dem Gewicht der Briefe zusammenbricht, kommt auch Arnold ins Fernsehen. Der „Muttimörder“ Benno Tiggelkamp (Jan Weiler Leser werden ihn gleich wieder erkennen!) lebt noch bei seiner Mutter, sammelt Rauchverzehrer und tut sonst sehr wenig. Auch als seine Mutter eines Tages eines natürlichen Todes stirbt, tut er nichts. Die Reaktion der Medien, als die Mutter Jahre später im Fernsehsessel entdeckt wird, kann man sich wohl vorstellen.
Die fünf scheinbar gescheiterten Existenzen bilden zusammen die Drachensaat. In Anlehnung an die griechische Sagenwelt prägt Dr. Zens diesen Begriff, um auszudrücken, dass sie die Gesellschaft verändern können, welche die eigentliche Schuld an ihrer missglückten Biographie trägt. Heilung ist laut des Arztes nur möglich durch einen „großen Handlungsexzess“, den er gemeinsam mit ihnen vorbereiten möchte. Die Drachensaat kann sich voll mit Zens´ Idee, den als skrupellos bekannten Geschäftsmann Dr. Martin Barghausen medienwirksam zu entführen, identifizieren. Und zwar so sehr, dass man sich schließlich nicht mehr mit der rein theoretischen Aktion zufrieden gibt.
Jan Weiler setzt mit „Drachensaat“ an zum Rundumschlag gegen verschiedenste Bereiche der Gesellschaft, insbesondere gegen die Art, wie die Medien mit Menschen und deren Privatsphäre umgehen. Wenn im Buch vom Privatsender RTV1 und dessen zweifelhaften bis dümmlichen Sendungstiteln die Rede ist, hat der Leser direkt lebhafte Bilder vor Augen.  Er hält aber auch den Lesern selbst den Spiegel vor, indem er die unkritische Masse der Zuschauer als Mitverursacher dieser Entwicklung kritisiert. Und die Internetgemeinde macht sowieso alles mit, was ein neuer Trend sein könnte.
Der erste Teil des Buches erzählt die Geschichte der „Drachensaat“ aus der Sicht von Bernhard Schade. Der Leser erlebt so alle Höhen und Tiefen der Protagonisten hautnah mit und erkennt, dass hinter den scheinbar Wahnsinnigen doch immer sehr verletzliche und auch verletzte Persönlichkeiten stecken. Ein direktes Identifizieren mit den Charakteren fiel mir persönlich aber doch eher schwer – da sind wohl die speziellen Eigenheiten doch zu prominent.
Im zweiten Teil des Buches berichtet das „Entführungsopfer“ in Form eines Aussageprotokolls von seinen Erlebnissen mit der Drachensaat. Jan Weiler schafft es hier meiner Meinung nach sehr gut, die sehr sozial unverträglichen Ansichten des kapitalistischen Musterknaben Barghausen doch sehr plausibel darzustellen und auch Kritik an dem Teil der Bevölkerung zu üben, der sich allzu sehr auf die staatliche Unterstützung verlässt, ohne dabei ein komplettes Feindbild aufzubauen. Gleichzeitig erkennt auch ein Dr. Barghausen die Nöte der Ausgegrenzten und setzt sich am Ende sogar für die Drachensaat ein.
Welch feiner Beobachter Jan Weiler ist, zeigt sich v. a. im letzen Teil des Buches, einer Zusammenstellung verschiedenster Berichterstattungen über die Geschehnisse. Treffender könnten die Artikel und v. a. die Überschriften von BILD, Bunte, Süddeutscher Zeitung und anderen bekannten Blättern kaum formuliert sein. Besonders erschreckend, weil so vertraut, ist das, was im Zuge der „Drachensaat“- Ereignisse in der Fernwehwelt passiert. Dass der Schrottsender RTV1 (man sorgt sonst mit Sendungen wie „Vier gegen Mutti“, „Schlag zu!“ oder „Stripduell“ für Quoten) von der ganzen Geschichte profitiert, scheint irgendwie doch gar nicht so weit hergeholt. Man macht sich über die unangepassten Witzfiguren lustig und alle machen mit.
Wer Jan Weiler kennt, weiß, dass er ein Meister der Alltagsgeschichten ist. Wer jedoch lustige Familiengeschichten à la „Mein Leben als Mensch“ oder „Mama, ihm schmeckt’s nicht“ erwartet, wird sich auf den ersten Seiten von „Drachensaat“ erst einmal gehörig erschrecken. Die Geschichte ist teilweise doch sehr bizarr und die Gedankengänge der Protagonisten nicht immer sympathisch. Der Witz und die Kritik sind hier meist zwischen den Zeilen versteckt, meiner Meinung nach aber umso intelligenter und spannender.
Alles in allem ist das Buch wohl nicht nur für ausgesprochene Jan Weiler Fans wie mich lesenswert, sondern auch für „Neueinsteiger“. Ein bisschen Sinn für schrägen Humor kann aber definitiv nicht schaden.
 
Hanne Hilpert


Jan Weilers Roman „Drachensaat“, erschienen im September 2008, verlegt durch den Rowohlt Taschenbuch Verlag mit dem Umfang von 397 Seiten, kritisiert die aktuelle Gesellschaftsform und zeigt auf, wie sich fünf gescheiterte Existenzen von einem zwielichtigen Psychiater manipulieren lassen.
Bernhard, Ünal, Rita, Arnold und Benno haben eines gemeinsam: Sie sind verrückt. So lautet zumindest das Urteil der Gesellschaft. Um ihr Leben dennoch in den Griff zu bekommen, werden sie mehr oder weniger freiwillig in das sogenannte „Haus Unruh“ eingeliefert, in dem sie von Dr. Zens betreut werden. Dieser behauptet, dass sie an dem sogenannten „Zens-Syndrom“ erkrankt sind. Zur Therapie gehört auch der oft verwendete Begriff des „großen Handlungsexzesses“. Kurzerhand setzt das Quintett die nur theoretischen Pläne ihres Psychiaters in die Tat um und entführt die „Galionsfigur des Kapitalismus“, den Topmanager Martin Barghausen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Die Gruppe nennt sich „Drachensaat“ und kämpft für ein humaneres Miteinander.
Jan Weiler thematisiert in seinem Roman vielschichtig die Verblödung und Verrohung der Gesellschaft. Auf seiner Homepage nennt er das Werk eine „wunderbare Metapher für die heutige Zeit“ (www.janweiler.de). Egal ob Justiz, Medienlandschaft oder Fastfoodrestaurants, Weiler erkennt die Abscheulichkeiten des jeweiligen Bereichs und kritisiert sie präzise.
Der Roman kann in drei Teile gegliedert werden. Zuerst erhalten wir aus der Perspektive eines Patienten mit dem Namen Bernhard Schade Einblicke in den Alltag im Sanatorium und in die Personenkonstellation. Die sehr persönliche Schreibweise führt dazu, dass man eine gewisse Sympathie für die Patienten empfindet und so etwas wie eine Beziehung zu ihnen aufbaut. Man kann hier schon die Tragödie erahnen, die sich später ereignen soll, da Bernhard immer wieder zukünftige Ereignisse kurz erläutert. Im zweiten Teil schildert das Entführungsopfer Martin Barghausen seine 10 Tage im Gewahrsam der „Drachensaat“. Diese Entführung verändert sein Leben für immer und Barghausen lässt durchblicken, dass er Verständnis für die Gruppe hat. Außerdem erfährt man durch den Perspektivenwechsel ebenfalls, dass selbst einem Topmanager längst nicht alles in den Schoß fällt. Der letzte Teil darf als eine Collage von Medienberichterstattungen gesehen werden. Hier werden interessante Hintergründe aufgedeckt und Brücken zu bisher ungelösten Handlungsfragmenten geschlagen. Dieser stetige Perspektivenwechsel darf als größte gestalterische Auffälligkeit angesehen werden.
Interessant ist auch die überspitzte Berichterstattung der BILD im dritten Teil, ebenfalls auffällig ist die deutliche Kritik an Stefan Raabs „TV-Total“. Die im Roman als TVTV benannte Sendung wird lächerlich gemacht. Diese Ausschnitte zeigen, dass Jan Weiler eine sehr gute Kenntnis der deutschen Gesellschaft besitzt und auch die Probleme anspricht, die am schwersten wiegen. Die Medien sind der Hauptgrund für die oben genannte Verrohung der Sitten.
Als ich das Buch gelesen habe, war ich einige Male voller Scham. Weiler spricht an, wie erbärmlich unsere Gesellschaft doch sein kann. Ich musste mich persönlich einige Male hinterfragen, ob ich wirklich besser und nach besseren Idealen handle als einige Personen in diesem Buch. Der Roman regt zum Nachdenken an, dies garantiere ich. Die ersten zwei Teile haben mir sehr gut gefallen, der letzte Teil dagegen war etwas langwierig und schmälert den Lesespaß erheblich dadurch, dass hier auf eine überpeinliche Wiedergabe der Ereignisse geachtet wird. Alles in allem kann man von einem gelungenen Roman sprechen, der nicht an Seitenhieben spart aber auch etwas kürzer hätte ausfallen können.
 
Felix Roßmann


Der Roman von Jan Weiler mit dem Titel „Drachensaat“ wurde erstmalig am 29. August, 2008 vom Kindler-Verlag veröffentlicht. Er umfängt 400 Seiten und ist für einen Kaufpreis von 19,90€ als gebundene Ausgabe zu erhalten.
Auffällig ist zunächst der Aufbau des Romans, denn „Drachensaat“ gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil des Buches wird aus der Ich-Perspektive von Bernhard Schade erzählt. Als Architekturstudent hat er seine Frau Ariane kennengelernt und wurde früh Vater. Jedoch leidet sein Sohn Udo an Trisomie 21, dem „Downsyndrom“, womit Bernhard nicht zurechtkommt. Er hat zwar Erfolg im Beruf und wird gefragter Architekt, jedoch nicht in dem Bereich, den er sich gewünscht hätte. So kümmert er sich notgedrungen um seinen Sohn und betrügt seine Frau, bis seine Welt gänzlich zerbricht. Seine Frau lässt sich scheiden, er lebt von Sozialhilfe und säuft. Auf tragische Weise will Bernhard seinem Leben ein Ende setzen, was aber nicht wie geplant funktioniert, und er landet schließlich in einer Art Psychiatrie im Haus „Unruh“. Dort versammelt ein gewisser Herr Doktor Zens letztendlich fünf psychisch kranke Personen, in deren Leben einmal so richtig etwas schiefgelaufen ist. Die Schuld an ihrer gescheiterten Existenz soll nach Zens aber nicht bei ihnen liegen, sondern in der Gesellschaft zu finden sein. Bei den anderen Patienten handelt es sich um Rita Bauernfeind, die im Internet bekannt ist als „fette Frau, die Luft isst“, Ünal Yilmaz, der scheinbar grundlos einen Linienbus entführt hat, bis der Tank leer war, Arnold März, der als Briefträger die Post zu Hause hortete, anstatt sie auszutragen, und Benno Tiggelkamp, der neun Jahre neben seiner toten Mutter lebte.
Der zweite Teil des Romans wird aus Sicht von Martin Barghausen erzählt, ein einflussreicher Mann in der Wirtschaft, der in Form eines Aussagenauszugs (Prozessbericht) den weiteren Handlungsverlauf preisgibt.
Teil 3 besteht aus Zeitungsartikeln, Fernsehausschnitten und Radiomeldungen. Offenbar haben die 5 Protagonisten schon wieder geschafft, in die Medien zu gelangen.
Bezüglich der Sprache beweist Jan Weiler sein Können besonders in Form des Charakters Ünal Yilmaz, der sich stets gewandt auszudrücken weiß. Zudem werden Weilers sprachliche Fähigkeiten vor allem im dritten Teil sehr deutlich, in dem er es verblüffend gut schafft, den jeweiligen Schreibton der verschiedenen Zeitungen zu treffen. Es gibt zum Beispiel Ausschnitte aus der BILD-Zeitung, bei denen man genau weiß, dass sie so auch in dieser Zeitung stehen würden. An dieser Stelle wird auch deutlich, wie die Sachverhalte aus Sicht der Medien abgelaufen sind und wie unterschiedlich bzw. teilweise nicht wahrheitsgemäß diese berichten. Des Weiteren werden die Charaktere sehr detailliert dargestellt, wodurch man sich gut in sie hineinversetzen kann. Meiner Meinung nach beherrscht Jan Weiler es hervorragend die Protagonisten seinem Leser vorzustellen, wobei seine Sprachbegabung äußert unterhaltend ist und er ihre Schicksale einfühlsam beschreibt, ohne sich über sie lustig zu machen. Allgemein fand ich die Lebensgeschichten der fünf Charaktere, die alle Ausgestoßene aus der Gesellschaft bzw. „scheinbare Verrückte“ sind und mit denen Jan Weiler Kritik an Gesellschaft und Politik übt, sehr interessant. Dass es sich bei dem Roman „Drachensaat“ um ein zutiefst gesellschaftskritisches Buch handelt, dass zum Nachdenken anregt, wird weiterhin besonders anhand eines 8seitigen Monologs vom Charakter Ünal Yilmaz deutlich (S.92f). Darin lässt er sich ausführlich und sehr kritisch über die gesamte Gesellschaft aus, was mir gut gefallen hat. Als Beispiel genügt ein kurzer Ausschnitt: „Wir leben in einer von Dummheit beherrschenden Zeit in einem dem Untergang geweihten Land. Unsere Politiker sind selbstgerechte Lügner, unsere Arbeitgeber Diebe, und die Jugendlichen nehmen sich daran ein Beispiel. Die wenigen Bürger, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen, werden in U-Bahnhöfen verprügelt oder für ihre Mildtätigkeit verspottet.“
 
Philipp Zöller


Der Roman „Drachensaat“ von Jan Weiler erschien im September 2008 mit einem Umfang von 397 Seiten. Der Rowohlt Verlag verkürzte die ursprünglich 600 Seiten zwingend, da der Verleger der Auffassung war, dass die Geschichte sich hinauszögert.
Das Schicksal der fünf ausgegrenzten Menschen, die die Gesellschaft positiv zu beeinflussen und zu verändern versuchen, wird in drei Teilen des Romans geschildert. Der Aufbau ist ziemlich klar strukturiert und der Perspektivenwechsel, der  jeweils am Anfang eines Teils des Romans stattfindet, lässt den Unterschied verschiedener Sichtweisen deutlich erkennen.
Im ersten Teil werden die Lebensgeschichten der fünf ausgegrenzten Personen durch einen selbstbetroffenen Protagonisten erläutert. Aus der Sichtweise eines erfolgreichen Mannes, der im höchsten Rang der Gesellschaft als Topverdiener steht, wird der darauf folgende Teil verfasst. Die Presseschau, die in der Perspektive der Massenmedien im letzten Teil des Romans durch die journalistischen Fähigkeiten des Verfassers, die ihn besonders auszeichnen, geschrieben wurde, zeigt dem Leser noch einmal auf, wie tagtäglich ihre eigene Meinungsbildung manipuliert wird.
Wie erwähnt ist der Text von Drachensaat zwanghaft verkürzt worden. Diese Entscheidung ist meiner Meinung nach richtig getroffen. Die detaillierte und perfektionistische Schreibweise von Jan Weiler zögert die ganze Geschichte hinaus. Der Höhepunkt des Romans befindet sich gegen Ende. Dafür sorgen die einzelnen Presseberichte, die das ganze Geschehen durch neue Informationen aufdecken. Jedoch werden auch einige Handlungen, über die der Leser schon Bescheid weiß, noch einmal, verändert von den Massenmedien, wiederholt. Das lange retardierende Moment im Roman wirkt sehr negativ auf die Lesefreude. Es entsteht ein nicht endendes Buch-Gefühl.
Allerdings ist die Geschichte so gut verknüpft, dass eine Situation vorhersehbar wird. Die Vorahnungen, die sich später als richtig erweisen, motivieren und regen den Leser noch mehr zum Denken an.
Die Thematik des Romans erweist sich auch als leicht erkennbar und verständlich.
„Drachensaat“ ist ein zutiefst gesellschaftskritisches Buch, das ein aktuelles Thema ziemlich neutral und klug behandelt. Es geht hierbei um die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich. Ein Großteil unserer Gesellschaft versucht über die Runden zu kommen, währenddessen die „Top-Manager“ durch ihre fragwürdigen Leistungen leicht verdientes Geld erlangen. „Drachensaat“ zeigt unterschiedliche Sichtweisen, die zu einer gerechtfertigten Antwort der Thematik führt.
Insgesamt ist Drachensaat ein lesenswertes Buch, das durch verschiedene Sichtweisen die aktuelle Gesellschaftsproblematik professionell behandelt und zum Nachdenken anregt.
 
Yasin Kavlakli
 

Benedict Wells: Spinner


Benedict Wells, Spinner, Zürich 2009 (307 Seiten, 10,90€ bei Diogenes).


Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Ein Spinner – ein Chaot mit verrückten Ideen, ein Lebenskünstler ohne Limits, ein Tagträumer ohne festen Halt im Alltag. Diese Assoziationen des Begriffs „Spinner“ charakterisieren treffend den Protagonisten Jesper Lier des gleichnamigen Romans. Ein Jahr nach der Publikation seines Debütromans „Becks letzter Sommer“ veröffentlicht der junge Autor Benedict Wells mit dem autobiographisch angehauchten Buch „Spinner“ die Geschichte eines Antihelden, der eine turbulente Woche in Berlin erlebt.
Als der 20-jährige Jesper Lier am Anfang des Romans planlos, ziellos und vor allem perspektivlos durch die Straßen der Hauptstadt irrt, singt er leise eine Songzeile: „Tried to run, tried to hide, break on through to the other side! “ (S. 18, Z.26). „Zur anderen Seite durchbrechen“, genau das möchte er erreichen, deshalb könnte diese Textzeile zu der zentralen Bedeutung des Romans werden. Auf dem Weg zu diesem Ziel hält jedoch sein Leben noch viele Hürden für ihn bereit. 500 km von seiner Heimat München entfernt spielt er seiner Familie eine heile Scheinwelt vor mit Freundin, Studium und festem Halt im Leben. In Wahrheit lebt er in einem Kellerloch, scheut jeglichen Kontakt zur Außenwelt und schreibt an seinem Jahrhundertwerk „Der Leidensgenosse“; im Laufe der Geschichte könnte man meinen, er schreibt über sein eigenes, misslingendes Leben. Er verliebt sich Hals über Kopf, versucht über eine familiäre Tragödie hinwegzukommen und verfällt in einen Drogen- und Alkoholrausch. Über sieben Tage begleitet man Jesper Lier durch die Hürden des Alltags, mit all den Ängsten, die unsere Generation angeblich für uns bereithält.
Nicht nur die formale Kapitelunterteilung in Wochentagen, sondern auch der subtile Humor sowie der ironische Erzählstil Wells tragen zu einem flüssigen Lesen des Buches bei. Durch teilweise direkte Ansprache an den Leser wird man mitten in das Geschehen einbezogen. Leider schweift Wells in vielen Facetten zu weit aus - interessante Stellen, wie Jespers Entjungferung, beschreibt er dann jedoch nur in einem Satz: „und dann schliefen wir miteinander“ (S.174, Z.11). Auch die Jugendsprache, die der Ich-Erzähler oftmals mit Ausdrücken wie „Geilheit“ (S. 56, Z.1) oder „Mistding“ (S. 14, Z.13) an den Tag legt, mag nicht zu der wunderschönen Beschreibung der Lippen seiner ersten Liebe passen. Witzige Dialoge mit Jespers schwulen Freunden Gustav und Frank lockern diese Anomalie jedoch wieder auf.
Die Frage ist nur, schafft es Jesper Lier als Antiheld zu einem Happy-end? Wagt er den Schritt aus seiner verflochtenen Lebensspirale in ein neues Leben? Zumindest der Autor, der wie der Protagonist nach seinem Abitur nach Berlin zog, um sich neben Gelegenheitsjobs dem Schreiben widmen zu können, hat dies erreicht. Benedict Wells gilt derzeit als einer der interessantesten Nachwuchsautoren, die die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Ein Grund von vielen, eines seiner Bücher gelesen zu haben.
Meine letzten Berlinreise in Erinnerung, empfand ich es als angenehm, die im Buch beschriebenen Orte wiederzuerkennen. Meiner Meinung nach ist die Geschichte jedoch kein „Berlinroman“, wie sie so oft von Kritikern gewertet wird; der Roman könnte genauso gut in jeder anderen Großstadt spielen. Teilweise kann man bei einigen bizarren Begebenheiten, die Jesper erlebt, nicht mehr zwischen Realität oder Traum unterschieden. Vielmehr scheint es so, als hätte Wells versucht, alle klischeehaften Schwierigkeiten der Jugend auf eine fiktive Person zu projizieren und das alles in einen Zeitraum von einer Woche zu packen. In diesem Fall wäre wahrscheinlich weniger mehr gewesen, sodass man die Konzentration mehr auf die Falltiefe von Jespers Problemen hätte legen können. Trotz dessen ist „Spinner“ ein unterhaltsamer Roman für angehende Erwachsene, die sich selbst in der gleichen Lebensphase wie der Protagonist befinden, aber leider auch nicht mehr.
 
Klara Pokorny


„Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.“ (Mark Twain) So ähnlich könnte das Motto von Jesper Lier, dem zwanzigjährigen Protagonisten und Titelgeber des Romans „Spinner“ lauten, der voller Zuversicht nach dem Abitur von München in die Bundeshauptstadt gezogen ist, um mit seinem Buch „Der Leidensgenosse“ den Durchbruch als Schriftsteller zu schaffen. Die Realität sieht allerdings vollkommen anders aus: Mit seiner Stelle als Praktikant beim „Berliner Boten“ kann Jesper sich gerade so eine dunkle Kellerwohnung am Prenzlauer Berg leisten, seine Einsamkeit verdrängt er mit Alkohol und Tabletten und die mühsam errichtete Welt aus Lügen und Schein beginnt langsam aber sicher einzubrechen.
Innerhalb einer turbulenten Woche – der Zeitspanne des Romans – gerät Jespers einförmiger Alltag völlig aus den Fugen: Trotz der Warnung seines besten Freundes Gustavs sich „nicht gleich in die erste Frau, die [er] braucht [zu verlieben]“, fühlt sich Jesper von der scheinbar unerreichbaren Studentin Miriam Schmidt angezogen, während diese hingegen nur auf der Suche nach Ablenkung ist. Das von ihm angepriesene „Jahrhundertwerk“ stellt sich als eine kuriose Ansammlung viel zu vieler Seiten heraus und nach dem Selbstmord seines Vaters muss Jesper auch noch den Verlust einer weiteren Bezugsperson verkraften.
Einzig seine beiden Freunde, der beliebte Gustav und der unterjochte Außenseiter Frank, die gleichzeitig auch mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben, stehen ihm zur Seite. Jesper scheint nach all den Schicksalsschlägen den Boden unter den Füßen zu verlieren, und doch erhält er gleichzeitig die Chance auf die Beendigung des Stillstands und eine Neuorientierung in seinem Leben.
Diese sieben Tage in Jespers Leben erscheinen dem Leser aufgrund der zahlreichen Handlungsstränge länger als nur eine Woche. Dennoch ist die Beschränkung auf eine Zeitspanne von sieben Tagen erforderlich, da sie den schnellen Niedergang bis hin zur Katastrophe demonstriert und dem Roman einen Antrieb gibt, sodass dem Leser keine Langeweile aufkommt. Mit der Ich-Perspektive wird die Gefühlswelt des Protagonisten gnadenlos offenbart; es gibt keinerlei Zurückhaltung oder Beschönigungen bei der Beschreibung seiner Empfindungen. Der Sprachstil ist auch dank der ironischen Züge weitgehend flüssig, allerdings wirken einige Ausdrücke aus dem Jugendjargon wie „zum Teufel“ oder „Mordspfeifen“ stark konstruiert und deplatziert. Auffällig sind die etlichen Cliffhanger am Ende von Kapiteln, welche die Spannung heben sollen wie z.B. „Und deshalb endete der Abend auch ganz anders als ich es erwartet hatte.“ Auch hervorzuheben ist die direkte Ansprache an die Leser an einigen Passagen, die sich auf den Erzählfluss jedoch häufig störend auswirkt.
Benedict Wells‘ autobiografische Züge lassen sich in seinem zweiten veröffentlichten Roman nicht verleugnen. Wie seine Hauptfigur zog Wells nach dem Abitur nach Berlin, wo er sich seinen Traum, Schriftsteller zu werden, mit diversen Gelegenheitsjobs finanzieren musste. Allerdings möchte Wells mit „Spinner“ nicht auf seine persönlichen Erlebnisse, sondern auf „das Loch, in das du als junger Mensch mit Anfang 20 fällst“ hinweisen. In der Tradition des Adoleszenzromans zeigt der Autor die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens der neuesten Generation, wie u.a. die Angst vor Entscheidungen und Fortschritt im Leben, auf. Vor allem Berlin als moderne und lebendige Metropole spielt hierbei eine zentrale Rolle. Viele junge Menschen möchten in der Hauptstadt ihre Träume realisieren und doch scheint es schwer zu sein, dort seinen Platz zu finden, wie auch Jesper Lier feststellen muss.
Die realistische Darstellung der Stadt Berlin stellt einen klaren Pluspunkt des Romans dar. Und auch die Sprache Wells‘, die von Kritikern als „roh und unfrisiert“ angeprangert wurde, ist meiner Meinung nach flüssig und gut verständlich. An einigen Stellen wirkt der Erzählstil subjektiv betrachtet allerdings leicht gekünstelt. In aktuellen Diskussionen wird zudem oft der Vergleich zu Wells‘ erfolgreichem Erstlingswerk „Becks letzter Sommer“ gezogen: Hierbei wird oft kritisiert, der zweite Roman sei im Kontrast zu seinem Debütroman zu klischeehaft und einfallslos. Tatsächlich stellen die alltäglichen Probleme eines Heranwachsenden kein bahnbrechendes Thema dar, jedoch besticht das Werk meiner Ansicht nach durch Charme und Humor. Empfehlenswert ist „Spinner“ folglich vor allem für Jugendliche, lebenskritische Menschen, Träumer und Berlin-Liebhaber.
 
Sandra Stehlik


Im Folgenden werde ich meinen Eindruck des Romans „Spinner“ von Benedict Wells darlegen. Das Buch wurde 2010 im Diogenes Verlag veröffentlicht, umfasst etwas mehr als dreihundert Seiten und kostet als Taschenbuch 10,90€. Das Buch handelt im Wesentlichen davon, wie der 20-jährige Jesper Lier nach dem Ausziehen von Zuhause mit einigen Problemen in seiner neuen Heimat Berlin zu kämpfen hat. Er lebt zurückgezogen in einer Berliner Kellerwohnung, in der er sich allein dem Schreiben seines Romans widmet. Er ist in gesundheitlich schlechter Verfassung, isst nicht regelmäßig und scheint zunehmend ungesünder. An diesem Punkt setzt die Handlung des Buches ein, die eine äußerst ereignisreiche Woche in Jesper Liers Leben illustriert, welche für sein restliches Leben von großer Bedeutung sein wird. Mit Hilfe oder trotz der Anwesenheit seiner Freunde Gustav und Frank stellt diese Woche einen großen Schritt in Jespers persönlicher Entwicklung dar. Das Buch widmet sich den ersten Versuchen im Leben eines jungen Mannes auf eigenen Beinen zu stehen und zeigt dabei wie schwer es sein kann, als junger Mensch auf einmal scheinbar allein mit etwaigen Schicksalsschlägen zurechtkommen zu müssen. Diese Inhalte werden in Form einer unverblümten, direkten Sprache transportiert, die den Zugang zum Geschehen sehr erleichtert. Dies lenkt den Fokus des Buches weg von der Sprache allein auf den Inhalt. Da der Inhalt aufgrund der vielen Ereignisse spannend gestaltet ist, ist das Buch nicht langweilig und lässt sich schnell lesen. Obwohl ich in der Regel kein Freund von Romanen bin, war Benedict Wells „Spinner“ auffällig interessant und stellenweise spannend. Das für mich Interessanteste daran war die Darstellung seiner persönlichen Entwicklung und die psychologisch-emotionalen Tiefgänge, die die Hauptfigur im Laufe der beschriebenen Woche erlebt. So muss Jesper den Tod seines Schriftsteller-Mentors verkraften und sich eingestehen, dass sein Roman keinerlei Zukunft mehr besitzt. Ein weiterer Faktor war die Tatsache, dass ich, ähnlich wie die Figur im Buch stellenweise nicht mehr wusste, was nun real ist und was nicht. So z.B. als Jesper entführt oder von Wölfen gejagt wurde. Dies trug dazu bei schnell weiterlesen zu wollen, um Genanntes zu erfahren. Nicht zuletzt, weil ich relativ bald selber versuchen werde, auf eigenen Beinen zu stehen, empfand ich das Buch als durchaus interessant und empfehlenswert für jeden, der sich in einer ähnlichen Situation befindet oder einfach ein paar Stunden Zeit für eine interessante Geschichte hat.
 
Jan Fleischer


Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch das neue Berlin. Ein tragikomischer Roman über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen. (Klappentext der Diogenes-Ausgabe, 2009)
Diese Ankündigung des neuen Romans von Benedict Wells nach seinem vielversprechenden Roman „Becks letzter Sommer“ löst Erwartungen auf einen abenteuerlichen Roman gespickt mit jugendlichem Leichtsinn aus. Ein Spinner – ein junger Mann, der voller verrückter Ideen steckt und Verrücktes erlebt. Weit gefehlt: Die knappe Zusammenfassung kombiniert mit dem Romantitel weckt die falschen Erwartungen. Auch der ursprünglich angedachte Titel „Der Traumjäger“ wirkt verfehlt. Passender erschiene „Der Lügner“.
 „Wenn ich etwas beherrschte, dann war es Schwindeln. Und ich konnte gar nicht anders. Schließlich steckt in meinem Nachnamen ‚Lier‘ das englische ‚lie‘, und das bedeutet immerhin Lüge. Jesper Liar sozusagen, und deshalb nicht überraschend…“ (S. 26f.) Die fortwährende Betonung seiner Lügen weckt nicht nur keinerlei Sympathie für den Protagonisten, sie verhindert auch, dass man ihm glaubt und sich seiner Führung durch die Handlung anvertraut. Nicht nur, dass sich Realität und Traum / Halluzination beständig überschneiden und ineinander übergehen, Jespers Geschichte ist trotz all ihrer Alltäglichkeit in der Welt eines Heranwachsenden an der Schwelle zum Erwachsenwerden unglaubwürdig.
Jesper Lier hat nach dem Abitur seine Familie verlassen und versucht in Berlin sein Glück als Autor. Die Immatrikulation ein Alibi, das Schreiben eine Lebenslüge. Zwar umfasst sein Roman „Der Leidensgenosse“ inzwischen 1283 Seiten, auf denen seine gesamte Hoffnung ruht, doch überzeugen kann er damit niemanden. Gezeichnet von Alkohol, Drogen und schlaflosen Nächten sitzt er in einem Kellerloch, das er als Wohnung bezeichnet, und schwebt bereits mit Handlungsbeginn nah am Abgrund. Er steckt nicht nur in einer handfesten und selbstgemachten Identitätskrise, sondern leidet unter akutem Selbstmitleid. „Alles ist so schwierig, ich bin so verloren, niemand versteht mich.“ (S. 228) Mit diesen wenigen Worten bringt sein Wegbegleiter Gustav Jespers ganze Misere auf den Punkt. Jesper Lier ist kein Sympathieträger und er ist kein Spinner. Seine Handlungen sind weder verrückt noch unberechenbar, vielmehr durchläuft er – wenn auch auf sehr eng begrenztem Zeitraum – den Weg der Adoleszenz. Er ist nach dem Abitur und dem Tod seines Vaters orientierungslos, verliebt sich, wird entjungfert und feiert die üblichen Partys mit Freunden und Joints. Klischeehaft gestaltet er sein Leben als einsamer Schriftsteller, all inclusive: Geldnot, Mahnungen im Briefkasten, traurige Kindheit, eine femme fatale namens Eva, ein schwuler Freund, ein alternder Mentor usw. Dass er dabei sehr nah an den Abgrund gerät und die ein oder andere Lebensweisheit gewinnt, kann kaum überraschen. Die Handlungsfäden verlaufen ähnlich wie Jespers Gedankenwelt wirr und plakativ, wie in einem „miese[n] Hollywood-Film“ (S. 212), wie Jesper selbst – leider ohne jede Ironie – kommentiert. Es regnet zur passenden Zeit und aufdringliche Prostituierte, schlägernde Jugendliche, überdrehte Studenten und allerlei Klischeefiguren säumen seinen Weg. Und erfahren stets die klassische Auflösung: Es entsteht ein erwartetes Ende mit einer Selbsterkenntnis des Protagonisten, die man ihm bereits auf Seite 16 mit auf den Weg geben könnte.
Und so wird der Leser über die gesamte Erzählung zum unfreiwilligen „Leidensgenossen“ von Jesper. Stets persönlich angesprochen kann er sich dem Geschehen kaum entziehen, auch wenn man immer wieder geneigt scheint, Protagonist und Roman einfach beiseite zu legen oder dem larmoyanten Hauptdarsteller einfach mal einen kräftigen Tritt zu verpassen. Was jedoch faszinierend erscheint und den Roman immer wieder zumindest Situationskomik abgewinnen lässt, ist, dass immer dann, wenn man Jespers Selbstmitleid, seine Schwarz-Weiß-Malerei und seine Lebensunlust kaum noch erträgt, er sich selbst karikiert und kommentiert.
Allerdings haben Jesper und sein Schöpfer ein ähnliches Talent, die wenigen wirklich berührenden Momente, in denen der Heranwachsende tatsächlich menschlich und glaubwürdig erscheint, zu zerstören. Sei es der Tod seines Mentors oder der einzige Moment der Nähe zu Miriam, alles wird mit einem flapsigen, angestrengt wirkenden Spruch zur Seite gewischt. Insgesamt wirkt Wells Sprache zu sehr bemüht. Ein fast altmodisch wirkender Jugendslang durchbricht störend die sonst schlichte, nüchterne Erzählweise, die in manchen Momenten Jespers Seelennöte unter die Haut gehen lassen. Doch dieser Effekt verschwindet auch auf Jespers eigenes Verschulden hin: „Dann fing sie an, mein Gesicht zu küssen, mein Kinn… und dann meine Wunden. Ganz wie in einem scheiß melodramatischen Kriegsfilm, dachte ich.“ (S. 173)
Als Leser fragt man sich, ob man einfach dem Alter entwachsen ist, in der man Zugang zu einem wie Jesper finden kann. Vielmehr ist man aber geneigt, in die Rolle seiner Freunde und Umgebenden zu schlüpfen und ihm zu sagen: „Dein blödes Getue, der einsame Rebell, der seinen schwierigen Weg geht. So ein Scheiß, werd endlich erwachsen.“ (S. 225)
Es sind die Momente, in denen Gustav, Biehler und auch Eva zu Wort kommen, in denen man zumindest dem Autor glaubt, dass er weiß, was er tut. Dazu passen auch die Kapitelüberschriften, die weitaus mehr offenbaren, als Jespers Vorausdeutungen auf die kommenden Ereignisse am Ende der Kapitel. Und dem man – aufgrund der autobiografischen Züge des Romans – zutraut, dass er sich selbst karikiert, wenn er Biehler Liers „Ausnahmeroman“ kritisieren lässt: „Kein Leser erfährt den wahren, guten Kern Ihrer Geschichte, stattdessen schreiben Sie nur drum herum, weichen aus, flüchten sich in irgendwelche obskuren Episoden. Alles nur Schein, ich glaube sogar, dass Sie den wahren Kern Ihres Romans selbst nicht kennen. – Mensch, Lier, weil niemand diese Scheiße lesen will.“ (S. 209)
Und leise und verhalten hört man als Rezensent: „Hören Sie auf, so über meinen Roman zu reden!“ (S. 209)
 
Susanne Burkert