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65 B├╝cher in 20 Jahren

Das Literaturquartett am JEG bricht eine Lanze für die moderne Literatur

60 Bücher haben Schülerinnen und Schüler in der 12. Jahrgangsstufe bzw. seit 2010 in der Q11 des Julius-Echter-Gymnasiums in den letzten 18 Jahren gelesen. Das bedeutete pro Jahr für jeden Kollegiaten immerhin zwischen 700 und 1200 Seiten Lektüre – und das, ohne dass man damit eine Schulaufgabe bestreiten oder gute Noten für eine mündliche Prüfung absahnen konnte.
Für die Auswahl der Bücher gab es nur wenige feste Kriterien: Es sollte sich möglichst um moderne deutschsprachige Literatur handeln – im Idealfall Literatur der letzten 20 Jahre – die Zahl der Bücher richtete sich nach der Zahl der Deutschkurse pro Jahrgang. In der Praxis des JEG hieß das: drei oder vier Romane pro Jahr. Jeder Schüler, jede Schülerin sollte bis zum Literaturquartett alle Bücher gelesen haben – und wenn nicht alles täuscht, war das in den bisherigen 18 Jahren meist der Fall. Die Auswahl trafen in der Regel die jeweiligen Kursleiter – aus ganz praktischen Gründen. Sie haben die größere Erfahrung, können einschätzen, welche Titel einerseits den Kollegiaten „zumutbar“ sind und andererseits eine gute Grundlage für eine engagierte und möglichst auch kontroverse Diskussion bieten. Bei den jährlich stattfindenden Abschlussbesprechungen fand das auch die nahezu einstimmige Billigung der Schülerinnen und Schüler. Eine wichtige Voraussetzung: Die Bücher müssen in einer preiswerten Taschenbuchauflage vorliegen, um den Etat der Kollegiaten nicht unzumutbar zu belasten. Natürlich ist es auch möglich, sich mit Mitschülern bei der Bestellung abzusprechen und Bücher gemeinsam zu nutzen. Noch ein ganz wichtiges Kriterium bei der Auswahl: Die Bücher sollten Jahr für Jahr unterschiedliche Erwartungshaltungen und Interessen der Schüler ansprechen und sich auch vom Niveau her unterscheiden. Schließlich sollten alle etwas finden, mit dem sie sich anfreunden können: Diejenigen, die den Umgang mit anspruchsvoller Literatur seit Jahren gewöhnt sind, und diejenigen, denen es schwer fällt, sich über Hunderte von Seiten auf Literatur einzulassen. Ein Beispiel: die Liste aus dem Jahr 1996. Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ spaltete die Leser in euphorische Anhänger dieser bewusst altmodischen Sprache und in kompromisslose Kritiker, Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ „bediente“ diejenigen, die locker geschriebene Prosa mit Zeitkolorit bevorzugen, und Ransmayrs „Die letzte Welt“ war eine Herausforderung für alle, die bereit sind, sich auf komplexe Literatur und anspruchsvolle, ästhetische Sprache einzulassen.
Ein Blick auf bisher gelesene und besprochene Bücher kann Anregung sein, diesen Weg der Lese- und Literaturförderung im Deutschunterricht der Oberstufe des Gymnasiums zu gehen, eine Fundgrube für eigene Versuche sein, spiegelt aber auch gelungene und weniger gelungene Auswahl in der Praxis. Wer an Erfahrungen aus dieser Praxis Interesse hat, kann sich gerne beim JEG erkundigen – schließlich muss nicht jeder jeden Fehler selbst machen.

1994
Christoph Hein: Der Tangospieler
Jurek Becker: Schlaflose Tage
Günter de Bruyn: Babylon

1995
Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.
Monika Maron: Stille Zeile Sechs
Cordelia Edvardson: Gebranntes Kind sucht das Feuer

1996
Christoph Ransmayr: Die letzte Welt
Robert Schneider: Schlafes Bruder
Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

1997
Gerd Hofmann: Die kleine Stechardin
Ingrid Noll: Der Hahn ist tot
Marlen Haushofer: Die Wand

1998
Herbert Rosendorfer: Ballmanns Leiden
Christoph Ransmayr: Morbus Kitahara
Bernhard Schlink: Der Vorleser

1999
Jens Sparschuh: Der Zimmerspringbrunnen
Monika Maron: Animal triste
Thomas Bernhard: Das Kalkwerk

2000
Bernhard Setzwein: Das Buch der sieben Gerechten
Christoph Hein: Der fremde Freund
Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

2001
Peter Schneider: Eduards Heimkehr
Jurek Becker: Jakob der Lügner
Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee

2002
Christian Kracht: Faserland
Bernhard Schlink: Liebesfluchten
Erich Loest: Nicolaikirche

2003
Josef Haslinger: Das Vaterspiel
Michael Degen: Nicht alle waren Mörder
Jurek Becker: Amanda herzlos

2004
F. C. Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
John von Düffel: Ego
Sven Regener: Herr Lehmann

2005
Bodo Kirchhoff: Schundroman
Karen Duve: Das ist kein Liebeslied
Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob

2006
Markus Orths: Corpus
Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders
Wladimir Kaminer: Die Reise nach Trulala

2007
Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau
Thomas Brussig: Wie es leuchtet
Klaas Huizing: Das Buch Ruth
Irene Dische: Großmama packt aus

2008
Eva Menasse: Vienna
Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen
Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe
Thommie Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend

2009
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Heiko Wolz: Spinnerkind
Harald Grill: Hochzeit im Dunkeln

2010 (K12)
Siegfried Lenz: Schweigeminute
Harald Grill: Hochzeit im Dunkeln

2010 (Q11)
Günther Grass: Katz und Maus
Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Harald Grill: Hochzeit im Dunkeln

2011
Günther Grass: Im Krebsgang
Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen
Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver
Filmbesprechung: Die Fremde

2012
Ferdinand von Schirach: Verbrechen
Martin Suter: Ein perfekter Freund
Mechtild Borrmann: Wer das schweigen bricht

2013
Hermann Hesse: Demian
Peter Freudenberger: Stiller und die Finsternis
Georg Büchner: Leonce und Lena (Aufführung des Ensembles „vor dem theater“)