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Autorenechos

John von Düffel

John von DüffelEin wenig beklommen und auf alles gefasst war ich nach Elsenfeld ins Julius-Echter-Gymnasium gereist, um rund 100 Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort zu stehen, die sich im Unterricht mit meinem Roman VOM WASSER auseinandergesetzt hatten. Würde das eine gigantische Deutschstunde werden? Oder ein großes Autorenexamen mit hundert kritischen oder - noch schlimmer - gedungenen und wenig wohlwollenden Lesern? Es wurde nichts davon. Die erste gute Nachricht lautete, dass sich das "Literarische Quartett" der Schülervertreter, das mich erwartete, zu einem "Oktett" entwickelt habe, und zwar aufgrund von freiwilligen Meldungen von Schülerinnen und Schülern, die auf dem Podium ihre Sicht der Dinge zu VOM WASSER vertreten wollten. Die zweite gute Nachricht war: Jeder der Gesprächsteilnehmer hatte tatsächlich eine eigene Sicht, einen Standpunkt, und wie mir schien, ein persönliches Verhältnis zu dem Roman, seinem Thema und seinen Geschichten. Wenn ich es nicht erlebt hätte, würde ich es mir selber nicht glauben, aber der Idealfall dessen, was sich ein Autor beim Schreiben eines Buches erhofft, war tatsächlich eingetreten: Hier diskutierten junge Leser miteinander, durchaus kontrovers manchmal, aber mit einer Entschiedenheit, der anzumerken war, dass sie in dem Buch ihr Buch gefunden hatten oder sich zumindest Teile davon so zu eigen machen konnten, dass es eine Beziehung zu ihrem Leben bekam. Ob es um die Einstellung zum Element Wasser ging, um die Erinnerung an eigene Wassererlebnisse, um das Gespür für Wasser mit allen Sinnen oder auch um poetische, ökologische oder auch ökonomische Aspekte - der Brückenschlag von der Literatur zum Leben war gemacht. Ein echter Grund für Kulturoptimismus!
 

Mechtild Borrmann

Mechtild BorrmannAls ich die Einladung an das Julius-Echter-Gymnasium bekam, habe ich spontan zugesagt. Die Aussicht „Wer das Schweigen bricht“ mit Menschen zu diskutieren, die heute so alt sind wie meine Protagonisten im Jahre 1939, fand ich höchst interessant. Und – ich war begeistert! Die Diskutanten hatten sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und die Art, wie sie die Figuren analysierten und deren Verhalten einordneten, zeigte auch, dass sie sich detailliert mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt hatten und die Auswirkungen der politischen Verhältnisse nachvollziehen konnten. Die Motive der Protagonisten wurden durchaus konträr diskutiert und die Einflüsse jener Zeit: die Mechanismen eines alles kontrollierenden Staates, der Machtmissbrauch, um persönliche Ziele zu verfolgen, und das Gefühlschaos einer überforderten Generation wurden thematisiert. Zum Ende der Diskussion stellte eine der Diskutantinnen fest: „Im Grunde hat Hanna Höver drei Menschen getötet. Leonard, Jacob und Jahre später dann Rita Albers.“ und brachte damit die Schuldfrage in die Diskussion ein. Eine Frage, die mich im gesamten Schreibprozess begleitet hat und auf die wohl jeder für sich selbst eine Antwort finden muss. Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich in den Interviews mit Zeitzeugen oft gehört habe: „Ach, das können die, die die Zeit nicht erlebt haben, doch gar nicht verstehen.“ Ich habe an diesem Nachmittag gelernt: Doch die können! Ich bedanke mich für den angenehmen Nachmittag. Ich habe viel gelernt.
 

Robert Löhr

Robert LöhrDas Literaturquartett am JEG gehört zu den Veranstaltungen, die in einer langen Reihe aus Lesungen und Diskussionen herausstechen. Selten erlebt man es als Autor, dass sich so viele Anwesende so intensiv mit dem Roman beschäftigt haben – und so angeregt und kontrovers darüber diskutieren. Und sich trotz der Anwesenheit des Autors nicht scheuen, ihre Kritik auch offen auszusprechen. Glücklicherweise kann man umgehend Stellung beziehen und erklären, warum man sich für diese Figur oder jene Dramaturgie entschieden hat!
Ich wünsche dem JEG, dass auch weiterhin Autoren zum direkten Gespräch eingeladen werden – auch, damit Schüler begreifen, dass Schriftsteller sich zwar oft wie etwas Besonderes benehmen (und ebenso hofiert werden), letzten Endes aber nichts Besonderes sind. Für mich ist die Schriftstellerei auch nur ein Handwerk – ein Kunsthandwerk, wenn man so will.
 

Bernhard Setzwein

Bernhard SetzweinImmer wieder werde ich bei Schullesungen mit einer ganz bestimmten Frage seitens der Schüler konfrontiert. Was ich als Autor nämlich davon halte, wenn im Literaturunterricht nach einer einzigen verbindlichen Interpretation etwa eines meiner Texte gesucht werde. Womöglich gar noch mit der Maßgabe: Was hat sich der Autor dabei gedacht. Ich antworte dazu immer zweierlei: Was sich der Autor gedacht hat, ist unerheblich. Und zweitens: Anders als bei einer Rechenaufgabe gibt es bei einem literarischen Text, bei jedem Kunstwerk, nicht „die richtige“ Lösung. Es gibt lediglich verschiedene Lesarten (so viele wie Leser nämlich?), und die müssen am Text abgesichert sein, aus dem Text heraus argumentativ belegt werden. Um all dies geradezu sinnlich nachzuempfinden, kann ich mir kaum etwas Geeigneteres denken, als Schüler in einer dem Literarischen Quartett nachempfundenen Form über Bücher diskutieren zu lassen. Ob dabei auch ab und zu der besprochene Autor einmal anwesend sein sollte? Warum nicht! Es schiene mir kein schlechtes Lernziel, wenn Schüler verstünden, dass Autoren Menschen aus Fleisch und Blut sind.
 

Markus Orths

Markus OrthsVor nicht allzu langer Zeit durfte ich Gast sein im „Literaturquartett“ des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld. Dort werden – im Stil des „Literarischen Quartetts“ – vier Bücher diskutiert, u. a. auch ein Buch des anwesenden Autors. Eine solche Veranstaltung halte ich aus vielerlei Gründen für sinnvoll im Bereich der Leseförderung. Die diskutierenden Schüler werden eingeladen, Bücher in einer intensiveren und tiefer gehenden Weise zu lesen als es im Unterricht oft der Fall sein kann. Eine ausführliche Diskussion vor einem Publikum von über 100 Schülern ist aufregend und gleichzeitig animierend. Auch das Publikum, also alle weiteren Oberstufenschülerinnen und -schüler, sind eingeladen, mitzudiskutieren oder Fragen zu stellen, wovon reichlich Gebrauch gemacht wurde. Die Diskussion über meinen Roman „Corpus“ zeugte von einer eingehenden Beschäftigung der Schüler mit dem Buch. Es wurden nicht nur persönliche Leseerfahrungen geäußert, keinesfalls gab es eine bloße Lobhudelei, im Gegenteil, das Buch wurde kontrovers diskutiert, mit einigen fundierten kritischen Einwänden seitens der Schüler, (beispielsweise der Hinweis auf eine symbolische Überfrachtung des Romans an einigen Stellen). Nicht nur für die Schüler, auch für mich als Autor war die Veranstaltung gewinnbringend, auch in Verbindung mit der gleichzeitig über drei Tage stattfindenden Schreibwerkstatt. Immer wieder mache ich in Schulen die Erfahrung, dass der unverbrauchte, teils noch unverstellte Blick der Schülerinnen und Schüler auf Literatur zu ganz neuen Einsichten und Eindrücken führt. Ich kann jedem Autor, der die Fähigkeit zur Selbstkritik mitbringt, nur empfehlen, sich den Diskussionen in Elsenfeld zu stellen und auf das einzulassen, was die Schüler zu sagen haben.
 

Klaas Huizing

Klaas HuizingLeser fallen nicht vom Himmel wie Manna. Schüler an die Literatur heranzuführen ist ein sehr irdisches Geschäft, das am besten gelingt, wenn es mit Leidenschaft betrieben wird. Bildung verdichtet sich immer in Personen, die anregen und aufregen. Möglicherweise potenziert wird diese Anregung (und Aufregung), wenn Literatur selbst einen Kopf bekommt und vor einem Auditorium gelesen und dann besprochen wird. Von Vorteil ist diese Begegnung auch für den Schriftsteller, weil er nicht auf übersättigte und milde zynische Kunstrichter der großen Tageszeitungen trifft, sondern auf interessierte Leser. Erfahrungen wie mit dem Literaturquartett sind deshalb immer glückliche Erfahrungen.