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Literaturquartett 2015

Geschichtenfinder statt Geschichtenerfinder

Der Schriftsteller Harald Grill am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld

 
Der bekannte niederbayerische Autor, Mundartdichter und Verfasser von Radiofeatures des Bayerischen Rundfunks Harald Grill besucht seit einigen Jahren das Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld. Dieses Mal ist er gleich doppelt im Einsatz, zunächst liest er aus seinem mit inzwischen über 75.000 verkauften Exemplaren als Jugendbuchklassiker geltenden Roman „Da kräht kein Hahn nach dir“. Zu der Verkaufszahl kommen noch verschiedene Auszüge hinzu, die in den gängigen Schulbüchern abgedruckt sind. Es geht in diesem Werk um eine Grundkonstellation, wie sie alle Schüler kennen: Neu sein in einer neuen Schule, fremdes Umfeld, fremde andere Kinder in der Klasse, fremde Lehrkräfte. Harald Grill ist aber nicht einfach ein Vorleser seiner Geschichten. Seine Veranstaltungen sind oft eher ein Schauspiel als eine Lesestunde. Er verstellt die Stimme, schlüpft in die Rolle seiner Figuren, leidet mit Haut und Haaren mit, wenn die Hauptfigur Bernd geärgert wird, und lacht befreit auf, als es mit der neuen Umgebung, der Schule und auch dem angebeteten Mädchen am Ende doch etwas wird: Literatur für viele Sinne! Schauen, hören, spüren – man meint die fremde Großstadt fast riechen zu können. Eine weitere Besonderheit an den Lesungen Harald Grills ist, dass er neben seinen Erzählungen den Beruf des Schriftstellers sehr plastisch werden lässt: Bücher kommen nicht einfach so über einen, sie erfordern lange und intensive Recherche von Materialien und immer neue Überarbeitungen: „Ich habe sieben verschiedene Fassungen geschrieben, bis meine Frau zufrieden war“, erläutert der Autor, „ich brauche ein Gegenüber, eine Kritikerin.“



Aus diesen Elementen zaubert der niederbayerische Schriftsteller Harald Grill mit vollem Körpereinsatz eine Lesestunde, die ein Event ist, kein Durchkämpfen dröger Schullektüreseiten.
Im zweiten Teil des Tages nimmt Harald Grill am schon längst zur Tradition gewordenen literarischen Quartett der 11. Jahrgangsstufe teil. Übergreifendes Thema des von OStRin Pfefferer, StD Söller, StD Stich, OStRin Schmitt und StRin Langermann mit ihren Deutschkursen durchgeführten literarischen Projekttags ist der Begriff Heimat bzw. Verlust der Heimat in seinen unterschiedlichen Facetten. Literarische Schwerpunkte sind „Die Deutschlehrerin“ von Judith Taschler mit einer spannenden Podiumsdiskussion orientiert am Fernsehvorbild. Volker Weidermanns „Ostende“ bietet den literarischen Hintergrund, um sich mit den dort 1936 gestrandeten „künftigen“ Exilautoren von Josef Roth bis Stefan Zweig auseinanderzusetzen. Hierzu wird eine Ausstellung samt Einführungsvorträgen entwickelt und in der Aula durchgeführt. Die Podiumsdiskussion zu Harald Grills „Hochzeit im Dunkeln“ wird durch die Teilnahme und anschließende Lesung des Autors Harald Grills bereichert. Dieser Projekttag ist ein Tag intensiver und manchmal auch überraschender, in jedem Fall bereichernder Auseinandersetzung mit Literatur, wie er laut Schülern durchaus öfter sein dürfte.


 
Harald Grills Schlussgedicht sowohl bei der Lesung der Fünftklässler wie auch am literarischen Quartett der 11. Jahrgangsstufe verdeutlicht seine Haltung zu sich selbst, seinen Werken und seinen Lesern, mucksmäuschenstill und nachdenklich ist es am Ende, wenn er dreimal variiert:
„Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen - in dir.
Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen - in meinen Figuren.  
Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen - in euch.“
Und wenn eine Fünftklässlerin des Julius-Echter-Gymnasiums am Ende begeistert erzählt, dass das die beste Deutschstunde des Jahres war, dann weiß man, dass Harald Grill Lesebegeisterung weckt: Gibt es ein wichtigeres Ziel des schulischen Deutschunterrichts?
 
Ansgar Stich