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Literaturquartett 2014

Ich für meinen Teil will meine Zähne ins Leben schlagen

Der Schriftsteller Benjamin Lebert zu Besuch am JEG - Erster Teil des Literaturquartetts 2014

Am Freitag, dem 28.11.2014, besuchte der für seine oft melancholischen und zum Nachdenken anregenden Werke bekannte Autor Benjamin Lebert das JEG. Dort nahm er an einer Diskussion zu seinem 2012 erschienenen Roman „Im Winter dein Herz" teil.


 
Benjamin Lebert wurde 1982 in Freiburg im Breisgau geboren und begann schon mit 12 Jahren zu schreiben. Mit 14 veröffentlichte er erste Texte in „Jetzt", einem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung und zog so die Aufmerksamkeit der Lektorin Kerstin Gleba des Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlags auf sich. Kurz darauf erhielt der in der Schule mit vielen Problemen konfrontierte Benjamin einen Anruf von Frau Gleba, die ihn fragte, ob er nicht Lust hätte, ein Buch zu schreiben. Der junge Lebert antwortete: „Ja, schon; nur müssen Sie wissen, dass ich erst 15 bin." Dennoch schrieb er innerhalb eines Jahres seinen ersten Roman „Crazy", in dem Lebert seine halbseitige Lähmung thematisiert und mit autobiografischen Zügen das Leben eines Heranwachsenden in einem Internat schildert. 1999, kurz vor Erscheinen des Buches, das zu einem Bestseller und schließlich auch preisgekrönt verfilmt werden sollte, brach Benjamin Lebert die Schule ohne Abschluss ab. Der Autor distanzierte sich während seiner weiteren Schaffensphase, in deren Verlauf er bis heute insgesamt sechs weitere Romane, darunter auch „Im Winter dein Herz", veröffentlichte, von seinem Debütwerk.
Der Roman „Im Winter dein Herz", mit dem sich die Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe des JEG auseinandersetzten, handelt von zwei männlichen Patienten einer psychiatrischen Anstalt, Robert und Kudowski, und der Frau Annina. Diese entschließen sich, nicht wie der größte Teil der Welt dank neu entwickelter Pillen Winterschlaf zu halten, sondern sich gemeinsam durch die einsame, verschneite Winterlandschaft auf den Weg nach München zu machen. Dort liegt Roberts todkranker Vater, dem dieser noch etwas Wichtiges berichten möchte, im Krankenhaus.
Die drei Hauptfiguren gelten und fühlen sich als Versager: Robert, weil er keinen Bissen Essen herunterbekommt und weil er nie der Sportler war, den sich sein Vater, ein Sportlehrer, gewünscht hatte; Kudowski, weil er die abschließende Prüfung der Ausbildung zum Polizisten nicht bestand und in die Kriminalität abrutschte; und Annina, weil sie sich zwar motivieren konnte, sich zum Nachholen des Abiturs an einer Fernschule anzumelden, aber bei der Durchführung scheiterte. Außerdem fühlen sie sich nirgends zu Hause sind wurzellos, was man als weiteren Grund für ihre Reise sehen kann.
Auf dieser Reise kommen sich die drei näher und entwickeln eine Freundschaft. Sie lernen sich gegenseitig und, noch viel wichtiger, sich selbst besser kennen. Unterwegs erfahren sie Nähe und Geborgenheit und sind sich schließlich gegenseitig bei der Lebensbewältigung eine Hilfe. Vor allem für Robert ist diese Erfahrung Schlüssel zur Heilung seiner Essstörung, deren Herkunft, wie bei Lebert, unbekannt ist. Dieser autobiografische Bezug ist sehr typisch für den Autor, da Schreiben für ihn Selbstvergewisserung bedeutet: „Schreiben ist in den Spiegel schauen: Man sieht deutlich, was man ist." Benjamin Lebert für seinen Teil hält sich für einen Menschen mit einem „flackernden Lebenslicht", während es anderen mit einem „starken, strahlenden Lebenslicht" leicht fällt, das Leben zu genießen.
In seinem Buch, an dem er zwei Jahre lang geschrieben hat, ist eine Reise beschrieben, die in der Realität, aber auch im Inneren der Figuren stattfindet. Eine Reise, die von „flackernden Lebenslichtern" bewältigt wird, die zum Schluss zu etwas kräftigeren, helleren Lebenslichtern geworden sind.


Die sich anschließende Diskussion wurde von den Schülern durch die vorausgehende Lektüre des Romans und eine Vorinformation im Rahmen des Deutschunterrichts durch Interviews und Ausschnitte aus Fernsehsendungen über Lebert vorbereitet. Vorbild für diese Veranstaltung ist das berühmte Sendeformat „Literarisches Quartett" von Marcel Reich-Ranicki im ZDF. Sie findet jedes Jahr für die Oberstufe des JEG statt, von der einige Schüler auf einem Podium über einen zeitgenössischen Roman sprechen.
Thema der Diskussion waren zunächst die Bedeutung des Winterschlafs, die Freundschaft zwischen den drei Protagonisten und der Stil Leberts. Außerdem wurde erörtert, ob die Selbstzweifel der Figuren aus der fehlenden Anerkennung während deren Kindheit entstanden sein könnten. Anschließend wurde Lebert auf die Bühne gebeten und er nahm Stellung zu Fragen der Gymnasiasten. Auf diese Weise wurden einige bis dahin unklar gebliebene Aspekte offengelegt, zum Beispiel die Aufarbeitung von Leberts Essstörung, indem er dem jungen Robert genau die Krankheit, unter der er selbst litt, zuschreibt. Aber auch die Frage, warum Lebert die übrigen Menschen Winterschlaf halten lässt, wurde beantwortet: Der Autor suchte nach einer Metapher für eine Gesellschaft der „Schlafwandler", in der jeder in seinem Alltag vor sich hin lebt und sich nicht die Zeit für andere nimmt, oder sie einfach nicht hat.
Schließlich forderte der Autor die Schüler auf, Kritik an seinem Buch zu äußern. Diese beanstandeten hauptsächlich die teilweise zu detailverliebten Beschreibungen, einen gewissen Kitsch und idealisierende Elemente, die an manchen Stellen des Romans zu Tage treten. Es wurde jedoch auch gelobt, vor allem dass das Buch unkonventionell ist und zum Nachdenken anregt. Lebert war sichtlich erfreut angesichts der Diskussion und der Fragen der Schüler und las zum Abschluss noch einige Stellen aus dem behandelten Roman vor, von denen eine aufgrund ihres frivolen Charakters teilweise Belustigung und teilweise Ablehnung bei den Schülern hervorrief.
Der Autor beeindruckte durch seine Tiefgründigkeit und die Einstellung, dass das Leben ein ewiger Kampf gegen sich selbst und die Vorstellungen anderer ist. „Er wirkt fragil, aber seine Worte waren stark", äußerte eine Schülerin nach der Veranstaltung.
Zum Abschluss wünschte Benjamin Lebert den Schülern die Fähigkeit, das Leben zu genießen. Oder, um es mit einer Stelle aus „Im Winter dein Herz" zu sagen: „Ich für meinen Teil will meine Zähne ins Leben schlagen. Zubeißen, verstehst du? Schmecken. Zerkauen. Zu eigen machen. Ich habe nur kurz Gelegenheit dazu. Einen Augenaufschlag lang. Und die werde ich mir nicht entgehen lassen."

 

Konstantin Hirdina, Q11

 

Im Bällebad der Gefühle

Zweiter Teil des Literaturquartetts 2014


Sechs junge Leute sitzen im JEG auf einem Podium vor ihren Mitschülern aus der Qualifikationsstufe 11 und diskutieren angeregt über einen zeitgenössischen Roman. Dieses Bild bot sich am 04.03.2015 beim zweiten Teil des Literaturquartetts. Nachdem im ersten Teil über „Im Winter dein Leben" von Benjamin Lebert diskutiert wurde, war diesmal das Buch „Der Trafikant" des österreichischen Autors Robert Seethaler Thema.
Der Roman handelt von dem 17-jährigen Franz Huchel, der kurz vor dem „Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 von seiner Mutter aus der Provinz nach Wien geschickt wird. Dort soll er in der Trafik (so nennt man in Österreich einen Tabak- und Zeitungskiosk) Otto Trsnjeks, eines alten Bekannten der Mutter, eine Ausbildung zum Trafikanten erhalten. Eines Tages lernt er bei der Arbeit den weltberühmten, schon recht betagten Psychoanalytiker Sigmund Freud kennen. Zwischen beiden entwickelt sich im Laufe der Erzählung eine Freundschaft, in der es Franz möglich ist, mit dem lebenserfahreneren Professor über seine Probleme zu reden. Das größte ist seine Liebe zu der sich illegal in Wien aufhaltenden Böhmin Anezka. Diese erwidert Franz‘ Liebe jedoch nur sporadisch und taucht zwischendurch immer wieder unter. Dazu kommen noch die Repressalien nationalsozialistisch gesinnter Wiener Bürger, die die Trafik beschmieren, und die Verhaftung des alten Trafikanten durch die Gestapo nach dem im März 1938 erfolgten „Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Da Otto Trsnjek in der Haft an den Misshandlungen durch die Nazi-Schergen stirbt, übernimmt Franz die Trafik und rächt sich später an ihnen. Dafür wird auch er von Hitlers Geheimpolizei verhaftet, weshalb es am Ende für den Leser sicher ist, dass Franz nie in seine Trafik zurückkehren wird.
Im Verlauf der mitunter recht kontroversen Diskussion wurde über die Rolle der Beziehungen von Franz zu Anezka, Otto Trsnjek, Franz‘ Mutter und Sigmund Freud debattiert. Auch einige Symbole wurden hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Roman kritisch untersucht.
Nach der Diskussion wurde noch Robert Seethalers neues Werk „Ein ganzes Leben" vorgestellt, indem einige Schüler Auszüge daraus vorlasen.
Abgerundet wurde das Literaturquartett durch eine Vorstellung von Goethes „Die Leiden des jungen Werther", aufgeführt von der Theatergruppe „vor dem theater". Das Ein-Personen-Stück mit Lucas Aue als Darsteller und unter der Regie von Daniela Aue lebt von der Bewegung. Goethes poetische, aber manchmal schwer zu verstehende Sprache wird dabei teils vom Darsteller selbst vorgetragen, teils vom Band vorgespielt. Die Sprache verträgt sich gut mit der modernen Musik, zu der sich der Darsteller mit großem artistischem Können bewegt, denn Werthers Gefühle und Leidenschaften werden immer wieder durch akrobatische und tänzerische Einlagen in einprägsame Bilder umgesetzt. Seine positiven Gefühle darf er beispielsweise in einem Bällebad ausleben. Diese unorthodoxe Herangehensweise ist gewagt, passt jedoch erstaunlich gut zu Goethes Text und trägt dazu bei, dass auch Jugendliche anspruchsvoller literarischer Kost etwas abgewinnen können.


 
Insgesamt kann die Veranstaltung als überaus gelungen betrachtet werden, da das Theaterstück zur allgemeinen Erheiterung beitrug und den Schülern außerdem ein großes Stück deutscher Literatur näherbrachte. Gleichzeitig wurde aber auch die Gegenwartsliteratur mit dem „Trafikanten" behandelt.

 

Konstantin Hirdina, Q11