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Literaturquartett 2012

Von Verbrechen, perfekten Freunden und gebrochenem Schweigen

Das Literaturquartett 2012 mit Mechtild Borrmann

Über 100 Schülerinnen und Schüler der Q11 fanden sich am 15. März 2012 zur inzwischen bereits 20. Auflage des traditionellen Literaturquartetts am JEG im Hilde-Domin-Saal ein, um drei literarische Werke zu besprechen.

B├╝cher

Zur Diskussion standen in diesem Jahr Ferdinand von Schirachs Stories „Verbrechen“, Martin Suters Roman „Ein perfekter Freund“ und der Krimi „Wer das Schweigen bricht“ von Mechtild Borrmann, die kurz zuvor für dieses Werk mit dem Deutschen Krimipreis 2012 ausgezeichnet wurde. Letztere war auch persönlich anwesend, sodass sie zum einen selbst ihren Beitrag zur Diskussion liefern und zum anderen die Zuhörer mit der Kurzgeschichte „Aufnahme“ aus der Anthologie „So wie du mir – 19 Variationen über ‚Die Judenbuche‘ von Annette von Droste-Hülshoff“ erfreuen konnte.

Sehr schnell war zu spüren: Die Q11 war willig, über Literatur zu sprechen. Nicht nur die Teilnehmer der Podien beeindruckten mit genauer Textkenntnis und interessanten Interpretationsansätzen. Auch die zahlreichen Beiträge aus dem Plenum bereicherten und belebten immer wieder die Debatten.

Podium - Schirach

Elf Geschichten, in denen Ferdinand von Schirach von elf „Verbrechen“ erzählt. Elf angeblich wahre Geschichten, von einem bekannten Strafverteidiger mit schriftstellerischen Freiheiten erzählt. Knapp, sachlich, teils verstörend, fast immer tragisch. Ein Buch, das bei den meisten Schülerinnen und Schülern gut ankam und ein Bestseller ist. Doch warum? Man war sich nicht einig. Die Kürze der Geschichten erleichtere das Lesen, hörte man. Sie zeigten einen Einblick in die Abgründe der Gesellschaft. Sofort kam der Konter: ob jener Einblick in die Gesellschaft diese knappe Sprache, diese Darstellung von Brutalität, dieser Voyeurismus, diese oberflächliche Kürze sei? Ob diese Art der „Klolektüre“ das gesellschaftliche Leseverhalten abbilde? Auch wurde kritisiert, dass sich im Laufe des Buches eine gewisse Langeweile einstelle, da die Struktur der Geschichten immer die Gleiche und deren Qualität zum Teil doch fragwürdig sei. Ein interessanter Punkt: Hat Schirach die Anordnung seiner Geschichten bewusst gewählt? Eine gute zum Einstieg, eine gute zum Abschluss für die wohlwollende Kritik?
Auch der Vergleich zur Verfilmung der Geschichte „Glück“ durch Doris Dörrie, die sich die Q11 zwei Wochen zuvor gemeinsam im Kino Passage Erlenbach angesehen hatte, wurde gezogen. Hätte Schirach nicht auch mehr aus seiner 13 Seiten langen Geschichte machen können, so wie es Dörrie für ihren rund 100-minütigen Film tut? Das Podium war sich einig: er hätte schon, aber gerade durch die Kürze entwickeln Schirachs Stories ihre Wirkung.
Insbesondere die Frage nach Recht und Gerechtigkeit bewegte die Gemüter. Wie soll man umgehen mit einem Verbrecher, dessen Tat oder wenigstens dessen Tatmotiv man nachvollziehen, vielleicht sogar verstehen kann? Schirach – oder sein Ich-Erzähler, die Grenzen sind sicherlich fließend – ergreift nicht selten Partei für die Verbrecher und wirft ein rechtsphilosophisches Problem auf, nämlich welchen Sinn Strafen haben sollen. Geht es um Resozialisierung oder um Rache der Gesellschaft? Wer Letzteres erwartet oder verlangt, wird mit Schirachs Geschichten seine Probleme haben. Der Versuch eines Fazits: Manchmal irrt Justitia, manchmal täuscht sich unser Gerechtigkeitsgefühl.

Wie sich Lehrer täuschen können, zeigte die Diskussion über Martin Suters „Ein perfekter Freund“: Der von ihnen mit der Überzeugung, er würde den Schülern gefallen, ausgesuchte Roman konnte nicht recht begeistern und wurde als „das schlechteste von den drei Büchern“ gesehen.

Podium - Suter

Fachkundig kritisiert wurden eine verwirrende Anzahl von Nebenfiguren, erzählerische Längen und komplizierte Handlungsverwicklungen, hervorgerufen durch die Amnesie der Hauptfigur, Fabio Rossi. Dieser hat, als er im Krankenhaus aufwacht, seine Erinnerungen an die letzten 50 Tage seines Lebens verloren, 50 Tage, in denen er sich bei seinem Umfeld durch sein Verhalten sehr unbeliebt gemacht hat. Die für Suter typische Thematik des Identitätsverlusts warf bei den Podiumsteilnehmer einige Fragen auf: Welche Seite von Fabio ist nun der echte Fabio? Ist er nun ein mieses Schwein? Ändert er sich im Verlauf des Romans? Ist er also doch ein guter Kerl? Und ist er jetzt „ein perfekter Freund“ oder ist damit doch Fabios Freund Lucas Jäger gemeint? Vehement wurden Meinungen verteidigt, Positionen fundiert vertreten und kultiviert gestritten.
Eines wurde im Verlauf der Diskussion aber klar: Der Roman ist schwer zu lesen, aber so schlecht, wie er zu Beginn gesehen wurde, ist er dann doch nicht. – Vielleicht ja irgendwie sogar doch ganz gut?
Schließlich war man sich einig, sich nicht einig zu sein – nicht einmal beim Romanschluss: Für den einen hat der Roman ein geschlossenes Ende, für die andere ein völlig offenes. So kann in diesem Fall wohl mit Recht Marcel Reich-Ranickis von Brecht entlehntes Bonmot bemüht werden: „Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Ganz anders verhielt es sich bei der Diskussion über Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. Als die Einstiegsfrage, ob der Roman „ein ganz großer Wurf“ sei, wie es der Buchumschlag dem Leser verspricht, mit einem klaren und einhelligen „Ja“ beantwortet wurde und René sogar äußerte: „Ich habe mich in diesem Buch verloren“, war klar: Hier herrschte große Einigkeit. Doch es sollte sich zeigen, dass diese kein Nachteil für die folgende Gesprächsrunde sein sollte.

Podium - Borrmann

Über zivile Helden und jugendliche Schuld wurde im Folgenden gesprochen, über erwachsenes Schweigen und Verdrängung, über Liebe, Eifersucht und Verzweiflung, Freundschaft und Verrat. Charaktere wurden einfühlsam analysiert, ihre Schwächen aufgedeckt, ihre Veränderungen durch die NS-Zeit und ihre eigenen Taten thematisiert, bis am Ende die Erkenntnis stand: „Gib einem Menschen Macht, dann erkennst du seinen wahren Charakter.“
Auch die Sprache des Romans wurde unter die Lupe genommen: klar und kalt da, wo die Handlung sie verlangt, poetisch dort, wo die Umstände es zulassen. So poetisch, dass ein Raunen durch den Saal ging, als der Lehrer eine poetische Beschreibung eines Liebesaktes vorlas, kontrastiert durch eine Passage, die den Leser kalt und sachlich mit der zerstörerischen Gewalt des Krieges konfrontiert. „Sätze“, so Maria-Anna, „die man sich raus schreibt und sich dabei denkt: ja – ja, das ist richtig.“
Die Podiumsteilnehmer diskutierten so engagiert und begeistert über den Roman, dass der Lehrer kaum einmal sein Schweigen brechen musste. Und wenn dann noch aus dem Plenum Anmerkungen kommen, wie dass die oft am Kapitelanfang zu findenden „Wetterberichte“ die Atmosphäre der kommenden Handlung vorzeichnen, dann kann man sich als Lehrer wirklich nur noch stolz zurücklehnen.

Wer das Schweigen bricht„Ich entwickle eine Geschichte um ein Thema herum, das mich interessiert“, erklärte Mechtild Borrmann, als sie schließlich selbst in die Diskussion eingriff. „Auslöser für dieses Buch war ein Gespräch, in dem jemand sagte, dass wir bald keine Zeitzeugen mehr für diese Epoche der Geschichte haben werden“. „Ich habe 25 Leute interviewt, die ihre Kindheit und Jugend in dieser Zeit verbracht haben, und die kleinen Geschichten in diesem Buch wurden mir auch so erzählt, während ich die Rahmenhandlung erfunden habe. Und die Sprachlosigkeit, die einem bei den Figuren ständig begegnet, war eben die Sprachlosigkeit, die mir bei diesen Menschen begegnet ist, die zum Teil 60 Jahre nicht über ihre Erlebnisse geredet hatten und sie mir jetzt erzählten.“ Vielleicht sind es bald auch Bücher wie dieses, die uns als eine Art Zeitzeugenbericht dienen können.

Als Mechtild Borrmann anschließend rund 25 Minuten ihre Kurzgeschichte „Aufnahme“, eine Variation über „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff, las, wurde abermals die Problematik, mit der Schuld junger Menschen umzugehen, deutlich und die beklemmende Atmosphäre der Geschichte einer Mutter, die ein Video für ihren inhaftierten Sohn aufnimmt, mischte sich mit einer gespannten Stille im Hilde-Domin-Saal, in der man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können.

Im Anschluss an die Lesung nahm sich Mechtild Borrmann noch bereitwillig Zeit, um die vielen mitgebrachten Bücher der Schülerinnen und Schüler (und Lehrkräfte) zu signieren. An dieser Stelle sei ihr von allen Beteiligten für ihren großen Beitrag zu einem sehr gelungenen Literaturquartett am JEG herzlich gedankt!

Am Ende eines für sie überaus befriedigenden Tages blieb den beteiligten Lehrkräften – Susanne Burkert, Harald Fischmann, Jan Hendrik Schmidt, Susanne Schmitt und Dr. Bertram Söller – nur noch eines zu tun übrig: sich bei allen Schülerinnen und Schülern der Q11 herzlich für ihr Engagement zu bedanken, durch das auch dieses Jahr das Literaturquartett am JEG ein großer Erfolg war.

 

Zur Autorin:

Mechtild BorrmannMechtild Borrmann wurde 1960 in Köln geboren und hat ihre Kindheit und Jugend in Kleve am Niederrhein, nahe der holländischen Grenze verbracht. Die dort gesammelten Eindrücke spielen auch in vielen ihrer Bücher eine wichtige Rolle. Inzwischen arbeitet sie hauptberuflich als Schriftstellerin, nachdem sie zuvor als Erzieherin, Gestalttherapeutin, Personalmanagerin, Tanz- und Theaterpädagogin, Groß- und Außenhändlerin und Restaurantbetreiberin tätig war. Sie lebt heute in Bielefeld.

www.mechtild-borrmann.de
 


Autorenecho von Mechtild Borrmann

Als ich die Einladung an das Julius-Echter-Gymnasium bekam, habe ich spontan zugesagt. Die Aussicht „Wer das Schweigen bricht“ mit Menschen zu diskutieren, die heute so alt sind wie meine Protagonisten im Jahre 1939,  fand ich höchst interessant.

Und – ich war begeistert!

Die Diskutanten hatten sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und die Art,  wie sie die Figuren analysierten und deren Verhalten einordneten, zeigte auch, dass sie sich detailliert mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt hatten und die Auswirkungen der politischen Verhältnisse nachvollziehen konnten.
Die Motive der Protagonisten wurden durchaus konträr diskutiert und die Einflüsse jener Zeit: die Mechanismen eines alles kontrollierenden Staates, der Machtmissbrauch, um persönliche Ziele zu verfolgen, und das Gefühlschaos einer überforderten Generation wurden thematisiert.
Zum Ende der Diskussion stellte eine der Diskutantinnen fest: „Im Grunde hat Hanna Höver drei Menschen getötet. Leonard, Jacob und Jahre später dann Rita Albers.“ und brachte damit die Schuldfrage in die Diskussion ein. Eine Frage, die mich im gesamten Schreibprozess begleitet hat und auf die wohl jeder für sich selbst eine Antwort finden muss.
Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich in den Interviews mit Zeitzeugen oft gehört habe: „Ach, das können die, die die Zeit nicht erlebt haben, doch gar nicht verstehen.“ 
Ich habe an diesem Nachmittag gelernt: Doch die können!

Ich bedanke mich für den angenehmen Nachmittag. Ich habe viel gelernt.
 

Bücher von Mechtild Borrmann

Wenn das Herz im Kopf schlägt (2006, KBV-Verlag)
Morgen ist der Tag nach gestern (2007, Pendragon Verlag)
Mitten in der Stadt (2010, Pendragon Verlag)
Aufnahme (Kurzgeschichte in „So wie du mir – 19 Variationen über ‚Die Judenbuche‘ von Annette von Droste-Hülshoff“, 2010, Pendragon Verlag)
Wer das Schweigen bricht (2011, Pendragon Verlag)
Ihr nächstes Buch Der Geiger wird im Herbst 2012 im Droemer Knaur Verlag erscheinen.
 
Text und Bilder: JH Schmidt