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Literaturquartett am JEG

Das JEG und das „Literaturquartett“

Spaß an Literatur wecken, vor allem an moderner, war eines der Ziele, das man vor 16 Jahren am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld mit einer besonderen Aktion erreichen wollte: Schon seit sechs Jahren lief im ZDF die erfolgreiche Büchersendung von Marcel Reich-Ranicki „Das Literarische Quartett“ und zwei Lehrer des JEG waren davon so begeistert, dass sie auch an ihrer Schule einen Versuch starten wollten, sich endlich mal mit Schülerinnen und Schülern mit Literatur so zu beschäftigen, dass nicht der Blick auf bevorstehende Schulaufgaben oder auf andere Prüfungen den Spaß an Belletristik trüben sollte.
Dr. Bertram Söller und Dr. Heinz Linduschka riefen 1994 eine Veranstaltung ins Leben, die heute zu einer festen Einrichtung am JEG geworden ist. Der Vorzug dieser Institutionalisierung: Jeder Elftklässer weiß, dass er sich im nächsten Jahr einen ganzen Tag lang mit moderner Literatur beschäftigen wird und dafür auch drei bis vier Romane lesen muss oder darf.
Spätestens Anfang Dezember erhalten die Kursteilnehmer der K12 in den Leistungs- und Grundkursen Deutsch die drei oder vier Titel genannt, die sie in den nächsten Wochen und Monaten lesen sollen. Jeder Kurs ist für ein Buch besonders verantwortlich, was allerdings nicht heißt, dass die Kursteilnehmer die anderen Bücher nicht lesen. Aus jedem Kurs wird für jedes Buch ein Schüler/eine Schülerin für die jeweilige Kritikerrunde ausgewählt, allerdings erst kurz vor der Veranstaltung, um alle Kursteilnehmer zum intensiven Lesen anzuregen. Meist Mitte oder Ende Februar findet dann einen Tag lang das „Literaturquartett“ statt. Alle Kollegiatinnen und Kollegiaten – in den letzten Jahren immerhin 80 bis 115 Mädchen und Jungen - treffen sich im großen Veranstaltungsraum. An der Stirnseite des Raums sind vier oder fünf Sessel platziert – die Sitzgelegenheit für die „Kritiker“. Aus jedem Kurs ist ein Teilnehmer in dieser Runde, dazu noch der Kursleiter des Kurses, „dessen“ Buch gerade behandelt wird. Der Kursteilnehmer des „zuständigen“ Kurses stellt in etwa drei bis fünf Minuten das Buch subjektiv und durchaus auch emotional vor, indem er die Handlungsstränge nennt, Problemfelder des Buches aufzeigt und eigene Bewertungen einfließen lässt. Dann kommt es zur Diskussion in der „Kritikerrunde“, in denen die Lehrkraft als „normaler“ Teilnehmer agieren und möglichst die Lehrerrolle vermeiden soll. Bei Bedarf kann er natürlich Anstöße geben, durch Diskussionsbeiträge das Gespräch in eine Richtung lenken, die er für wichtig hält – aber diese Möglichkeit haben natürlich auch die anderen „Kritiker“. Im Durchschnitt – und auch in der Zeitplanung des Tages – werden für ein Buch 45 Minuten vorgesehen.
Sobald es sich ergibt, wird – ein großer Gegensatz zum „Literarischen Quartett“ des ZDF – das Plenum in das Gespräch mit einbezogen. Hier kommt es darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. In der Praxis hat sich das aber als unproblematisch erwiesen, weil die Schülerinnen und Schüler durch ihr Verhalten deutlich machen, wenn sie sich einschalten wollen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben ein breites Spektrum an Möglichkeiten geboten: Es gab Fälle, wo die Begeisterung über das Buch oder dessen entschiedene Ablehnung so groß war, dass sich fast unmittelbar nach der Vorstellung des Romans die ersten Finger hoben. Bodo Kirchhoffs „Schundroman“ war im Jahr 2005 so ein Beispiel. Aber es gab auch Fälle, bei denen kaum Diskussionsbedarf feststellbar war. Ganz wichtig ist deshalb die Flexibilität bei der Planung des Tages: Man muss bereit sein, den Zeitplan spontan umzustellen. Wenn ein Buch nach 30 Minuten keinen Gesprächsstoff mehr liefert, dann sollte man nach einer kurzen Pause zum nächsten übergehen. Erfahrungsgemäß kann man diese eingesparten 15 Minuten bei einem der nächsten Titel gut brauchen, wenn die Diskussion sehr lebhaft wird.
In den letzten Jahren hat es sich bewährt, eine Mittagspause von mindestens 90 Minuten einzuplanen. Bei uns sorgt die 12. Jahrgangsstufe selbst für die Verpflegung – eine Möglichkeit, alle Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung dieses Tages zu beteiligen. Und wer die Gespräche in der Mittagszeit hört, wird merken, dass die Literatur durchaus noch nachwirkt – auch in der Mittagspause.
 

Das „Literarische Quartett“ des ZDF

Da das „Literarische Quartett“ des ZDF die Anregung und Vorlage für unser „Literaturquartett“ lieferte und jüngere Kolleginnen und Kollegen möglicherweise nicht mehr so genau wissen, worum es in dieser Sendung ging, hier ein paar Informationen über diese Sendung:
Die 75 Minuten lange Sendung lief vom März 1988 bis zum Dezember 2001 zunächst viermal im Jahr, dann sechsmal im ZDF immer von 22.15 bis 23.30 Uhr. In jeder Sendung wurden fünf Bücher – aktuelle Belletristik oder Wiederauflagen – vorgestellt, immer von vier Gesprächsteilnehmern. Feste Teilnehmer waren der Initiator der Sendung, Marcel Reich-Ranicki, Helmut Karasek und Sigrid Löffler, die nach einem Eklat im Sommer 2001 von Iris Radisch abgelöst wurde. Dazu kam jedes Mal ein Gast, der das Trio zum Quartett ergänzte. „Unterhaltung, Kritik, Polemik“ – so Reich-Ranicki – war das Ziel der Sendung, in der jedes Buch nach einer Einführung durch einen Teilnehmer bis zu 15 Minuten lang meist kontrovers diskutiert wurde. Erstaunlich und wichtig zugleich: Das Konzept der Sendung setzte ausschließlich auf das Wort – nur die Bücher wurden jeweils einmal kurz eingeblendet. Absprachen vor der Sendung gab es nicht, die Bücher wurden von den vier Gesprächsteilnehmern ausgewählt, was also bewusst subjektiv war, auch wenn sie sich am vermuteten Zuschauerinteresse orientierten. Der Einfluss der Sendung auf den Buchmarkt war verblüffend groß – und zwar fast unabhängig davon, ob ein Buch begeistert gelobt oder hart kritisiert wurde. Wichtig war: Das Buch musste besprochen werden! Viele Buchhandlungen gestalteten mit den Titeln ihre Schaufenster, orderten vor der Sendung viele Exemplare – oft zu Recht. Alfred Kerrs „Wo liegt Berlin“ wurde in den zwei Wochen nach der Sendung beispielsweise 30 000 mal verkauft.
Die Zuschauerzahl pendelte – trotz der späten Sendezeit und trotz des Verzichts auf fernsehgerechte Inszenierung – immer so um die eine Million und jede Sendung konnte auf 15 bis 20 Berichte in der Presse rechnen. Und obwohl die Zuschauer von Reich-Ranicki strikt auf ihre passive Zuhörerrolle beschränkt wurden, waren beim ZDF in der Regel für die Sendungen der nächsten acht bis zwölf Monate keine Karten mehr zu bekommen. Die Sendung erntete jahrelang auch bei Autoren viel Kritik, obwohl Reich-Ranicki mit ihr expressis verbis moderne Literatur fördern wollte. Als sie aber nach knapp 14 Jahren eingestellt wurde, war das Bedauern groß. Zwei Beispiele für viele druckte am 8.12.2001 die Tageszeitung „Die Welt“ ab:

Robert Gernhardt, Lyriker
„Nun da der Vorhang sich endgültig senkt, sei mir eine letzte persönliche Erinnerung an die Serie erlaubt. Da ich keine Romane schreibe, konnte ich ihr mit interesslosem Wohlgefallen folgen. Bis zu jenem Abend, als auch mein Name fiel, da die Weihnachtsbuchempfehlungen der vier sich nicht auf Prosa beschränkten: Reich-Ranicki persönlich empfahl am Ende der Sendung vorm Christfest 1997 meinen Gedichtband „Lichte Gedichte“, und ratzfatz gingen vor Heiligabend noch viertausend Exemplare weg. Das hat mit seinem Singen „Das literarische Quartett“ getan – es war eine sehr einnehmende Serie. Schade, dass sie eingestellt wird.“

Bernhard Schlink, Romancier
„Ich denke, dass die Bedeutung von Marcel Reich-Ranickis „Literarischem Quartett“ gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Da trat plötzlich jemand im Fernsehen auf, bei dem großes literarisches Wissen vorausgesetzt wird, der über Bücher aber besten Gewissens einfach aus seinen persönlichen Vorlieben und Abneigungen heraus urteilt – in unserem Land, das traditionell einen großen Unterschied zwischen U- und E-Kultur macht und bei Literatur gerne einen hohen Ton anschlägt, war das befreiend.“
 

Das „Rahmenprogramm“

Das ZDF-„Literaturquartett“ hat ganz bewusst auf die Wirkung des Wortes gesetzt. Das tun wir beim „Literarischen Quartett" auch, haben uns aber entschlossen, eine Art „Highlight“ zu setzen. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten.

a) Einladung von Autoren: Das ist sicher die beste Möglichkeit, aber auch die schwierigste. Wenn es gelingt, einen Autor einzuladen, dessen Buch besprochen wird, dann profitieren davon alle am meisten: Schüler, Lehrer und Autor. Viele gelungene Beispiele haben wir in den letzten Jahren erlebt: 2006 war Markus Orths anwesend, dessen Roman „Corpus“ besprochen wurde, 2007 war Klaas Huizing zu Gast und hörte zu, was die „Kritiker“ zu seinem „Buch Ruth“ zu sagen hatten. Beide nahmen im Anschluss zu den Bemerkungen der Schülerinnen und Schüler ausführlich Stellung und waren voll des Lobes für die Qualität der Beiträge. Anschließend lasen beide noch aus neuen, z. T. unveröffentlichten Werken. 2009 waren sogar gleich zwei Autoren anwesend, die es ihren Vorgängern gleich taten: Heiko Wolz und Harald Grill. Die Probleme bei diesem Verfahren: Es ist nicht einfach, ein geeignetes Werk und einen Autor zu finden, der an diesem Tag zur Verfügung steht – eine lange Vorbereitung ist nötig. Und die Finanzierung muss geregelt werden. Eine Möglichkeit: eine Lesereise zu organisieren und Nachbarschulen einzubinden, um die Kosten zu senken, oder einen Sponsor zu suchen, der mit dem Autor eine Abendlesung veranstaltet und damit teilweise den Auftritt des Autors beim „Quartett“ mitfinanziert.

b) Verfilmung des Romans: Eine finanziell günstigere Möglichkeit ist es, eine Verfilmung des gelesenen Romans zu zeigen. Ob man das mit einer Leihkopie in der Schule tut oder – wie bei uns – in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Kino, bleibt jeder Schule überlassen. Wichtig ist auch hier die Suche nach geeigneten Werken, die verfilmt sind. Außerdem sollte man in diesem Fall sinnvollerweise eine Filmanalyse anschließen – ohnehin ein Thema, das in den nächsten Jahren auch in Lehrplänen immer größeren Stellenwert gewinnen wird.

c) Ein Thema eines Romans – oder sogar mehrerer Werke – kann am Projekttag vertieft werden. Ein Beispiel: 2005 lasen und besprachen wir Karen Duves „Das ist kein Liebeslied“ und gestalteten einen Tag zum Thema „Gesunde Ernährung“. Wir luden Essberater und Mediziner ein, schalteten das Gesundheitsamt des Landkreises ein und sorgten – zusammen mit der Hauswirtschaftslehrerin der Schule – in der Mittagspause für ein gesundes Mittagessen.

Der Umfang des „Rahmenprogramms“ kann – je nach gewählter Variante – schwanken, beträgt aber im Regelfall mindestens 90 Minuten. Nach unseren Erfahrungen ist das auch ganz wichtig, denn trotz allen Vertrauens auf das Wort und auf Literatur sollte man dafür sorgen, dass an einem Tag, der von 8 bis 16 Uhr dauert, Methodenwechsel und inhaltliche Vielfalt geboten werden.